50-jähriges Jubiläum

"Aktenzeichen XY" begann mit Festnahme in Bad Neuenahr

Mainz. Verbrechensbekämpfung via Bildschirm: „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ wurde zum weltweit kopierten deutschen Fernsehklassiker. Vor 50 Jahren strahlte das ZDF die erste Sendung aus.

Der Gegenwind war kräftig. Er wehte vorwiegend aus dem politisch linksliberalen Lager. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel diagnostizierte ein „Tele-Tribunal“ und eine „Menschenjagd“. Heinrich Böll, der fünf Jahre später mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet werden sollte, erkannte ein „muffiges Grusical für Spießer“.

Und die spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof schrieb in der Zeitschrift Konkret von einem „groß angelegten, phantastischen Menschenbetrug“ in „faschistischer Manier“. Wohl kaum eine andere deutsche Fernsehsendung wurde beim Start so massiv angefeindet wie „Aktenzeichen XY ... ungelöst“. Nun feiert das Format sein 50-jähriges Bestehen.

Die Idee zu „XY“ hatte der 1929 in München als Sohn einer 17-Jährigen geborene Eduard Zimmermann. In der Nachkriegszeit schlug sich der vaterlos Aufgewachsene zunächst in Hamburg als Arbeiter im Zirkus Hagenbeck und Garderobier des Schauspielers Willy Fritsch, später als Dieb und Schwarzmarkthändler durch und verbüßte eine Haftstrafe in der JVA Fuhlsbüttel. Mit einem gefälschten Ausweis und gefälschtem Diplom fand Zimmermann schließlich Arbeit als Straßenbauingenieur in Schweden. Seine Vergangenheit als Straftäter thematisierte Zimmermann später in seiner Autobiografie.

Für eine Reportage im Auftrag der schwedischen Zeitung Dagens Nyheter ging Zimmermann 1949 zurück nach Deutschland – in die sowjetische Besatzungszone. Dort wurde er 1950 wegen Spionage angeklagt und zu 25 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Er musste vier Jahre seiner Strafe in der JVA Bautzen absitzen und kam am 17. Januar 1954 im Rahmen einer Amnestie frühzeitig frei. Anschließend arbeitete Zimmermann als freier Journalist für verschiedene Hamburger Zeitungen sowie später als Redakteur für das Zweite Deutsche Fernsehen.

Zimmermann moderierte auch "Vorsicht, Falle!"

Im ZDF warnte Zimmermann seit 1964 in der ähnlich erfolgreichen (und mit insgesamt 34 Jahren Laufzeit ebenfalls sehr langlebigen) Sendung „Vorsicht, Falle!“ vor Neppern, Schleppern und Bauernfängern. Das neue Konzept, das Zimmermann dem damaligen ZDF-Programmdirektor Joseph Viehöfer vorstellte, ging allerdings weit über Prävention hinaus: Das Fernsehen sollte zur Fahndung und Ermittlung eingesetzt werden, in enger Zusammenarbeit mit der Polizei. Viehöfer gab grünes Licht. Als der Vorschlag auch beim Bundeskriminalamt auf Zustimmung stieß, plante das ZDF, spätestens im Oktober 1967 auf Sendung zu gehen.

Schon zwei Monate vor dem Start war im Spiegel zu lesen: „Zu dieser beispiellosen Großfahndung, einer Art Treibjagd mit moralischem Alibi, ist Zimmermann prädestiniert. Durch sein vorbeugendes Gaunerstück ‚Vorsicht, Falle!’ nämlich wurde er zu Deutschlands prominentestem und erfolgreichstem Hilfspolizisten.“ In den 70er Jahren stand der Moderator auf der Todesliste der RAF, er galt als eine Art Negativ-Ikone des reaktionären Biedermanns.

Durch die Kontinuität der Sendung – Zimmermann moderierte und produzierte sie von 1967 bis 1997 – wurde „Ganoven-Ede“ jedoch zu einer Kultfigur des deutschen Fernsehens. Vom Autor dieser Zeilen 2007, zwei Jahre vor seinem Tod, in einem Interview für den General-Anzeiger auf diesen Imagewandel angesprochen, meinte Zimmermann trocken: „Rückblickend würde ich sagen: Man muss im Leben auch mal ein dickes Fell haben dürfen.“

Am 20.Oktober 1967 startete zur jazzig-gruseligen Titelmusik des Komponisten Ernst August Quelle aus der Halle 1A des Wiesbadener ZDF-Studios „Unter den Eichen“ die erste Reality-TV-Sendung Deutschlands – lange bevor es diesen Begriff überhaupt gab.

Liveschaltungen waren legendär

Mit den Worten „Den Bildschirm zur Verbrechensbekämpfung nutzen, das ist der Sinn dieser Sendereihe“ eröffnete Zimmermann eine neue TV-Epoche. Denn das hatte es im deutschen Fernsehen noch nicht gegeben, nicht im europäischen – und auch weltweit nicht. Nicht einmal in den USA.

Ab März 1968 beteiligte sich im Rahmen der Eurovision das österreichische Fernsehen, ab Januar 1969 auch das Schweizer Fernsehen. Die Live-Schaltungen von Zimmermann in die Aufnahmestudios Wien (in den ersten drei Jahren zu Teddy Podgorsky, dann zu Peter Nidetzky) und Zürich (anfangs Werner Vetterli, dann Konrad Toenz) sind legendär. Der ORF stieg erst Ende 2002 aus der Koproduktion aus, die Schweizer verabschiedeten sich Anfang 2004 aus der Zusammenarbeit.

Zahlreiche andere Länder nahmen eigene Sendungen nach deutschem XY-Vorbild ins Programm: 1982 startete in den Niederlanden „Opsporing Verzocht“, ab 1984 zeigte die BBC in Großbritannien „Crimewatch UK“ und in den USA lief ab 1987 „America’s Most Wanted“. Weitere XY-Varianten wurden etwa in Israel, Kanada, Polen, Ungarn und Neuseeland ausgestrahlt. Eduard Zimmermann hatte also eine wirklich bahnbrechende Idee.

Das Konzept: Von der Kriminalpolizei, die „um Ihre Mithilfe bittet“, wie es bis heute im Vorspann der Sendung heißt, werden der Deutschen Kriminal-Fachredaktion (DKF) Vorschläge für TV-Fälle unterbreitet. Die DKF mit ihrer seit 1997 amtierenden Redaktionsleiterin Ina-Maria Reize wählt die Fernsehfälle aus und dreht die entsprechenden Einspielfilme, vorwiegend mit Laienschauspielern, welche die Vorgeschichte und das jeweilige Verbrechen rekonstruieren. Von Reize stammt auch das Credo: „Wir spiegeln die Gesellschaft.“ Raubüberfälle in Juweliergeschäften, Bankfilialen und Privathäusern zählen ebenso zum festen Inhaltsprofil wie Betrug, Vergewaltigung, Körperverletzung und Mord.

Der erste Erfolg kam schnell

Zum Auftakt am 20. Oktober 1967, gesendet wurde noch in Schwarzweiß, präsentierten die Macher den dringend benötigten schnellen, ersten Erfolg: Nur 14 Minuten nach der Sendung wurde der Anlagebetrüger Johann K., bis dato 18 Monate auf der Flucht, auf einer Kegelbahn in Bad Neuenahr festgenommen.

„Die Erwartungshaltung der deutschen Öffentlichkeit war beträchtlich“, erinnerte sich Zimmermann vor zehn Jahren im GA-Interview. „Von daher war ein Erfolg der Sendung für uns und das ZDF überaus wichtig.“ Wie umstritten „XY“ allerdings lange Zeit blieb, zeigte noch 1989 eine Stellungnahme der konkurrierenden ARD-Verantwortlichen, die das ZDF-Konzept als „Menschenjagd in öffentlich-rechtlichen Medien“ ablehnte, da es „Unterhaltung mit polizeilicher Ermittlungsarbeit“ verquicke.

Nach der Ausstrahlung der nachgestellten Fälle, jahrzehntelang mit der sogenannten „Riffelglas-Wischblende“, die einen Ortswechsel symbolisierte und tatsächlich durch das Schieben einer geriffelten Glasscheibe vor die Kamera gefilmt wurde, folgte der Auftritt echter Kriminalbeamter im Fernsehstudio, um weitere Details des Verbrechens zu skizzieren. Die beiden Medienkritiker Michael Reufsteck und Stefan Niggemeier schreiben dazu in ihrem „Fernsehlexikon“ zwar satirisch überspitzt, aber zutreffend: „Die Inszenierung der Filmfälle war durch explizite Hölzernheit geprägt, die sich perfekt mit den Auftritten der um Orientierung und Fassung ringenden Beamten im Studio ergänzte, die angestrengt beinahe verbfreie Sätze im Polizeideutsch aufsagten.“

Dem deutschen Fernsehpublikum war das egal. In Spitzenzeiten schalteten bis zu 30 Millionen Zuschauer ein, die Sehbeteiligung lag zwischen 55 und 75 Prozent. Aber auch in kriminalistischer Hinsicht wurde die Sendung ein Erfolg: Von den im Lauf der 50 Jahre im Fernsehen präsentierten 4586 Fällen konnten durch Hinweise des TV-Publikums mehr als 40 Prozent aufgeklärt werden.

Eduard Zimmermanns Standardfloskeln („Leider kein Einzelfall“) gehörten ebenso dazu wie sein unerschütterlich nüchterner Moderationsstil. Ab 1987 wurde er von seiner Stieftochter Sabine als Co-Moderatorin im Fernsehstudio unterstützt („Nun zur Personenfahndung – bitte, Sabine.“) Zehn Jahre später, nach 300 Sendungen, hörte der Schöpfer von „XY“ auf und verabschiedete sich in einer überlangen Sondersendung, in der er im Gespräch mit Frank Elstner seine größten Fälle aus drei Jahrzehnten Revue passieren ließ. Die nächsten vier Jahre präsentierte der Rechtsanwalt Butz Peters den TV-Klassiker – und vollbrachte das Kunststück, die Sendung noch dröger zu moderieren als sein Vorgänger.

Konkurrenz vom Privatfernsehen

Inzwischen hatte „XY“ in Deutschland Konkurrenz von den Privaten bekommen: Die von Ulrich Meyer für Sat.1 produzierte „Fahndungsakte“ ging 1997 auf Sendung und kam, verglichen mit dem großen ZDF-Vorbild, extrem reißerisch und voyeuristisch daher. Oftmals wurden auch das Leid der Angehörigen und sogar private Aufnahmen, etwa von der Beerdigung des Opfers, unnötigerweise zur Schau gestellt.

Während „XY“ nur auf Initiative der Polizei aktiv wurde, schlug die „Fahndungsakte“ den umgekehrten Weg ein: Meistens suchten sich die Fernsehredakteure spektakuläre Fälle aus und fragten bei der Polizei, ob man daraus nicht etwas machen könne. Diese effekthaschende, grelle „XY“-Variante lief nicht allzu lange: Sat.1 schloss die „Fahndungsakte“ bereits im Jahr 2000. Den Stil und die Bildsprache von „XY“ hat die private Version allerdings schon ein wenig beeinflusst.

Der frühere Eiskunstläufer und Sportmoderator Rudi Cerne ist seit Januar 2002 das Gesicht von „Aktenzeichen XY ... ungelöst“. In grauer Vorzeit schon einmal wegen seiner damaligen, frappierenden optischen Ähnlichkeit mit dem RAF-Terroristen Christian Klar vorläufig festgenommen, hat Cerne das zeitweise hüftsteif gewordene Format wieder geschmeidiger gestaltet. Seit 2008 läuft das televisionäre Fahndungsmagazin nicht mehr 60, sondern 90 Minuten – gezeigt werden acht statt bislang fünf Filmfälle. Jene einst belächelten Einspielfilme haben ihre bisweilen unfreiwillige Komik verloren. Fünf Millionen Zuschauer schalten regelmäßig ein, eine für heutige TV-Zeiten sehr gute Quote.

Der ebenso smarte wie seriöse Moderator Rudi Cerne, der sich am Ende jeder Sendung mit der Formel „Bleiben Sie sicher“ von den verunsicherten Zuschauern verabschiedet, hat „XY“ erfolgreich ins 21. Jahrhundert transportiert. Ihm ist zuzutrauen, das Format auch weitere 15 Jahre lang zu moderieren – und damit die gleiche Amtszeit wie sein legendärer Vor-Vorgänger zu erreichen, der nach wie vor im Abspann als Erster genannt wird: „Eine Sendung von Eduard Zimmermann“.