Das GA-Torfieber grassiert wieder
Alle Infos zum großen E- und F-Junioren-Turnier des General-Anzeiger
Der Berliner Füchse-Manager Bob Hanning hat neulich gesagt, es wäre ganz hilfreich, Olympia zu verpassen, um dann radikal neu aufzubauen. Hat er recht?
Andreas Thiel: Die Olympiateilnahme wäre toll, aber ich will's mal so sagen: Auch das Scheitern böte eine Chance.
Was erwarten Sie von der EM?
Thiel: Ich erwarte, dass Frankreich Europameister wird, im Finale gegen Dänemark gewinnt und sich Polen sich für ein Olympia-Qualifikationsturnier qualifiziert. Was den Rest der Reihenfolge angeht, kann man auch würfeln.
Erhält sich Deutschland die Chance auf die Spiele in London?
Thiel: Unser Pool ist ja berechenbar: Das Auftaktspiel gegen Tschechien müssen die Jungs gewinnen, danach auch gegen Mazedonien. Schweden? Kann man nicht sagen. Das ist lösbar, aber keine Pflichtaufgabe. Dann treffen wir in der Hauptrunde wohl auf Dänemark, Polen und Serbien. Aus diesen drei Spielen noch einen Sieg - das könnte reichen für das Spiel um Platz fünf oder um Platz sieben. Kommen die Jungs so weit, müssten sie bei einem der drei Qualifikationsturniere im April dabei sein.
Gibt es eine Mannschaft, die Deutschland im Moment nicht schlagen kann, Frankreich etwa?
Thiel: Nun ja, es ist für uns im Moment eher unrealistisch, einen Sieg gegen Frankreich auch nur in Erwägung zu ziehen.
Haben Sie die letzten Testspiele gegen Ungarn gesehen?
Thiel: Nur das erste, den 36:33-Sieg. Vom Angriff war ich da positiv überrascht, sehr variabel. "Pommes" Hens hat auf Halblinks ein gutes Spiel gemacht, dafür war Holger Glandorf auf Halbrechts grottenschlecht. Das heißt aber nichts, er ist in Flensburg in sehr guter Verfassung. Auf ihn setze ich eigentlich, und auf die Außen, die sind beide stark.
Auch körperlich?
Thiel: Außen braucht man das nicht. Sich dort "Eins gegen Eins" durchzusetzen, ist international nahezu unmöglich mittlerweile. Der Letzte, der das konnte, war Stefan Kretzschmar.
Und hinten?
Thiel: Dort gab's noch zu viele leichte Fehler. Auch bei den Torhütern. Silvio Heinevetter war schwach, aber auch bei ihm muss das nichts heißen. Er ist ein Wettkampftyp, und ich erwarte von ihm, dass er dreimal in diesem Turnier einen Schwerpunkt setzt und die Kiste dicht macht.
Heinevetter hält sehr unorthodox, fast wie ein Fußballtorwart, wenn er sich mit dem ganzen Körper nach dem Ball wirft.
Thiel: Er hält gegen jede Regel, was auch mal nachteilig ist. Gegen Ungarn war er oft viel zu früh unterwegs.
Auf welchen Positionen hat die Mannschaft internationale Klasse?
Thiel: Im Tor, außen mit Uwe Gensheimer und vielleicht Patrick Groetzki, halbrechts mit Glandorf, halblinks mit "Pommes", wenn er denn seine Form findet.
Sehen Sie eine erste Sieben?
Thiel: Eine erste Acht. Es wird einen Positionswechsel geben von Abwehrer Oliver Roggisch und Kreisläufer Christoph Theuerkauf, dann Groetzki rechts, Glandorf halbrechts, Michael Haaß in der Mitte, Hens halblinks, Gensheimer links und Heinevetter im Tor.
Ist der Gummersbacher Kreisläufer Patrick Wiencek nicht stärker als Theuerkauf?
Thiel: Er deckt besser, aber vorne ist er noch nicht effektiv genug.
Aber er bringt Masse mit.
Thiel: Der international erstklassige Kreisläufer ist heute in der Regel ein Koloss. Wenn die den Ball fangen, gibt's Tor oder Siebenmeter. So einer kann Wiencek mal werden. Er ist ja 2009 noch Junioren-Weltmeister geworden.
Macht der neue Trainer Martin Heuberger irgendetwas anders als Heiner Brand?
Thiel: Er hat einen größeren Stab, wie das ja heute modern ist.
Wird er ein eigenes Profil entwickeln oder ist er nur ein Brand-Epigone?
Thiel: Er wird seinen eigenen Weg gehen, dazu ist er tough genug. Seine Konzeption, die er dem Verband vorgestellt hat, war absolut eigenständig. Ich vergleiche die momentane Situation ein wenig mit den Fußballern. Als Jogi Löw damals Jürgen Klinsmann beerbte, hab' ich gedacht: Was wollen die denn mit dem? Heute ist er der König von Deutschland. Es ist halt alles eine Frage der Ergebnisse.
Wie kann es sein, dass Deutschland im Juniorenbereich unter Heuberger zwei WM-Titel gewann, dieselben Spieler dann aber in der Bundesliga nicht auffällig werden.
Thiel: Martin hat diese Erfolge ja im Grunde mit deutschen Tugenden erreicht: hinten dicht und vorne sicher. Da waren selten die Riesentalente dabei. Der letzte richtig gute Jahrgang war der mit Gensheimer und Heinevetter.
Was haben etwa die Franzosen dem deutschen Handball voraus?
Thiel: Die trainieren mehr auf Athletik. Was uns fehlt, ist weniger die individuelle Klasse, es ist die Athletik. Und vielleicht die Individualität. Vor allem in den Landes- und Verbandsauswahlen ist es für Querköpfe und Individualisten sehr schwierig, weil schon da auf den Erfolg geschielt wird. Die Querköpfe versauern dann irgendwann in ihrem Regional- oder Oberligasprengel. Kommen sie aber durch, gewinnen sie dir nachher die Spiele. Wir müssen die Verrückten irgendwie mitnehmen, hat Heiner Brand neulich ja gesagt.
Er selbst hatte mit dem unkonventionellen Michael Kraus aber auch seine Probleme.
Thiel: Kraus hat sicher ein hohes Maß an individuellen Fähigkeiten. Auf dem Handballfeld.
Aber er ist der einzige Mittelmann mit Torgefahr aus dem Rückraum. Haaß und Martin Strobel nimmt beim Wurf doch niemand ernst.
Thiel: Die beiden sind gehobener Bundesligadurchschnitt. Und Kraus wäre jetzt ja auch dabei, wenn er nicht mit dem Auto gegen einen Baum gefahren und richtig fit wäre.
Platz zehn bei der EM 2010, Rang elf bei der WM 2011 - warum ist der größte Handballverband der Welt nicht erfolgreicher? Braucht die Bundesliga eine Deutschen-Quote?
Thiel: Man kann die Vereine ja nicht zwingen, Deutsche spielen zu lassen. Quote ist auch nicht gleich Qualität. Aber vielleicht regelt sich die Sache irgendwann von selbst, wenn eines Tages einfach kein Geld mehr da ist, um die ganzen internationalen Hochkaräter zu verpflichten.
Artikel vom 12.01.2012