20 Zeitzeugenberichte

"Audioarchiv Kunst" berichtet über über Kunstszene Rheinland

Bonn. Das „Audioarchiv Kunst“ über die frühe Kunstszene im Rheinland ist eine wahre Fundgrube. 20 Zeitzeugenberichte sind bereits online gegangen.

Eine erstaunliche Karriere vom Sportreporter zum Feuilletonchef wird beschrieben, das Geständnis, dass für den Maler Karl-Otto Götz Köln eine „Negativstadt“ war, enthüllt, und dann sind da noch die Geschichten über die trubelige Klasse Beuys an der Düsseldorfer Akademie: Das „Audioarchiv Kunst“ ist eine wahre Fundgrube.

Wenn etwa der Psychologe und Kunstwissenschaftler Friedrich Wolfram Heubach von der Produktion seiner collagehaften „Interfunktionen“-Hefte erzählt, die er in Heimarbeit mit Bügeleisen, Klebstoff oder Honig herstellte, klingt das wie ein Bericht aus einer fernen Welt. Die legendäre Zeitschrift erschien zwischen 1968 und 1974 in zwölf Ausgaben, Auflage im Schnitt hundert Exemplare.

„Ich war froh, wenn ich so ein 'Interfunktionen'-Heft durch den Druck gebracht hatte. Ich habe ja alles selber getippt und diese Titel mit Letraset, wo man jeden Buchstaben von einer Folie abreiben muss, angefertigt. Das war eine irrwitzige Arbeit“, sagt er, „Kunst musste es nicht sein, es musste einfach nur einen anderen Blick auf die Wirklichkeit eröffnen.“ Und es war auch eine Art Gegenöffentlichkeit, denn Heubach bot Künstlern, die nicht auf der documenta 4 dabei waren, wie Richard Long, Dan Graham, Joseph Beuys, Arnulf Rainer, Daniel Buren, Marcel Broodthaers und vielen anderen, eine Möglichkeit, ihre Arbeiten im Magazinformat zu erstellen.

Begegnung mit Gotthard Graubner in Hombroich

Die „Interfunktionen“-Hefte sind inzwischen begehrte Sammlerobjekte, und nur noch Eingeweihte wissen über jenes quirlige Organ Bescheid, das dem damals brodelnden Kunstbetrieb im Rheinland den Puls fühlte. Es gebe viele solche Geschichten, Anekdoten, Fakten, Erinnerungen, die es wert seien, konserviert zu werden, meint die Kunsthistorikerin und Journalistin Sabine Oelze. Zusammen mit ihrer Kollegin Marion Ritter, die auch Kuratorin und Kunstbloggerin ist, hatte Oelze den Maler Gotthard Graubner kurz vor seinem Tod auf der Insel Hombroich besucht. Der Künstler kam ins Reden.

„Hintergründe von früher, Namen die keiner mehr kennt, tauchten auf“, erzählt Oelze. Die Atmosphäre der noch jungen rheinländischen Kunstszene wurde lebendig. Oelze und Ritter kamen auf die Idee, solche Erinnerungen zu sammeln: Es wäre ein Jammer, wenn diese Geschichten verloren gingen, meint sie. Also führten sie Interviews mit Künstlern wie Mary Bauermeister, Rissa, Konrad Klapheck, Gary Kuehn und Ulrike Rosenbach, mit dem Kritiker und Kurator Klaus Honnef, mit Museumsleuten wie Wulf Herzogenrath und Kasper König, Buchhändlern und Verlegern wie seinem Bruder Walther, Sammlern wie Rolf Ricke und Paul Maenz sowie Galeristen wie Rudolf Zwirner.

Eine eindrucksvolle Landschaft von Zeitzeugen der Kunstszene im Rheinland. Jeweils rund einstündige Interviews entstanden. Oelze und Ritter schnitten dann die Fragen heraus, so dass mitunter sehr witzige, geistreiche Monologe von hohem Informationswert zusammenkamen. Im „Audioarchiv Kunst“ kann man diese Statements in Gänze abhören oder auch thematisch portioniert. „Stimmen zu den Anfängen der zeitgenössischen Kunst im Rheinland“ ist das ambitionierte Projekt untertitelt. Die Stimmen sind auf der Homepage „audioarchivkunst.de“ versammelt. Kurz vor der diesjährigen Art Cologne ging das Audioarchiv mit zehn Zeitzeugenberichten online. Gerade sind weitere zehn im Internet veröffentlicht worden. Im Herbst und im Frühjahr folgen weitere Tranchen.

Und dann? Oelze: „Dann ist erstmal das Geld aus.“ Gerne würden die beiden Journalistinnen weitermachen, mit Interviews auch die 1980er und 1990er Jahre im Rheinland erschließen. Doch die Mittel von der Stadt Köln und dem Landschaftsverband Rheinland reichen nur für den ersten Zeitraum – der Spendenbutton auf der Seite werde ignoriert, klagt Oelze.

Klaus Honnefs Berufslaufbahn

Das Audioarchiv Kunst ist eine wunderbare Fundgrube. Herrlich etwa, wenn der heute in Bonn lebende Klaus Honnef über seine journalistischen Anfänge in Aachen plaudert. Er war Sportreporter, freier Journalist für das Blatt. Im Winter, wenn in seiner Domäne, dem Springreiten, nichts los war, schrieb er Film- und Studententheaterkritiken. Er absolvierte ein kurzes Volontariat und dann kam gleich der Karrieresprung zum Feuilletonchef. „Die Aachener Nachrichten hatten einen Usus: Sie feuerten gerne ihre Feuilletonchefs – wie sie es fünf Jahre später auch mit mir taten – und ersetzten sie durch Interne.“ So kam er 1965 zu seinem Job. 1968 gründete er das „Zentrum für aktuelle Kunst – Gegenverkehr“, ein wichtiges Forum der Avantgarde.

Es macht auch Spaß, der Malerin Rissa in die frühen 1960er Jahre zu folgen. An der Düsseldorfer Akademie hatte die Studentin an einem Samstag im Jahr 1959 an der Ateliertür des damals 45-jährigen Professors Karl-Otto Götz geklopft. „Wir haben uns in die Augen geschaut und es hat gefunkt“, erzählt sie. 1965 heirateten sie. Rissa erzählt vom ersten Kunstmarkt in Köln, wie schön es war, „so viel junge Kunst zu sehen“, über die erste Pop-Art bei Rudolf Zwirner, über die Antibewegung gegen den Kunstmarkt.

Interna über die Düsseldorfer Kunstakademie besonders interessant

Ulrike Rosenbachs Interna über die Düsseldorfer Kunstakademie und insbesondere die Klasse Beuys sind hochinteressant. Unglaublich farbig sind die Berichte von Mary Bauermeister: „Alles, was Rang und Namen hat, schlief auf meinen Matratzen: John Cage, Christo, der Schriftsteller Hans G. Helms, der Pianist David Tudor, der koreanische Komponist Nam June Paik, der als Erfinder der Videokunst gilt. Dazu haben ihn meine Experimente mit Phosphorfarben inspiriert. Damals hatten wir alle kein Geld, wir waren froh, wenn es Kartoffeln mit selbstgemachter Mayonnaise gab. Unsere bewusstseinserweitertende Droge war der Hunger.“ Mary Bauermeister mietete 1959 eine Dachgeschosswohnung in der Lintgasse 28 in Köln. Dort richtete sie ihr Atelier ein, das zu einem Treffpunkt der Avantgarde wurde.

Die spätere Frau des Komponisten Karlheinz Stockhausen hat eine Gabe, jene turbulente Zeit wieder aufleben zu lassen. Ähnlich bunt sind Kasper Königs Erinnerungen an die Anfänge als Volontär bei Rudolf Zwirner. Da musste er zwar immer den Staubsauger von der Zwirner-Wohnung in die Galerie tragen, hatte aber auch wichtige Begegnungen mit Künstlern der Galerie. „Die paar Monate, die ich in Köln war, waren ziemlich entscheidend.“