25 Jahre Twin Peaks

„Ganz genau dasselbe geschieht wieder“

Die schönste Leiche der Fernsehgeschichte: Laura Palmer (Sheryl Lee).

Die schönste Leiche der Fernsehgeschichte: Laura Palmer (Sheryl Lee).

Im Jahr 1991 startete David Lynchs erste und einzige Serie „Twin Peaks“ im deutschen Privatfernsehen. Obwohl der Regisseur damals schwor, nie wieder fürs Fernsehen zu arbeiten, heißt es nun: Fortsetzung folgt 2017.

Ein klarer, braungrauer Vormittag Ende Februar in der Kleinstadt Twin Peaks im US-Bundesstaat Washington, nur sieben Kilometer südlich von Kanada, 15 Kilometer westlich der Staatsgrenze. Ein riesiger Baumstamm liegt am Ufer, davor ein graublauer Sack. Nachdem Pete Martell, der an diesem braungrauen Morgen eigentlich zum Fischen gehen wollte, entdeckt hat, was der Sack birgt, sieht man ihn in der nächsten Einstellung mit fassungslosem Kopfschütteln am Telefon.

Der Ruf geht ins Büro von Sheriff Harry S. Truman. Und als die zu verbaler Umstandskrämerei neigende Sekretärin Lucy ihren Boss endlich an den Apparat dirigiert hat, findet die Klarheit ein Ende: „Harry, sie ist tot, in Plastikplane gewickelt.“ – „Eine Sekunde, eine Sekunde ... wo?“

Warum Truman ausgerechnet so und nicht anders reagiert, warum er die entscheidenden Fragen nicht stellt und bereits in etwas eingeweiht zu sein scheint, von dem er eigentlich gar nichts wissen kann – das haben die Zuschauer in 30 Episoden nicht erfahren.

Jene Zuschauer, die am 10. September 1991 – vor 25 Jahren – wie gebannt im Wohnzimmer saßen, um sich die erste Folge von „Twin Peaks“ anzusehen: die erste und einzige Fernsehserie des amerikanischen Regisseurs David Lynch, der bis dato vor allem mit verstörenden Darstellungen von Sex und Gewalt auf der Kinoleinwand von sich reden gemacht hatte und der – wie man spätestens seit den Filmfestspielen von Cannes wusste – wirklich wild im Herzen sein musste.

Aber eben auch ein Künstler, der Edward Hoppers Bilder in Filmsprache umsetzt und aller abgeklärten Postmoderne zum Trotz eine eigensinnige Schwäche für den Zauberer von Oz, für Schamanen, Zwerge und Riesen hegt.

David Lynch und Fernsehen? Das galt Ende der 1980er Jahre als Widerspruch in sich. Jeder andere – aber doch nicht ausgerechnet jener Regisseur, der seit „Blue Velvet“ als europäischer Autorenfilmer galt. Tatsächlich jedoch hatte er gemeinsam mit Mark Frost – für das bei Kritik und Publikum gleichermaßen beliebte Format „Hill Street Blues“ verantwortlich – dem Sender ABC ein Konzept mit dem Namen „Northwest Passage“ vorlegt, das die Genres Kriminalfilm, Mystery und Horror mit den Elementen einer klassischen Seifenoper verband.

Frost, in New York geboren und in Minnesota aufgewachsen, hatte also den gleichen provinziellen Hintergrund wie der aus Missoula/Montana stammende Lynch. Und die im Nordwesten gelegene Kleinstadt atmet diese Luft durch und durch. Dazu kommt Lynchs Vorliebe für Ästhetik und Design der 1950er Jahre.

Man isst im Diner mit der Musikbox, die Männer tragen Holzfällerhemden oder schwarzes Motorradleder à la James Dean und Marlon Brando. Die Mädchen räkeln sich auf den Bänken der High School in figurbetonten Pullovern zu vermeintlich braven Faltenröcken oder träumen sich zur sublimen Musik von Angelo Badalamenti fort – Lynchs bevorzugtem Filmkomponisten, der mit „Twin Peaks“ einen seiner schönsten Scores vorgelegt hat. Zwei, drei Anschläge der Titelmelodie genügen, um das graubraune Ortsschild „Welcome to Twin Peaks. Population 51 201“ vor sich zu sehen.

Im März 1989 entstanden die Außenaufnahmen in den benachbarten Orten North Bend und Snoqualmie (Population: 7815). Der majestätische Wasserfall dort (mit 80 Metern übrigens höher als die Niagarafälle) hat das Seine zur Wahl dieses Drehortes beigetragen – und sei es nur, um den mächtigen, dunkelgrünen Douglasien etwas Adäquates entgegenzusetzen.

Im Mai 1989 wurde der Pilotfilm internationalen Testeinkäufern gezeigt. Deren Reaktion war in der Tat mehr als vielversprechend, das Popcorn bleib unbeachtet in der Tüte liegen. Die Serie ist später in 55 Länder verkauft worden. Am 8. April 1990 ging „Twin Peaks“ in den USA auf Sendung. Bei der Deutschlandpremiere waren alle 30 Folgen drüben bereits gelaufen, und der Mainstream hatte nach Aufklärung des Mordfalls Laura Palmer größtenteils abgeschaltet, um fortan jenen das Feld zu überlassen, die ihrem „Meister“ auch in die geheimen Winkel der Seele folgen würden.

Genauso hat es sich später auch hierzulande entwickelt – nur eben um ein Jahr versetzt. Die Tatsache, dass ein Privatsender aus München der Konkurrenz aus Köln das Geschäft vermiesen wollte und Lauras Mörder lange vor der Zeit preisgab, hatte nicht den erwarteten Effekt – ganz im Gegenteil.

Als „Twin Peaks“ Kultstatus erlangte und die Fangemeinde Woche für Woche wuchs, schwor der enttäuschte und ernüchterte David Lynch auf der anderen Seite des Atlantiks, er werde nie wieder fürs Fernsehen arbeiten. Ursache seines Missmuts: ABC hatte ihn genötigt, einen Täter zu präsentieren, der die 17-jährige High-School-Queen mit dem düsteren Doppelleben auf dem Gewissen haben musste. Das Kapitel TV war damit zunächst einmal erledigt – abgesehen von dem zehn Jahre später missglückten Versuch, mit „Mulholland Drive“ in Serie zu gehen.

Lynch machte aus der Not eine Tugend und aus dem Piloten einen Kinofilm, der 2001 in Cannes mit der Goldenen Palme für die beste Regie ausgezeichnet wurde. Nach dem bei Kritikern und Publikum gleichermaßen durchgefallenen Versuch, die letzten sieben Tage im Leben von Laura Palmer auf der großen Leinwand zu rekonstruieren, führte scheinbar kein Weg mehr nach „Twin Peaks“ zurück. Bis Lynch im vergangenen Jahr überraschend eine Fortsetzung ankündigte.

Die dritte Staffel wird 25 Jahre nach dem Mord an Laura beginnen. Um nun die Wartezeit bis 2017 zu verkürzen, erscheint im November „Twin Peaks: Die geheime Geschichte“, verfasst von Mark Frost, der die Serie damals gemeinsam mit Lynch konzipiert hat. Und bereits in diesen Tagen bringt der Reclam-Verlag 100 Seiten über „Twin Peaks“ heraus.

Weil just diese Produktion das Genre um etwas spektakulär Neues und so zuvor noch nie Gesehenes bereichert und dabei lustvoll mit den Gesetzen der Serie gebrochen hat. Weil „Twin Peaks“ – aus dem sicheren Abstand eines Vierteljahrhunderts gesprochen – tatsächlich so etwas wie eine Initialzündung war.

Die Keimzelle und Ursuppe aller Stoffe, die die schöpferische Qualität eines künstlerisch anspruchsvollen Spielfilms besitzen und denen eine simple Spielfilmlänge doch niemals genügen würde, um Figuren und Handlung so zu entwickeln, wie sie es tun. Ohne David Lynchs Ausflug in das damals doch recht routinierte und wenig überraschende Medium Fernsehen gäbe es weder die Agenten Scully und Mulder (Akte X) noch den Chrystal-Meth-Koch Walter White alias Heisenberg (Breaking Bad).

„Twin Peaks“ hat seinerzeit verrostet knirschende Türen aufgestoßen und einen Garten zum Wachsen, Blühen und Gedeihen gebracht, dessen Früchte bis dato kommerziell erfolgreich gewesen sein mochten, aber manchmal auch ein bisschen peinlich. Wer denn bitte hätte schon in der Nachbarschaft, im Supermarkt oder am Arbeitsplatz Aussprüche von Dallas-Fiesling J.R. Ewing zitiert?

Das hat sich gründlich geändert. „Twin Peaks“ war das Fanal. Voll skurriler Sätze wie zum Beispiel diesem: „Die Eulen sind nicht, was sie scheinen.“ Und mit Dialogen, die für sich ein Genuss sind: „Wie trinken Sie Ihren Kaffee?“ – „Schwarz wie Mitternacht in mondloser Nacht“. – „Ganz schön schwarz.“ Und vor allem bevölkert von Charakteren, die nur zu Beginn und auch nur verglichen mit der Tatsache, dass gerade ein Mord geschehen ist, (noch) halbwegs normal wirken.

So wie der notorische Kaffeetrinker, Kirschkuchenesser und FBI-Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan), der liebenswert-kauzige Pete Martell (Jack Nance aus Eraserhead) und die Log Lady (Catherine Coulson) – um an dieser Stelle nur einige zu nennen.

Stars für das Mainstream-Kino hat „Twin Peaks“ nicht hervorgebracht. Entweder handelte es sich um bereits bekannte Namen wie Piper Laurie (Carrie) sowie Richard Beymer und Russ Tamblyn (West Side Story) oder auch um ganz neue Gesichter wie Lara Flynn Boyle, James Marshall oder Sherilyn Fenn, die sich schwer damit taten, die Karriere auf demselben Niveau fortzusetzen, das Lynch ihnen vorgab.

Eine respektable Filmographie haben seither David Duchovny (der spätere Fox Mulder), Miguel Ferrer als sarkastischer Gerichtsmediziner Albert Rosenfield und vor allem Sheryl Lee vorzuweisen: Lynch hatte sie ursprünglich nur für ein paar Folgen vorgesehen, war aber dann von ihr so angetan, dass es ihm ging wie Otto Preminger, der seine totgeglaubte Heldin in dem Film noir „Laura“ (1944) plötzlich unversehrt auftauchen ließ.

Das ist Laura Palmer auch in der Erinnerung ihrer heimlichen High-School-Liebe James Hurley sowie auf einem Videoband, das Agent Cooper während der Vernehmung der Verdächtigen vorspielt. Die nächste Stufe der Wiederbelebung verweist auf Hitchcocks „Vertigo“ (1958): Die brünette Doppelgängerin taucht auf, um Schritt für Schritt in die Rolle der Toten zu rutschen.

In „Twin Peaks“ ist dies Lauras Cousine: Madeline Ferguson, zusammengesetzt aus den Rollennamen von James Stewart (Scottie Ferguson) und Kim Novak (Madeline Elster). Und noch eine Reminiszenz an den britischen „Master of Suspense“ hat Lynch sich gegönnt: das Cameo als Coopers extrem schwerhöriger Vorgesetzter Gordon Cole.

Wie bei Serien üblich, wechselte auch bei „Twin Peaks“ die Regie. Die prominentesten Gäste hießen Diane Keaton und Uli Edel (Christiane F.). Die Handschrift des Schöpfers aber ist und bleibt unverkennbar. So wie in der Episode „Einsame Seelen“: Der Riese, der Agent Cooper bei der Suche nach Lauras Mörder auf die richtige Spur führt, steht in gleißendem Licht auf der Bühne des von Rockern, Truckern und Drogenschiebern frequentierten „Roadhouse“.

Eine imposante Erscheinung mit einer unfassbar traurigen Stimme: „Ganz genau dasselbe geschieht wieder“. Einer der unvergesslichen Momente dieser damals so wegweisenden Serie, der auch bei den jährlichen Fan Conventions rauf und runter zitiert wird. Dazu ein Stück Kirschkuchen und ein – entschuldigen Sie bitte – „verdammt guter Kaffee“.