GA-Interview

„Sie werden feststellen, dass Jazz nicht wehtut“

Bonn. Am 12. Mai startet das achte Jazzfest Bonn, das bis zum 27. Mai internationale Künstler der Jazz-Szene vorstellt. Initiator, Seele und Chef des Festivals ist der Bonner Saxofonist Peter Materna. Mit ihm sprach Thomas Kliemann.

Zwölf Konzerte stehen auf dem Programm, 6000 Besucher werden an zehn Spielorten von der Oper bis zur Bundeskunsthalle und der Brotfabrik erwartet.

Was macht ein Festivalchef vier Wochen vor dem Start? Programm steht, Kartenverkauf läuft. Gibt es schon Pläne für 2018?

Peter Materna: Es läuft irrsinnig viel. Die PR läuft auf Hochtouren. Wir sind noch nicht ausverkauft. Was ich gut finde. Früher waren die Leute sauer, wenn wir Ende des Jahres (fünf Monate vor dem Festival!) keine Karten mehr hatten. Wir haben die Kapazitäten vergrößert, es gibt also „noch“ Karten.

Und die Planungen?

Materna: Ich bin natürlich bei 2018 und 2019. Und denke schon stark an unser Beethoven-Jubiläumsjazzfest 2020.

Gibt es schon Namen?

Materna: Ja, aber die verrate ich nicht. Bei den Gästen möchte ich auf Nachhaltigkeit achten, keine Strohfeuer entfachen.

Sie erwarten rund 6000 Besucher. Ein heterogenes Publikum. Für jeden sollte etwas dabei sein. Ich stelle Ihnen fünf Besuchertypen vor, und Sie sagen mir, was die beim Jazzfest Bonn finden werden. Typ eins ist der Anfänger, besser: der Einsteiger.

Materna: Leute, die mit Jazz noch nicht zu tun hatten, werden feststellen, dass Jazz nicht wehtut. Es ist etwas, womit man sich gerne auf die Reise begeben kann. Ich schlage für Einsteiger Rebekka Bakken vor, die Jazzkantine oder auch Jasmin Tabatabai. Sicherlich auch die Gruppe Hildegard Lernt Fliegen – funny, anspruchsvoll, Kunst und Unterhaltung. Da ist die Breite innerhalb des Programms so groß – da gibt es Rap und Soul, interessante Besetzungen. Ich bin sicher, dass der Einsteiger happy nach Hause geht.

Typ zwei: Der Fortgeschrittene, Conaisseur. Was bieten Sie ihm, was er vielleicht so noch nicht kennt?

Materna: Er wird bei uns Laura Totenhagen entdecken, eine ganz junge Band, die kein Mensch kennt. Noch nicht. Progressiver Jazz von Grenzgängern wie beim Gitarristen Kurt Rosenwinkel, der auch bei uns auftritt. Hildegard Lernt Fliegen mit dem tollen Sänger Andreas Schaerer ist auch etwas für Profis.

Typ drei: Der Romantiker, die Romantikerin, wie erobern Sie deren Herz?

Materna: Da gibt es viele: Brad Mehldau gehört ebenso dazu – Augen schließen, großes Kino – wie die Bassistin und Sängerin Ellen Andrea Wang, Julia Kadel und natürlich auch Rebekka Bakken.

Typ vier: Das ist der Freak und Freund experimenteller Jazzmusik. Womit locken Sie den aus der Reserve?

Materna: Hier habe ich noch einmal den Gitarristen Kurt Rosenwinkel, außerdem Niels Klein mit „Tubes & Wires“ und das Christopher Dell Trio. Hier kommen wir zum irrsinnigen Spannungsfeld zwischen Klassik und Jazz: Brad Mehldau schafft es, diese Welten zusammenzuführen. Da kommt Roger Hanschel mit dem Auryn Quartett ins Spiel. Das ist der Hammer – eine ganz skurrile Art, wie man Klassik und Jazz interpretieren kann. Das Neil Cowley Trio ist auf seine Art auch experimentell, nähert sich vom Pop her an.

Und schließlich Typ fünf. Der, der alles schon kennt und gehört hat. Mit welchem Doppelkonzert wollen Sie ihn überraschen?

Materna: Den würde ich in das Konzert von Julia Kadel – Klavier solo – und dem Bossarenova Trio – super Besetzung, aber ohne Rhythmusgruppe – schicken. Hier findet der Besucher etwas Neues und etwas, was er schon kennt, aber im anderen Gewand. Und etwas, was sich von der kommerziellen Ecke weg in ein eher kammermusikalisches Feld bewegt. Und unbedingt Marius Neset bei unserem Abschlusskonzert in der Bundeskunsthalle. Ihn kennen vermutlich auch viele „alte Hasen“ unter den Fans noch nicht, oder haben ihn zumindest noch nicht live erlebt. Nur ganz kurz: Er stellt gerade die Jazzwelt auf den Kopf…

Das Prinzip der Doppelkonzerte, in denen es oft auch um Kontraste geht, hat sich in den letzten acht Festivaljahren bewährt. Brad Mehldau bekommt mit seinem Trio einen exklusiven Soloabend in der Oper. Wollte er keine Konkurrenz?

Materna: Er hatte klare Vorstellungen, geht sehr achtsam mit seiner Kunst um, braucht eine spezielle Atmosphäre für seinen Auftritt. Das kann ich verstehen, daher habe ich eine Ausnahme gemacht. In der Gesamtkomposition des Festivals ist das ganz stimmig.

In den letzten Jahren kamen immer wieder Stars, die auch jenseits der Jazz-Community ein Begriff waren: Diane Reeves, Wayne Shorter, Nigel Kennedy, Roger Cicero, der unerwartet starb und für den der ebenfalls populäre Thomas Quasthoff einsprang. Dieses Jahr eine Star-Flaute. Bewusste Entscheidung?

Materna: Es war und ist mir sehr wichtig, möglichst viele Menschen zu erreichen und zu zeigen, wie toll diese Musik ist. Dabei ist es immer sehr hilfreich, wenn auch berühmte Musiker bei diesem Unterfangen behilflich sind. Dieses Jahr sind mit Brad Mehldau, John Patitucci, Viktoria Tolstoy ja auch ein paar durchaus berühmte Musiker dabei. Nein, es ist aber keine bewusste Entscheidung, keinen Keith Jarrett oder Herbie Hancock da zu haben. Wobei zum Beispiel Mehldau für mich unbedingt dieselbe Liga ist...

Es fällt auf, dass in diesem Jahr ungewöhnlich viele großartige Sängerinnen nach Bonn kommen. Kann man so etwas planen oder ist das ein schönes Zufallsprodukt?

Materna: Das kann man nicht planen. Ich versuche so viele Instrumentalgruppen wie möglich zusammenzubringen. In der Musik ist die Stimme eine Königsdisziplin, als Instrumentalmusiker bist du immer bestrebt, zu „singen“. Und Frauenstimmen sind wunderbar.

Eine letzte Frage an den Künstler Materna? Juckt es Ihnen nicht in den Fingern, das Saxofon auszupacken, um mitzumachen? Und gibt es Inspirationen, die Sie aus dem Festival mitnehmen?

Materna: Ich habe mir ein Auftrittsverbot verordnet, weil ich so gut es geht neutral sein will. Ich will nicht meine Person als Musiker in den Vordergrund schieben. Am liebsten wär ich ganz im Hintergrund. In will nur die Musik zu den Menschen bringen.

Inspiriert Sie das Festival?

Materna: Natürlich. Das ist Workshop pur, ich bin beseelt und begeistert von den vielen Performances. Das ist ein Rieseninput, von dem ich auch in meiner künstlerischen Arbeit profitiere.