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Moritz Netenjakob: Es ist schön, wenn sich niemand einmischt
Der Kabarettist spricht über die 68er, deutsche Befindlichkeiten und seinen Verdruss als Fernsehautor
Bonn. Als Fernsehautor feierte er Erfolge, inzwischen zieht es ihn verstärkt auf die Bühne. Mit seinem Programm "Multiple Sarkasmen" tritt der der Kölner Kabarettist Moritz Netenjakob am 16. Februar im Pantheon auf. Mit ihm sprach Dominik Pieper.
General-Anzeiger: Sie haben für Comedysendungen und Kollegen Texte geschrieben. Jetzt haben Sie Ihr eigenes Bühnenprogramm. Waren Sie es leid, immer nur für andere die Gags zu liefern?
Moritz Netenjakob: Ein bisschen schon. Die Arbeit für das Fernsehen hat mich immer mehr dazu gezwungen, mich von meinem eigenen Humor zu entfernen. Fernsehen ist eben nur ein Kompromiss mit Redakteuren und Produzenten, die ihre eigenen Vorstellungen vom Publikumsgeschmack haben.
GA: Sie haben aber auch an erfolgreichen Kompromissen wie "Stromberg" oder "Dr. Psycho" mitgewirkt.
Netenjakob: Das sind rühmliche Ausnahmen. Auch die Privatsender haben in den vergangenen Jahren den Mut verloren. Bei RTL etwa weiß ich schon vorher, dass die beste und ungewöhnlichste Idee rausfliegt. Da bot es sich an, selbst auf die Bühne zu gehen. Es ist schön, wenn sich niemand einmischt.
GA: Wie wird man Comedy-Autor?
Netenjakob: Anfang der 90er Jahre habe ich als Praktikant für die Politsatire "Hurra Deutschland" gearbeitet, die in der Sendung ZAK lief. Ich habe viel darüber nachgedacht, warum dieses Format nicht an die britische Vorlage "Spitting Image" herankommt. Das Original habe ich mir dann in London als Hospitant aus der Nähe angesehen und dabei einiges gelernt. Danach habe ich meinen ersten Sketch bei "Hurra Deutschland" untergebracht - mit Helmut Kohl und Hans-Jochen Vogel.
GA: Eines Ihrer Themen auf der Bühne ist das Aufwachsen in der 68er Zeit. Haben Sie darunter so gelitten, dass Sie sich jetzt mit Mitteln der Comedy rächen?
Netenjakob: Gelitten nicht, aber diese Zeit hat mich geprägt. Die 68er haben sich von allem abgesetzt, was spießig war. Meine Generation will sich wiederum von den 68ern abgrenzen. Das ist schwierig. Vieles, was die gemacht machen, war ja richtig. Entsprechend spannend ist es, Humor daraus zu schöpfen. Da finden sich herrliche Sachen.
GA: Zum Beispiel?
Netenjakob: In meinem Programm habe ich zum Beispiel das Tagebuch eines politisch korrekten Urlaubs. Auch mein Vater ist Gegenstand mancher Pointe. Was er aber ganz tapfer hinnimmt. Die Kindheit mit intellektuellen Eltern, aber auch die Unfähigkeit der Deutschen, Emotionen zu zeigen - das beschäftigt mich.
GA: Wo sehen Sie die Ursachen für diesen Mangel an Emotion?
Netenjakob: Das hat sicherlich mit der Nazi-Zeit zu tun. Die Menschen waren damals sehr emotional, und sie sind damit auf die Nase gefallen. Deshalb sind wir heute gehemmt und haben kaum ein Ventil, alles rauszulassen - höchstens im Fußballstadion. Wenn man darüber Witze macht, führt das zu einer Entkrampfung.
GA: Um die deutsche Gefühlswelt geht es auch in Ihrem neuen Buch "Macho Man", wo sich ein Deutscher in eine Türkin verliebt. Eine autobiografische Geschichte?
Netenjakob: Ja. Ich bin mit einer Türkin verheiratet und habe selbst erlebt, wie emotional zwei Welten aufeinandergeprallt sind. Daraus haben wir inzwischen ein Comedyprogramm entwickelt. In Köln spielen wir einmal im Monat "Meine dicke freche türkische Familie" Da macht jeder, was er gelernt hat: Meine Frau und meine Schwägerin sind Schauspielerinnen, der Mann meiner Schwägerin ist ausgebildeter Opernsänger und mein Schwager Comedian.
GA: Wie sehen die nächsten Projekte aus? Mehr Fernsehen oder mehr Bühne?
Netenjakob: Ich schreibe an der vierten Staffel für "Stromberg", außerdem gibt es Pläne fürs Theater. Mit Roger Schmelzer habe ich eine Boulevardkomödie geschrieben, und im Herbst will ich mit Dietmar Jacobs ein Bühnenstück für Dieter Hallervorden machen.
GA: Wie kamen Sie denn auf den?
Netenjakob: Ein Idol meiner Kindheit. Er sah eine Parodie, die ich über ihn machte, und wollte mich kennen lernen. Seitdem schreibe ich ab und an für ihn.
Moritz Netenjakob: Multiple Sarkasmen. Pantheon, Montag, 16. Februar.
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Artikel vom 11.02.2009
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