Renan Demirkan: Zwischen zwei Welten
Die Schauspielerin und Schriftstellerin über den Tod ihrer Mutter, den Dialog der Kulturen und die deutschen Integrationspolitik
Bonn. "Sie sind nie richtig angekommen“, sagt Renan Demirkan über ihre türkischen Eltern, die fast 50 Jahre in Deutschland verbrachten. Die Schauspielerin und Schriftstellerin beschäftigt sich seit dem Tod ihrer Mutter intensiv mit den "zerklüfteten Identitäten“ von Migranten, dem Dialog der Kulturen und der deutschen Integrationspolitik. Mit Renan Demirkan sprach Cigdem Akyol.
General-Anzeiger: Frau Demirkan, wenn Sie die Augen schließen und an Ihre verstorbene Mutter denken, welches Bild schießt ihnen spontan durch den Kopf?
Renan Demirkan: Ich sehe eine große Leinwand, mit ganz vielen Bildern. Ich sehe sie jung, mittelalt – ich sehe sie in ihren letzten Momenten, in denen es ihr sehr, sehr schlecht ging.
GA: Vor drei Jahren erlag Ihre Mutter einem Krebsleiden. Haben Sie trotz der Zeitspanne noch ihre Stimme im Ohr?
Demirkan: Ja, ich habe den Klang so in mir, dass ich es immer hören kann. Früher waren Gott und Himmel immer Plattitüden, aber jetzt hat beides ein Gesicht für mich – nämlich das meiner Mutter.
GA: Wer seine Mutter verliert, verliert eine ganze Welt, schreiben Sie in ihrem neuen Buch „Septembertee “. Welche Welt ist Ihnen abhanden gekommen?
Demirkan: Meine Kindheit und ein Teil meiner Identität. Ich fühlte mich abgeschnitten von meiner Geschichte. Ich bin 50 Jahre lang ihr Kind gewesen, wir waren eine Einheit, eine Zeitspanne. Dann haben wir sie verloren, und ich musste erwachsen werden. Aber dazu war ich lange nicht bereit.
GA: Warum nicht?
Demirkan: Bis zu dem Verlust meiner Mutter habe ich den Tod nicht akzeptiert. Ich hatte panische Furcht vor dem Tod – ohne zu ahnen, dass das auch eine Angst vor dem Leben ist. Aber nun ist der Tod auch in meinem Leben, und ich bin, so seltsam das klingen mag, irgendwie entspannter geworden. Ich habe mich sogar entschieden, wo ich begraben werden will, nämlich in Deutschland und in der Nähe meiner Tochter. Der Tod hat sich mit einer urgewaltigen Macht in mein Leben gedrängt. Er hat mir meine Mutter geklaut. Ich weiß, dass er mir wehtun kann.
GA: Hat er Ihre Mutter gestohlen oder doch eher von Schmerzen erlöst?
Demirkan: Nein, nein, nein – er hat sie mir geklaut. Meine Mutter wollte nicht sterben. Sie hat sich am Leben festgehalten, war einverstanden mit jedem medizischen Eingriff – und wurde trotzdem mitgenommen. Wie kann ein Mensch froh sein über den Tod? Auch wenn ich oft zu ersticken drohte an den Geboten meiner Mutter – dieser Mischung aus orientalischer Sippenhaft und dem mitteleuropäischen Drill –, so war sie doch immer mein Planet, mein Almanach, der einzige Schoß, in dem mein Kopf zur Ruhe kam, die einzige Hand, die mir die Urangst nahm, ins Bodenlose zu fallen.
GA: Ihre Mutter war eine Einwanderin und Muslimin, die schlecht schreiben und lesen konnte. Ist man da in Deutschland nicht fast schon zum Scheitern verurteilt?
Demirkan: Mit Sicherheit. Aber meine Mutter war nicht alleine, denn sie hatte meinen Vater und ihre beiden Mädels. Vor allem hatte sie sich selbst, das konnte ihr niemand ersetzen. Sie stand mit beiden Beinen in der Welt.
GA: Wie hat sie über Deutschland gedacht?
Demirkan: Sie hat gestaunt über diese Menschen. Über Autobahntunnel, die nicht enden wollen, über Hochhäuser, ach, über alles mögliche. Sie lief mit offenen Armen durch dieses Land. Sie war ein Mensch voller Respekt und hatte damit die beste Voraussetzung, auf andere Personen zuzugehen.
GA: Dennoch ist sie hier nie richtig heimisch geworden?
Demirkan: Das stimmt, aber sie ist heimischer geworden als mein Vater. Obwohl er freiwillig in das Land der Dichter und Denker gekommen ist. Sie ist ihm gefolgt. Beide sind nicht glücklich geworden, sind nie hier angekommen. Meine Mutter hatte eine Navigation, die „zurück“ und „irgendwie“ hieß. Es war ein sicherer Haltegriff in ihrem Leben, während mein Vater eher verloren herumirrte. »Ich wieder sürük nach Hause«, erklärte sie gern in ihrem Basisdeutsch, »in meine Haus und meine Gardän, su meine Vater und meine Mutter.« Und dann lächelte es durch ihren ganzen Körper hindurch, als säße sie auf einem Thron. Für meine Mutter war dieses „sürük“ wie ein Königsstab, an dem sie sich immer wieder aufrichtete.
GA: Wenn Deutschland nicht ihre Heimat war, was war es dann?
Demirkan: Ein vorübergehender Abschnitt. Eine Brücke zwischen zwei Welten und Zeitbegriffen. Zwischen gestern und morgen.
GA: Aber sie hat sich in dieser Improvisation eingerichtet, es war ihr nicht unbequem. Aber anstrengend?
Demirkan: Es ist wahnsinnig anstrengend, aber meine Eltern haben über ihre Gefühle und ihre Ängste sehr wenig geredet. Sie haben auch sehr selten gelacht. Ich kann mich deswegen ziemlich genau an die einzelnen Momente erinnern, wenn bei uns gelacht wurde.
GA: Ihre Mutter wurde in der Türkei beigesetzt. Warum nicht in der Nähe ihrer Töchter?
Demirkan: Weil sie uns sehr geliebt hat. Sie wollte uns nicht die Last aufbürden, sich ständig um das Grab kümmern zu müssen. Wir mussten ihr versprechen, sie zurück auf den Rücken ihrer Ahnen zu bringen, sie beizusetzen in die Erde, aus der sie nicht vertrieben werden kann. Sie wollte in ihre Heimat, weil ihr unsere Existenz hier immer wieder wie ein geliehenes Leben erschien.
GA: Fehlt Ihnen jetzt nicht ein Ort, an dem Sie trauern können?
Demirkan: Doch, ich habe sie doppelt verloren. Einmal als Tochter und einmal als Trauernde. Wahrscheinlich ist es das, was mich immer noch so aufwühlt. Deswegen kann ich nicht loslassen und habe sie zu mir geholt: Überall hängen Bilder von ihr.
GA: Und Ihr Vater? Fern seiner Heimat, die Ehefrau tot, seine zwei Töchter außer Haus. Was hält ihn hier in Deutschland?
Demirkan: Das ist eine Tragödie, die er wahrscheinlich mit ganz vielen Menschen teilt. Aber offensichtlich ein Gefühl, das man in diesem Alter aushalten muss. Die Rückkehr hängt wie ein tiefer Nebel in seinem Leben. Jeder Autofahrer kennt solch eine Situation: Je länger der Nebel andauert, desto orientierungsloser macht er einen. Das Gefühl, nicht gewollt zu sein, ist eine zusätzliche Tragödie.
GA: Woher kommt sein Gefühl, nicht gewollt zu sein? Immerhin lebt er seit 1962 hier.
Demirkan: Das ist ja nicht nur ein Gefühl, das ist die praktische Politik. Sichtbar im Umgang mit Migranten, in der Sprache, im Austausch miteinander.
GA: In der Sprache?
Demirkan: Sprache ist nicht nur ein Instrument zur Verständigung sondern auch zur
Stigmatisierung. Sprache kann fürchterlich weh tun, kann demütigen und ist die subtilste Waffe, die es gibt. Mein Vater versteht alles, er hört alles und sieht, dass die Demütigungen nie aufhören. »Die haben uns hier nie gewollt«, sagte er bei meinem letzten Besuch mit demselben blassen Blick, wie ich ihn aus meinen Kindertagen kenne, als zerrte gerade wieder jemand an seinem Vorhandensein: »Die haben uns hier nie gewollt. Und die werden uns hier auch nie wollen, nie.«
GA: Ist es nicht schmerzhaft, die Eltern entwurzelt und ungewollt zu sehen?
Demirkan: Wenn ich diesen Schmerz nicht hätte, würde ich keine Bücher schreiben, dann könnte ich ganz vieles nicht. Dann wäre ich vielleicht nie Schauspielerin geworden. Meine Aufgabe ist es als Künstlerin, die Dinge, die ich spüre, sichtbar zu machen. Mir steht das Spiel, die Darstellung zur Verfügung und die Sprache. Also nutze ich beides, um diese Schmerzen sichtbar zu machen.
GA: Sie schreiben über die zerklüftete Identität von Migranten. Zählen Sie sich zu dieser Gruppe?
Demirkan: Nein, ich bin der Nutznießer der Zerklüftung meiner Eltern. Weil sie alles daran gesetzt haben, damit ich keine Ausgrenzung erlebe. Aber ich fühle mich oft hin- und hergerissen, zwischen einem türkischen und deutschem Gefühl. Ich bin in einem Atemzug zwei Menschen.
GA: Sie engagieren sich seit langem für die Menschenrechte. Kann man in Deutschland als ein öffentlicher Migrant eigentlich nichtpolitisch sein?
Demirkan: Natürlich. Aber ich war schon als Kind renitent gegen Ungerechtigkeiten. Ich wäre auch nicht so politisch geworden, wenn nicht jeder, wirklich jeder, der mich hat reden hören, gefragt hätte: »Wieso kannst du so gut deutsch?« Und dann die leidige Frage, ob meine Mutter Kopftuch trägt...
GA: Sie werden also immer aufgefordert, Stellung zu beziehen?
Demirkan: Ja, und ich konnte mich nie so verweigern, wie viele meiner Kolleginnen türkischer Herkunft das heute machen. Ich finde das sogar richtig gut. Irgendwann muss diese ständige Rechtfertigung auch mal aufhören!
Artikel vom 17.01.2009



