Inszenierung verbindet Komik und Tiefe

"Amadeus" im Contra-Kreis-Theater

Bonn. Große Gefühle, tiefe Einsichten und feine Komik: „Amadeus“ im Contra-Kreis-Theater macht dem Publikum richtig Spaß. Die Inszenierung steht bis zum 29. Oktober auf dem Spielplan.

Das Theater wird zum Beichtstuhl. Der Komponist Antonio Salieri (1750-1825) beichtet dem Publikum im Contra-Kreis-Theater seine größte Sünde: den Mord an seinem Kollegen Wolfgang Amadeus Mozart. Dem war somit nur die kurze Lebensspanne zwischen 1756 und 1791 vergönnt. „Verzeih deinem Mörder“, sagt der in einem Rollstuhl sitzende Matthias Schuppli, der den alten und hinfälligen Salieri in Peter Shaffers Stück „Amadeus“ verkörpert. Danach erzählt er den Zuschauern die tödlich endende Geschichte eines Konflikts.

Lajos Wenzels hat Shaffers Drama mit einem achtköpfigen Ensemble inszeniert. Die Koproduktion von Contra-Kreis und Jungem Theater Bonn (JTB) besitzt alles, was ein Bühnenhit braucht: Tempo, Dramatik, große Gefühle und tiefe Einsichten in Musik und künstlerische Produktion. Contra-Kreis und JTB machen ein Angebot, das kein Theaterliebhaber ablehnen kann; bis 29. Oktober steht „Amadeus“ auf dem Spielplan.

Salieri wird Zeuge einer Offenbarung

„Mir war“, erinnert sich Salieri auf Brigitte Winters dezent gestalteter Bühne, „als hätte ich eine Stimme Gottes gehört.“ Der Wiener Hofcompositeur war Zeuge einer Offenbarung. Durch Mozarts Bläser-Serenade B-Dur (KV 361) sprach Gott für ihn zu den Menschen. Doch das Medium, das der Herr sich für diesen Zweck ausgewählt hatte, fand nicht die Billigung des Kapellmeisters: Gottes Stimme erklang aus einem obszönen Kind.

Shaffers Stück basiert auf einer radikalen Rivalität. Salieri berichtet, wie er 30 Jahre zuvor die Karriere des Salzburger Genies durch Intrigen, Lug und Trug behindert hat. Das ist die eine Ebene des Stückes. Es bietet dank seiner pointierten Situationen und Figuren, seiner melodramatischen Zuspitzungen und seines rücksichtslosen, aber effektvollen Umgangs mit der historischen Wahrheit reiche Unterhaltung. Das Publikum kommt auf seine Kosten. Und den Schauspielern schenkt der Autor geschliffene Dialoge und raffinierte Bosheiten.

In erster Linie aber behandelt Shaffer nicht den Konflikt zwischen zwei Komponisten, sondern das Duell zwischen dem mittelmäßigen Komponisten, der aufstrahlen wollte wie ein Komet, und der Kraft, die seinem überlegenen Rivalen innewohnt: Gott. Zeitlebens hat er darum gekämpft, Gott mit seiner Musik zu dienen. Da er im Unterschied zu Mozart aber nur unzulänglich mit Inspiration versorgt wurde, erklärt Salieri Gott den Krieg. Er will sein Medium vernichten. Schuppli beglaubigt die Motivation des Kapellmeisters.

Inszenierung verbindet Komik und Tiefe

Seine Eifersucht und Mordgelüste gründen auf profunder Kenntnis von Musik und Menschen. Dass er sich durch seine Genievernichtungsanstrengungen unrettbar korrumpiert und am Ende selbst auslöscht, ist seine Tragik. Mozarts Tragik besteht darin, dass ihm die Kunst zufliegt, aber er kein Sensorium für Lug, Trug und Intrigen entwickelt hat. Hermann Bedke spielt ihn wie einen Springfrosch in Rot, lässt aber unter all seiner anarchischen Fäkalrhetorik und Lust an Parodie und Angeberei nicht vergessen, dass in diesem großen Kind ein großer Künstler verborgen ist – und eine empfindsame Seele.

Die Inszenierung verbindet wie Shaffers Stück Komik und Tiefe. Nima Conradt, Bernard Niemeyer und Axel Hinz setzen ihrem höfischen Personal die richtigen Masken auf, um beim Kaiser Joseph II. (Thomas Kahle) nicht unangenehm aufzufallen. Sie sind geschmeidig sich drehende Rädchen im Getriebe des österreichischen Hofes. Kahle gibt einen herrlich abgeklärten Herrscher, dessen Refrain „Spektakel müssen sein“ die Inszenierung hübsch auf den Punkt bringt. Olja Artes als Mozarts Frau Constanze offenbart ungeachtet ihrer starken Seiten, welche Verletzungen im Leben mit einem Genie (und Hallodri) programmiert sind. Der Tod Mozarts ist sehr bewegend im Contra-Kreis.

Zum musikalischen Gelingen des Abends, der auch ein Best-Of-Mozart transportiert, tragen Sarah Bouwers als Katharina Cavalieri und Stephan Ohm als Kapellmeister Bonno maßgeblich bei. Aber auch die Darsteller Matthias Schuppli (Klavier) und Hermann Bedke (Klavier und Geige) stellen immer wieder ihre instrumentale Kompetenz unter Beweis. Der Lohn: stehende Ovationen eines beglückten Publikums.

Die Inszenierung steht bis zum 29. Oktober fast täglich auf dem Spielplan des Contra-Kreis-Theaters. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.