Porträt Julia Sewing

„Man muss sich selbst spüren“

Für die Bonner Schauspielerin Julia Sewing ist das Leben nicht eine Aneinanderreihung beliebiger Tage, sondern ein großes Theater. Diesen Eindruck gewinnt zumindest, wer sich länger mit ihr unterhält.

Theater. Immer nur Theater im Kopf, diese Julia! Schon in der Grundschule habe sie gespielt, gespielt und gespielt, während andere auf dem Fußballplatz waren. An diesem Nachmittag im Godesberger Café Lindentraum ist alles echt und nichts gespielt. Julia Sewing kommt mit dem Rad und ist mit ihrer natürlichen Präsenz gleich voll da.

Die Schauspielerin ist eine der wenigen Personen, die man gleich zu kennen meint, auch wenn sie erst wenige Sekunden vor einem steht. Berührungsängste? Abtasten? Smalltalk? Nicht mit ihr! Vielmehr: Neugierde, einnehmendes Lachen und Leidenschaft. Ganz viel Leidenschaft. Fürs Leben, vor allem aber fürs Theater, das wird schnell klar.

Julia Sewing ist ein Kind der 90er. 1987 in Bonn geboren, in Bad Godesberg aufgewachsen und zur Schule gegangen. 2006 hat sie Abitur am Amos-Comenius-Gymnasium gemacht und war natürlich Mitglied der Theater AG. Schon mit 16 war sie für ein Jahr nach England auf ein Internat gegangen – dort wurde Drama als Fach unterrichtet.

„Meine Leidenschaft fürs Spielen war immer da, als sei es das normalste der Welt“, sagt die 29-Jährige, die seit einigen Jahren in Zürich lebt. Und das hört man: Zwischendurch schimmern immer wieder die langgezogenen Vokale des schweizerischen Akzents durch. „Nicht nur ich pendle zwischen den Städten, auch meine Sprache“, sagt Sewing und lacht.

In Zürich falle immer gleich ihr rheinischer Singsang auf, erzählt sie. Der dürfte sich zuletzt wieder verstärkt haben. Anfang des Jahres hatte die Schauspielerin noch ein Engagement in ihrer Heimatstadt, hat am Bonner Theater im Stück „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ die Rolle von Nu-Nu und diverse andere Charaktere gespielt.

Intensive Nebenrolle im schweizer Tatort

Solche Theater-Rollen sind typisch für Sewing. Sie liebt den direkten Dialog mit dem Publikum, braucht die Reaktion und Interaktion. Insofern war es fast schon etwas ungewöhnlich, als sie Mitte März im Luzern-Tatort „Kleine Prinzen“ auftrat. Zwar in einer Nebenrolle, aber einer beeindruckend intensiven. Darunter macht es Sewing ohnehin nicht, hat es den Anschein.

Wer ihr über den Weg läuft, bekommt schnell den Eindruck, dass da jemand ist, für den das Leben mehr bedeutet, als von einem zum anderen Tag zu hasten, sondern vielmehr ein Erlebnis für alle Sinne ist. Die junge Schauspielerin scheint jeden Moment aufzusaugen, als müsse sie ihn in all seinen Facetten für immer abspeichern – egal, ob sie gerade im Café Lindentraum sitzt oder auf einer Bühne steht. Da verwundert es kaum, dass sie sagt: „Langeweile ist etwas Schönes.“ Und offenbar etwas Rares. Es muss für Sewing die höchste Form der Entspannung sein.

Der klassische Weg zur Schauspielkarriere bedeutet heute Stress pur – auch wenn die meisten, die ihn gehen, sagen würden, es sei positiver Stress. Für Sewing hat dieser Weg allerdings zunächst mit einer Phase der Selbstfindung und Orientierung begonnen: Nach dem Abitur ging sie für ein Jahr nach Berlin. „Ich mag Großstädte sehr und wollte unbedingt mal dort leben und auf eigenen Beinen stehen“, sagt sie. Und natürlich ist sie auch wegen der „tollen Theaterszene“ dorthin gegangen. „Das war ein ganz wichtiges Jahr, um mich freizuschwimmen und neue Einflüsse kennenzulernen.“

Die Ausbildung hat es in sich

Von Berlin aus hat sie sich dann auf mehrere staatliche Theaterschulen beworben. Das Prozedere ist dabei immer gleich: Man schickt eine Bewerbung, wird eingeladen und muss mehrere Auswahlrunden überstehen, um genommen zu werden. Für Sewing hat es in Zürich geklappt. „Das war wunderbar“, sagt sie mit langgezogenem u.

Außenstehende haben selten eine Ahnung davon, wie so eine Ausbildung abläuft. Sie wundern sich vielleicht noch darüber, warum in der Vita eines jeden Nachwuchstalents die eher exotische Fähigkeit „Stockkampf“ aufgeführt ist. Sewing lacht. „Das gehört zur Ausbildung dazu.“ Und die hat es in sich: „Man wird förmlich aufgesogen von den vielen Möglichkeiten und Inputs und ist sieben Tage die Woche 24 Stunden in der Schauspielschule.“

Sewing meint das ernst: „Man lernt, seinen Körper als Werkzeug und als Mittel der Darstellung zu benutzen. Dafür braucht es ein intensives Studium, in dem man sich sehr genau mit sich selbst auseinandersetzen muss, um zu erkennen: Wie funktioniere ich?“ Das alles hat einen zentralen Grund: „Man muss sich selbst spüren und kennen, um fremde Charaktere verkörpern und überzeugend darstellen zu können.“

Und Dinge wie Bühnenfechten gehören eben auch dazu. „Dabei geht es vor allem um die Interaktion mit einem Partner, darum, Energie abzugeben und aufzunehmen“, sagt Julia Sewing, die während der Ausbildung alle vorstellbaren Genres der Darstellungskunst durchlaufen hat: Gesang, Sprechen, Akrobatik, Bewegung und vieles mehr. 2011 hatte sie dann nach vier „seeehr intensiven“ Jahren ihren Bachelor-Abschluss in der Tasche „und Lust, einfach loszulegen“.

Interesse für neue Formen und EInflüsse

Umgehend hatte sie Engagements auf Bühnen vor allem in Zürich, experimentelles wie auch konventionelles Theater, daneben immer wieder kleinere TV-Auftritte. „Ich bin sehr an neuen Formen interessiert, aber auch an so vielen Einflüssen von verschiedenen Formen wie möglich“, sagt sie. Wichtig ist ihr bei größeren Rollen, dass „es etwas gibt, das ich vertrete und weitergeben kann“ – und wenn das nur eine gewisse Leichtigkeit ihres Charakters ist.

Julia Sewing ist auch in unabhängigen, experimentellen Theatergruppen in Zürich unterwegs, die stets Neues ausprobieren und oft auf Interaktion mit dem Publikum setzen. „Die Stadt ist zwar klein, aber trotzdem sehr international und verfügt über eine florierende Theaterszene.“ Was könnte sie mehr wollen? Finanzielle Sicherheit ist es jedenfalls nicht, denn die ist nicht selbstverständlich. „Aber das stört mich nicht, denn ich habe großes Grundvertrauen ins Leben“, sagt Sewing.

Und überhaupt: „Geld ist nicht wichtig! Kunst ist wichtig!“ Wobei ihr daran liegt, zu betonen, nicht in einer Blase zu leben, in der es nur die Kunst gibt. Und doch kann man sich kaum vorstellen, dass es im Leben dieser jungen Frau, die in ihrer Freizeit analog fotografiert, Akkordeon lernt und im Sommer den Trip mit Freunden im VW-Bus durch Frankreich finanziert, indem sie unterwegs Straßenmusik macht, noch etwas gibt, das keinen Bezug zu Kunst hat.

An Inspirationsquellen scheint es Julia Sewing jedenfalls nicht zu mangeln. „Es gibt so viele“, sagt sie gegen Ende des Treffens im Godesberger Café. „Gerade im Theater verliebe ich mich immer wieder neu in Menschen, egal ob Mann oder Frau.“ Ob es etwas gibt, das sie nicht machen würde? „Es braucht für alles eine Motivation, eine Dringlichkeit, dass etwas nur auf eine bestimmte Art erzählt werden kann. Wenn das gegeben ist, können wir über alles reden“, sagt sie und lacht schallend los.