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Kommentar
Weltkongress für zukunftssichere Städte: Problem Megacity
Von Wolfgang Wiedlich
Die Stadt war und ist für Millionen Menschen eine Stätte der Hoffnung: mehr Jobs, Bildung, Kultur und Unterhaltung, mehr medizinische Versorgung und soziale Kontakte. Aber auch: schlechte Luft, stinkende Müllberge, täglicher Verkehrsinfarkt, mancherorts fehlende sanitäre Anlagen, mehr Kriminalität und Engpässe bei der Trinkwasserversorgung.
In der Vervielfachung der eigenen Möglichkeiten sieht der Einzelne die große Lebenschance. Aber wie trostlos muss die Lage auf dem Land sein, wenn 27 Millionen Menschen weltweit in den Slum einer Megacity wechseln? Der globale Trend hat sich weiter beschleunigt: Die Welt will immer mehr Stadt.
Wenn ab heute im beschaulichen Bonn Bürgermeister und Experten der Welt über die zukunftssichere Stadt beraten, fragt man sich angesichts der teils unregierbaren, weil unvorstellbar wuchernden Monster, ob das Idyll am Rhein, wo Luxusprobleme - zum Beispiel: mehr oder weniger Oper? - die Agenda beherrschen, gerade der falsche oder der richtige Ort dafür ist. Die Dimension: Alle 52 Tage wächst Lagos um die Einwohnerzahl Bonns. Schon in 18 Jahren werden sechs von zehn Erdbürgern Städter sein.
Wenn immer mehr Menschen in urbanen Zentren leben, steigt die Verwundbarkeit. Für Militärstrategen war die Stadt schon immer eine Hochrisikozone, aber längst ist sie es auch für Überschwemmungs-, Sturm- und Hitzefolgen. Da ist er wieder, der verdrängte Klimawandel: Extremwetter-Ereignisse haben zugenommen. Spürbar für die Menschen, messbar für Versicherer.
Dabei ist die Stadt beides: Täter und Opfer. Nirgendwo wird mehr Kohlendioxid pro Quadratkilometer emittiert, nirgendwo speichert die Erde zugleich mehr Sonnenenergie als in den Beton-Asphalt-Welten - und kann sie schlechter abgeben, weil natürliche Kühlschränke fehlen: Seen, Wiesen, Parks. So hat die Kraft der City sogar ein eigenes Stadtklima produziert. Satellitenbilder zeigen einen Planeten mit auffällig vielen Wärmeinseln. Bis zu 13 Grad Celsius beträgt die Differenz zwischen Tokio-City und Tokio-Land.
So könnte die Stadt selbst möglicherweise der Ort sein, von wo aus die größten Impulse ausgehen gegen eine davongaloppierende globale Erwärmung, nachdem die internationale Politik nur einen Offenbarungseid geleistet hat. Vor Ort muss es weniger Verkehr, mehr Grünschneisen und eine klimafreundliche und energiesparende Architektur geben.
Aber mit solchen Innovationen wäre den Aussichtslosen kaum geholfen - jene Millionen-Metropolen, über denen es kaum regnet und die mit ihrer Trinkwasserversorgung an den schmelzenden Gletschern hängen wie an einem Tropf. Die Lage spitzt sich insbesondere unterhalb der Anden zu. Es ist absehbar, dass das Wasser künftig weite Wege gehen muss, um den Durst der Städter zu stillen.
Artikel vom 12.05.2012
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