Kommentar zur Debattenkultur

Am digitalen Pranger

Das Portal „Agent*In“ der Heinrich-Böll-Stiftung nimmt sich Kritiker der Gender-Forschung vor. Der denunziatorische Ton irritiert.

Intellektuelle sollten eigentlich Lust am Erkenntnisgewinn haben. Das lateinische Verb „intellegere“ bedeutet schließlich: erkennen, verstehen. Wer die Debattenkultur in den intellektuellen Milieus in Deutschland verfolgt, wird seit Langem schon eines Besseren belehrt. Erkenntnisgewinn ist in vielen Kreisen erwünscht, aber nur, wenn die Erkenntnisse, Meinungen und Standpunkte nicht am eigenen Weltbild kratzen.

Es gibt Belege für diesen Befund. Der „Spiegel“ zum Beispiel manipulierte, wie berichtet, seine Bestsellerliste und tilgte ein Buch, mit dessen Inhalt das Nachrichtenmagazin nicht einverstanden ist. Die Essaysammlung „Finis Germania“ von Rolf Peter Sieferle sei „rechtsradikal, antisemitisch und geschichtsrevisionistisch“, rechtfertigte der „Spiegel“ seine Maßnahme, alternative Fakten zu schaffen und ein Buch verschwinden zu lassen. So lenkt man Wasser auf die Mühlen jener, die gegen eine angebliche „Lügenpresse“ polemisieren.

Der Kritiker, Autor und Leiter des Hamburger Literaturhauses Rainer Moritz resümierte den Vorgang in der „Neuen Zürcher Zeitung“: „Der Umgang mit Sieferles Aufsätzen ist typisch für die unsouveräne, selbstgerechte Hektik, mit der Teile der Medien seit einiger Zeit mit ihnen unliebsamen Gedanken umgehen.“

Moritz stellte naheliegende Fragen: „Warum nur halten es manche so schwer aus, dass ihre eigenen Gedankengebäude und ihre offenbar für unangreifbar gehaltenen Überzeugungen angezweifelt werden? Warum streitet man nicht, warum diskutiert man nicht, warum macht man sich nicht daran, das Verachtete zu widerlegen, anstatt Geringschätzung zu zeigen?“ Die Vokabel Geringschätzung leitet gleichsam organisch zur Heinrich-Böll-Stiftung und dem Journalisten Harald Martenstein über. Der Buchautor, „Zeit“- und „Tagesspiegel“-Kolumnist weigert sich standhaft, dem Mainstream nach dem Munde zu reden und dem Zeitgeist hinterherzulaufen. Er ist kein Gläubiger, sondern ein Skeptiker – keine schlechte Voraussetzung für einen Journalisten.

Die Skepsis richtet er übrigens auch gegen sich selbst. Er sei, sagt Martenstein, von seiner eigenen Meinung nie ganz überzeugt: „Ich denke immer, dass die anderen vielleicht recht haben könnten.“ In seinen Texten hat er sich bisweilen kritisch mit der Gender-Forschung beschäftigt. Das sollte erlaubt sein. Die Gender-Forschung behauptet zum Beispiel, dass die Unterschiede zwischen Mann und Frau kulturell konstruiert seien. Martenstein ist sich da nicht so sicher. Das hat ihn der Heinrich-Böll-Stiftung, die den Grünen so nahesteht, dass kein Blatt Papier zwischen Stiftung und Partei passt, verdächtig gemacht.

Die Böll-Stiftung hat in Zusammenarbeit mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Autorin Franziska Schutzbach eine Broschüre erarbeitet. Sie heißt „Gender raus!“ und bietet laut Untertitel zwölf Richtigstellungen zu Antifeminismus und Gender-Kritik. Richtiggestellt werden etwa Thesen wie „Die Gender-Ideologie will die Ehe und die Kernfamilie abschaffen“ und „Die Gender-Ideologie will unsere Kinder in ihrer sexuellen Identität verunsichern und frühsexualisieren oder sogar homosexualisieren“.

Das ist alles lesenswert und diskussionswürdig. Allerdings belässt es die Böll-Stiftung nicht bei der Aufklärung. Sie spielt auch die Rolle des Anklägers. Dafür hat sie vor Kurzem im Internet das Portal „Agent*In“ freigeschaltet, ein „kritisches Lexikon zu Antifeminismus“. Es sei nötig, denn: „Angriffe gegen Feminismus, Gleichstellungspolitik, sexuelle Selbstbestimmung, gleichgeschlechtliche Lebensweisen und Geschlechterforschung haben stark zugenommen.“ Die Initiatoren finden es offenbar an der Zeit, Strukturen aufzudecken und Namen zu nennen: die Namen der vermeintlichen Angreifer.

Barbara Unmüßig, Vorstand der Böll-Stiftung, betonte zur Veröffentlichung: „Geschlechterverhältnisse und Sexualität sind schon lange Kampfplatz aufgeladener Debatten und ein globales Phänomen. Für uns als Stiftung und das Gunda-Werner-Institut ist es selbstverständlich, dass wir Antifeminismus und Homophobie nicht unbeantwortet lassen. Die Emanzipation der Geschlechter, Gleichberechtigung, Antidiskriminierung und Anerkennung aller sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten sind zentrale Elemente der Menschenrechte, die es mit Entschiedenheit zu schützen gilt.“

Das Lexikon listet 21 Kategorien auf, von „Biolog*in“ bis „Volkswirt*in“. Natürlich gibt es auch „Journalist*in“ und „Philosoph*in“. Dann folgt eine lange Namensliste von Alfons Adam über Harald Martenstein bis Jana Zitnanska. Zu Martenstein heißt es: „Harald Martenstein ist ein deutscher Journalist, der heteronormative Positionen vertritt.“ Das wird dann wortreich ausgebreitet mit Weblinks und Einzelnachweisen.

Nicht nur für den „Tagesspiegel“-Redakteur Bernd Matthies, der wahrscheinlich auch bald auf der Liste landen wird, liest sich das Kompendium der Böll-Stiftung „wie eine Art Verfassungsschutzbericht der Gender-Szene“. Ihn stören zu Recht der denunziatorische Ton und den wilden „Wiki“-Personenmix aus rechtsextremen Fanatikern, streitbaren Konservativen und liberalen Denkern. Lücken sind unübersehbar. Warum haben sie den Publizisten Henryk M. Broder vergessen?

Der digitale Pranger, den die Böll-Stiftung im Internet aufgestellt hat, ist eine gruselige Konstruktion. Man kann die Emanzipation der Geschlechter, Gleichberechtigung, Antidiskriminierung und Anerkennung aller sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten als zentrale Elemente der Menschenrechte verstehen. Dafür darf man aber nicht leichthin das Recht auf freie Meinungsäußerung zur Disposition stellen.

Die Böll-Stiftung hat böse Geister losgelassen. Wer fängt sie wieder ein?