Anne Ostermann: "Die Kirche profitierte bedenkenlos"

Erst im Sommer 2000, also 55 Jahre nach Kriegsende, ist einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden, dass während des Zweiten Weltkriegs nicht nur viele Industriebetriebe, sondern auch die beiden großen Kirchen Zwangsarbeiter eingesetzt haben. Die Bonner Historikerin Anne Ostermann hat das Thema erforscht.
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Gemeinsame Arbeit: Die Polin Sophia P. (links) mit ihren deutschen Kolleginnen in der Mangelabteilung des Marienhospitals im oberbergischen Hückeswagen. Foto: Historisches Archiv des Erzbistums Köln

Und sie hat ihre Dissertation über Zwangsarbeit im Erzbistum Köln geschrieben. Jetzt ist die Arbeit als Buch erschienen. Im Gespräch mit unserer Redaktion sprach Ostermann über den Einsatz ausländischer Arbeitskräfte in der Nazi-Zeit.

Warum hat das Erzbistum Köln Zwangsarbeiter eingesetzt?
Ostermann: Während des Zweiten Weltkrieges gab es auch in den kirchlichen Einrichtungen einen großen Personalmangel. Zum einen durch Einberufungen der männlichen Beschäftigten, zum anderen, weil kirchliche Heime zu Lazaretten umgewidmet wurden und mehr Personal brauchten.

Was haben die Zwangsarbeiter gemacht?
Ostermann: Meist ungelernte Tätigkeiten. Die meisten waren in Krankenhäusern beschäftigt, dort meist in Haus- oder Landwirtschaft. Die Kliniken betrieben damals zur Versorgung der Patienten oft auch eigene Landwirtschaften.

Wie viele Zwangsarbeiter gab es?
Ostermann: Aus den Akten und den Zeitzeugengesprächen nachgewiesen sind 612 in 96 Einrichtungen des Erzbistums. Ich gehe aber davon aus, dass es um die 1.000 Zwangsarbeiter waren.

Warum die hohe Dunkelziffer?
Ostermann: Oft waren die Menschen gar nicht in den Einrichtungen gemeldet, oft gab es auch keine Sozialversicherungsnachweise.

In welchen Einrichtungen waren sie beschäftigt?
Ostermann: Im St.-Hildegardis-Krankenhaus in Köln wurden zum Beispiel mindestens 15 eingesetzt, im Bonner St.-Petrus-Krankenhaus waren es mindestens 16 und im Dormagener Raphaelshaus mindestens 20.

Wie wurden die Zwangsarbeiter ausgewählt?
Ostermann: Wenn die Einrichtungen Arbeitskräfte brauchten, wandten sich die Ordensschwestern an das Arbeitsamt. Das teilte ihnen mit, wie viele Menschen sie beim nächsten Transport mitnehmen durften. Viele Zwangsarbeiter waren in ihren Heimatländern in Osteuropa von der Straße weg aufgegriffen, auf Lastwagen gesammelt und mit Güterzügen unter unmenschlichen Bedingungen nach Deutschland deportiert worden.

Hat sich die Kirche damals bewusst gemacht, wie mit den Menschen umgegangen wurde?
Ostermann: Ich denke, das war der Kirche schon bewusst. Bei meinen Gesprächen mit Ordensschwestern war immer wieder davon die Rede, dass man etwa die armen Frauen aus der Ukraine doch bedauern müsse, die ihre Familien, zum Teil sogar kleine Kinder, hätten zurücklassen müssen.

Aber die Kirche hat nichts dagegen getan.
Ostermann: Gerade mit Beginn des Luftkriegs wurden die Zeiten immer härter. Da hat man in den katholischen Einrichtungen nicht weiter reflektiert, ob man hier Unrecht getan hat.

Wie wurden die Menschen untergebracht und verpflegt?
Ostermann: Es gab keine Unterschiede zu den deutschen Angestellten. Eigentlich wurden Ostarbeiter in bewachten Lagern untergebracht und minderwertig verpflegt. Das war in den kirchlichen Einrichtungen aber nicht der Fall. Dort hatten sie ihre Zimmer auf dem Personalflur ganz normal neben den deutschen Angestellten, aßen gemeinsam mit ihnen im Speisesaal und gingen auch sonntags zusammen in die Kirche - obwohl sie das von Gesetzeswegen gar nicht hätten tun dürfen.

Wie wurden die Zwangsarbeiter entlohnt?
Ostermann: Lohnbücher belegen, dass sie in dieser Hinsicht nicht mit deutschen Angestellten gleichgestellt waren, sondern sehr viel weniger erhielten - wie es in den diskriminierenden Gesetzen der Nationalsozialisten vorgesehen war.

Es gab eine Kennzeichnungspflicht, getrennt nach Ostarbeitern (OST) und Polen (P). Hat sich die Kirche daran gehalten?Ostermann: Innerhalb der katholischen Einrichtungen wurden die Aufnäher oft nicht getragen. Man hat den Eindruck, dass die kirchlichen Anstalten bei allem, was Außenwirkung zeigte, sich an die Gesetze gehalten haben, aber nach innen hin versucht haben, die ausländischen Angestellten in den normalen Personalstab unterschiedslos einzugliedern.

Gab es in der Kirche ein Unrechtsbewusstsein?
Ostermann: Nein. Dass es in der Kriegszeit in Deutschland Zwangsarbeiter gab, war gesellschaftlich und sozial akzeptiert. Das zeigt sich auch daran, dass es nach Kriegsende 55 Jahre dauerte, bis die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" eingerichtet wurde und ehemalige Zwangsarbeiter, die etwa in Industriebetrieben tätig waren, entschädigt wurden.

Die katholische Kirche hat sich an dieser Bundesstiftung nicht beteiligt. Wie bewerten Sie das?
Ostermann: Das ist zunächst sehr kritisiert worden, hat sich am Ende aber als sehr positiv herausgestellt. Denn die Kirche hat von sich aus Recherchen angestellt, um Adressen von ehemaligen Zwangsarbeitern zu finden und die Menschen dann zu entschädigen.

Wie viele Menschen wurden entschädigt, die im Erzbistum Köln Zwangsarbeit geleistet haben?
Ostermann: 77, in den deutschen Bistümern insgesamt 587.

Welchen Betrag haben die Menschen bekommen?
Ostermann: Unterschiedslos 5.000 Mark. Hätte sich die Kirche am Bundesfonds beteiligt, wären die meisten ehemaligen Zwangsarbeiter leer ausgegangen. Denn jene, die in Sozialeinrichtungen tätig waren, erhielten daraus gar kein Geld.

Warum hat die Kirche die Ausbeutung der Menschen damals nicht angeprangert?
Ostermann: Die Kirche war damals sehr auf ihre eigenen Probleme fixiert, denn sie war ja vielfältigen Angriffen der Nationalsozialisten ausgesetzt. Eine Ausnahme ist der sogenannte "Dekalog-Hirtenbrief" von 1943, in dem die westdeutschen Bischöfe anhand der Zehn Gebote die Verstöße des nationalsozialistischen Regimes gegen die Menschenwürde herausstellten. Darin kritisierten sie, dass Menschen allein aufgrund ihrer Andersartigkeit verfolgt, deportiert und ausgebeutet werden. Darüber hinaus kann man leider nicht viel finden. Es gab keinen Aufschrei in der Kirche dagegen.

Inwiefern hat die Kirche profitiert von den Arbeitskräften?
Ostermann: Ohne ausländische Arbeitskräfte wären die deutsche Wirtschaft und, was ich speziell untersucht habe, die katholischen Krankenhäuser nicht aufrecht zu erhalten gewesen. Im Sommer 1944 war mehr als jede vierte Arbeitskraft in Deutschland eine ausländische. Im Bereich des heutigen Erzbistums Köln waren 1944 knapp 180.000 Zwangsarbeiter beschäftigt, rund 300 sind in katholischen Einrichtungen nachgewiesen.

Wenn Sie ein Fazit ziehen. Wie sieht das Bild aus?
Ostermann: Ambivalent. Die Kirche profitierte bedenkenlos vom Zwangseinsatz vieler Ausländer, auf der anderen Seite nahm sie diese Menschen nahezu unterschiedslos in ihre Reihen auf und ermöglichte ihnen ein erträgliches Leben. Ein glückliches Leben war es natürlich nicht.

Anne Ostermann: Zwangsarbeit im Erzbistum Köln. Studien zur Kölner Kirchengeschichte. Verlag Franz Schmitt, Siegburg 2011. 269 Seiten, 34,90 Euro.

Zur Person: Die gebürtige Kölnerin Anne Ostermann ist 39 Jahre alt, hat in ihrer Heimatstadt, in Granada und in Bonn Geschichtswissenschaft studiert und arbeitet als freie Historikerin. Sie ist verheiratet, hat vier Kinder und wohnt in Bonn-Endenich. Recherchiert hat sie nach eigenen Angaben in Melderegistern der Städte, bei Sozialversicherungen, in Hauschroniken von Orden und in mehreren Archiven. Darüber hinaus führte sie 35 Zeitzeugen-Interviews.

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