GA-Interview mit András Schiff

„Es muss brennen!“

„Es ist nicht so einfach, etwas zu beurteilen“: Pianist Sir András Schiff. FOTO: NADIA F. ROMANINI/ECM

„Es ist nicht so einfach, etwas zu beurteilen“: Pianist Sir András Schiff. FOTO: NADIA F. ROMANINI/ECM

Der Pianist András Schiff gibt Anfang Juni im Beethoven-Haus einen öffentlichen Meisterkurs. Als Teilnehmer hat er sechs Kammermusikensembles eingeladen

Zum 10. Mal findet in diesem Jahr vom 3. bis zum 9. Juni ein öffentlicher Kammermusik-Meisterkurs im Beethoven-Haus statt. Dozent ist der ungarische Pianist Sir András Schiff. Als Teilnehmer hat er sechs junge Kammermusikensembles eingeladen. Im GA-Interview gibt er vorab Auskunft darüber, was für die Entwicklung junger Musiker wichtig ist. Die Fragen stellte .

Es ist eine Weile her, dass Sie selbst als Schüler oder Student Unterricht genossen. Können Sie sich an eine Stunde erinnern, die für Sie von ganz besonderer Bedeutung gewesen ist?

András Schiff: Ja, meine erste Klavierstunde bei György Kurtág an der Budapester Hochschule, damals war ich 14 Jahre als. Er hat mir die dreistimmige Invention in E-Dur von Bach erklärt, stundenlang. Das war eine Revelation, und es hat mein Klavierspiel und Musikverständnis grundsätzlich verändert.

Was reizt Sie heute daran, selbst zu unterrichten?

Schiff: Mit 65 Jahren fühle ich mich dazu bereit und geeignet. Man ist ja mit dem Studium nie fertig, es kann immer besser, klarer, tiefer gehen. Aber mit der Erfahrung kann man das viel besser erklären und weitergeben. Und es ist wunderbar, mit begabten jungen Menschen zu arbeiten.

Sind Sie zufrieden mit dem künstlerischen Niveau, auf dem die vielen jungen Pianisten spielen, über die man in der Klassikszene derzeit spricht?

Schiff: Nein, das bin ich nicht. Viele spielen gut Klavier. Die Wettbewerbe helfen auch nicht, Musik ist ja kein Sport. In einem Wettbewerb sind es die messbare Komponenten, die zählen, wer spielt schneller, stärker und natürlich perfekter, ohne Fehler. Alles andere ist Geschmacksache, und die meisten Menschen – auch in einer Jury – haben einen sehr schlechten Geschmack. Es ist nicht so einfach, etwas zu beurteilen.

Und was vermissen Sie?

Schiff: Also, was mir bei den meisten jungen Pianisten fehlt, das ist die allgemeine Bildung, die Kultur. Und die Neugierde, mehr zu wissen, mehr kennenzulernen. Und eine echte, tiefe Liebe für die Musik. Es muss brennen, es geht nicht um die Karriere (was für ein schlimmes Wort!). Ein Pianist, der eine Beethoven Sonate studiert, muss auch die anderen 31 Sonaten kennen, und die Sinfonien, die Streichquartette, Fidelio et cetera. Auch die Musik vor und nach Beethoven. Und die Geschichte, die Kunst, die Literatur, die Philosophie der Zeit. Ein Kreis führt zum nächsten, und das kann man nicht erreichen, wenn man den ganzen Tag nur am Klavier sitzt und mechanisch übt.

Wie schwer ist es, künstlerischen Ernst und Erfolg zusammenzubringen?

Schiff: Sehr schwer, aber nicht unmöglich. Man muss sich unbedingt auf den ersten konzentrieren, der zweite wird dann auch kommen. Geduld!

Vor ein paar Jahren haben Sie das Projekt „Building Bridges“ ins Leben gerufen. Damit fördern Sie in jedem Jahr drei junge Pianisten. Wie kam es dazu?

Schiff: Wie gesagt, junge Menschen interessieren mich sehr, und was mit ihnen passiert. Viele kommen zu mir, um vorzuspielen, und dann wollen sie eine Empfehlung zum nächsten Wettbewerb. Keiner von ihnen genießt es, aber es gibt kaum andere Möglichkeiten. Deshalb wollte ich einigen die Gelegenheit geben, sich in kleineren Konzerten vorzustellen, mit einem frei gewählten Programm, ohne Druck. Sie können in mehreren Städten spielen, etwa sechs bis achtmal. Wenn man aus diesen Chancen nichts macht, dann ist man selber schuld. Eine erste Einladung ist relativ einfach, aber danach ist der Pianist allein, er oder sie muss einen optimalen Eindruck machen, damit er oder sie eine Wiedereinladung bekommt. Damit kann ich nicht mehr helfen.

Darf man „Building Bridges“ auch in einem politischen Sinne verstehen?

Schiff: Nein, diesmal nicht...

Auch beim Bonner Meisterkurs sind Teilnehmer des Projekts dabei. Was hat Sie bewogen, Geiger und Cellisten ebenfalls mit einzuladen?

Schiff: Dies hier ist ein Kammermusikkurs. Für mich ist die Kammermusik das Herz meines Lebens, es ist seit der Kindheit so. Die großen Komponisten haben das immer gewusst und schrieben ihre besten Werke in dem Genre. Auch Beethoven. Es ist viel interessanter, wenn nicht „nur Pianisten“ dabei sind.

Wie wichtig ist es aus Ihrer persönlichen Erfahrung heraus, Kammermusik zu machen?

Schiff: Überlebenswichtig. Als Pianist ist man sehr einsam, man ist oft allein. Um das auszugleichen, spielt man mit anderen Menschen, lernt sich unterzuordnen, wenn es nötig ist, und dann wieder die Führung zu übernehmen, es ist Geben und Nehmen. Ein Klavierkonzert ist auch so, dort korrespondiert man mit dem Orchester, aber leider ist dort ein Dialog selten möglich, wegen der Dirigenten und wegen des Mangels an der Probenzeit. Also die Kammermusik ist auch für die menschliche Entwicklung essenziell.

Welche Rolle spielt es für Sie, den Meisterkurs im Kammermusiksaal des Beethoven-Hauses zu geben? Ist die Aura des Ortes von Bedeutung oder doch mehr die Gegenwart der Sammlung und der wissenschaftlichen Auseinandersetzung damit?

Schiff: Dieser Saal ist wunderbar, ich habe da viele Konzerte gegeben und mehrere Aufnahmen gemacht. Die Akustik ist hervorragend, die Stille, die Ruhe, die Intimität... Und natürlich der Ort, das Beethoven-Haus, die Nähe zur Quelle. Wenn ich daran denke, dass unter dem Podium im Archiv die Manuskripte und die Dokumente liegen und mitlauschen, dann bekomme ich Gänsehaut.

Karten für die öffentlichen Proben ab dem 3. Juni (jeweils 11- 13 Uhr und 17-19 Uhr) und die „Beethoven-Werkstatt“ ( 5. Juni, 20 Uhr) gibt es jeweils 30 Minuten vor Beginn im Foyer des Kammermusiksaales. Tickets für das Abschlusskonzert am 9. Juni, 18 Uhr, gibt es bei bonnticket.de.