Zocken auf schmalem Grat

Wie KI die Games-Branche erobert

BONN. Auf der Suche nach dem perfekten Gegner für den menschlichen Spieler setzen Spiele-Entwickler auch auf KI. Es entstehen zum Teil übermächtige Kontrahenten. Professionelle Gamer machen sich die KI im Training zunutze.

Eine schmale, eiserne Treppe, kaum breiter als ein Umzugskarton, das Licht leuchtet nur spärlich. Die Umwelt wirkt wie tot. Dann plötzlich ertönt eine etwas abgehackt sprechende Computerstimme aus dem Off: "Du solltest dich vorbereiten. Wir haben eine Menge Tests zu absolvieren." Am Ende der Treppe öffnet sich ein gläserner Aufzug, die Szene bricht um. Die erwähnten Worte richten sich an Chell, die vom Menschen gespielte Protagonistin im Rätsel- und Puzzlespiel "Portal 2". Gesprochen werden sie von Glados - einer Künstlichen Intelligenz (KI).

In der boomenden Spielebranche ist KI ein fester Bestandteil. Neusten Zahlen von Game, dem Verband der deutschen Spielebranche, zufolge spielen mehr als 34 Millionen der Deutschen Videospiele, der Umsatz mit diesen lag im ersten Halbjahr 2018 bei rund 1,5 Milliarden Euro. Entwickler arbeiten stetig an Neurungen und haben erreicht, dass virtuelle Gegner - ganz gleich ob Sportler, Soldat oder Fabelwesen - ihr Dasein als programmierte Pixel-Wesen längst hinter sich gelassen haben. Heißt: Sie können sich zunehmend im Spielverlauf an den menschlichen Gegner anpassen, adaptieren dessen Verhalten und werden so zu immer stärkeren Gegnern. "Angesichts immer realistischerer Umgebungen erwarten viele Gamer ein glaubwürdiges Verhalten der Figuren in der Spielwelt. Würden die Figuren nicht nachvollziehbar auf die Aktionen des Spielers reagieren, würde dies die Spielerfahrung deutlich verschlechtern", erklärt Game-Geschäftsführer Felix Falk.

Dass der härteste Gegner für jeden Spieler häufig nicht am Controller auf dem Sessel neben ihm oder verbunden über das Internet am anderen Ende der Welt sitzt, sondern KI-gesteuert ist, zeigte sich öffentlichkeitswirksam im vergangenen Jahr. Damals besiegte ein sogenannter computergesteuerter Bot einen Profispieler im Online-Echtzeit-Strategiespiel Dota 2. Dieser wurde von Open AI (Artificial Intelligence) - eine Organisation zur Erforschung künstlicher Intelligenz - erschaffen. Ein nur auf den ersten Blick ungewöhnliches Duell. Denn wie der Mensch auch trainierte der Computer für das Aufeinandertreffen. Ihm reichten allerdings zwei Wochen, in denen er immer wieder gegen sich selbst antrat, um sich so aus einer riesigen Datenmenge seine eigene Strategie zurechtzulegen. Er lernte mit Erfolg, wann er welche Aktionen einzusetzen hat, wurde zu einem unberechenbaren Gegner, und hangelte sich nicht bloß an einem vorgefertigten, programmierten Code entlang. In diesem Falle hätte der KI-Bot wohl keine Chance gegen den Profi-Gamer gehabt, der seine Vorgehensweise schnell durchschaut hätte.

 

Die Entwicklung immer stärkerer KI verspricht auf den ersten Blick abwechslungsreichere und spannendere Auseinandersetzungen im virtuellen Raum, birgt aber eine nicht zu vernachlässigende Gefahr: Wenn sich der Computergegner derart intelligent verhält und auf Dauer unschlagbar scheint, droht der Spielspaß verloren zu gehen. Falk sieht hier die Entwickler in der Pflicht, die darauf achten müssten, die richtige Balance zu finden: "Einerseits muss die KI in der Lage sein, den Spieler zu fordern und angemessen auf seine Aktionen zu reagieren; andererseits darf sie auch nicht zu gut werden. Eine zu schlaue KI, gegen die der Spieler keine Chance hat, wäre ein richtiger Spielverderber."

Das in Köln ansässige Unternehmen SK Gaming, das unter anderem Profispieler der Spiele "League of Legends" und "Fifa" - in Zusammenarbeit mit dem 1. FC Köln - betreut, sieht in zu intelligenter KI keine Gefahr. Schließlich gehe es um mehr, als zu gewinnen. "Der Reiz in unserem Umfeld besteht doch in erster Linie in der Interaktion vieler verschiedener Spieler, sowohl im Team als auch gegeneinander. Unsere Fans identifizieren sich mit den Geschichten hinter den Persönlichkeiten - all das kann durch eine KI nicht abgebildet werden", erklärt Marketing-Direktor Jens Wundenberg. Dass die KI immer besser werde, sei keine Frage, aber auch eine Chance: "Im besten Fall kann eine gute KI das Verhalten eines Spielers perfekt antizipieren und dient für unsere Spieler so als optimale Ergänzung zum regelmäßigen Training, um individuelle Fehler besser zu identifizieren und das Spiel ein Stückchen weniger berechenbar zu machen."

 

Zur Erklärung: Die KI, die das Verhalten des Spielers antizipiert, ist so programmiert, dass verschiedene Reaktionen auf unterschiedliche Vorgehensweisen des menschlichen Spielers festgelegt sind. Handelt dieser nach einem bestimmten Schema, so weiß eine gute KI, die meist für einen oder mehrere Gegenspieler eingesetzt wird, was zu tun ist, passt sich auf diese Art also dem Spieler an. "Figuren reagieren angemessen auf die Aktionen des Spielers und verhalten sich nachvollziehbar", erklärt Falk. Wirkliche Abwechslung sucht man hier allerdings vergebens. Wiederholt der menschliche Spieler eine Aktion, so ist die Reaktion der KI immer gleich. Sie schafft es nicht, ein Muster im Handeln des Spielers zu erkennen. Folge: Der Spielspaß droht etwa bei einem Spiel, das aus mehreren Missionen besteht, schon beim zweiten Mal verloren zu gehen.

Bei einem Spiel wie Fifa aber besteht auch in dieser KI-Form ein Reiz für den Spieler. Folgendes Szenario: Der Spieler greift mit seinem Team immer wieder über die linke Seite an: "Eine gute KI würde wie ein richtiger Fußballtrainer diese Strategie durchschauen und ihre Taktik entsprechend anpassen", sagt Falk. Die KI zwingt somit den Spieler zum Handeln und Umdenken seiner Aktionen, möchte dieser weiter erfolgreich sein. Eine schlechte KI würde übrigens nicht auf die Aktionen reagieren, selbst wenn im Minutentakt so Tore fallen würden. Für Entwickler hängt die Wahl der KI laut Medienwissenschaftler Stefen Höltgen also entscheidend davon ab, ob die Gegner nur intelligent agieren beziehungsweise reagieren sollen, oder ob sie auch lernfähig sind.

Eine andere KI-Form kann etwa im Spiel "Alien: Isolation" beobachtet werden. Der menschliche Spieler kommt sich in dem dunkel beleuchteten Szenario mitunter vor wie die Beute für ein Raubtier. Das Alien, dessen Bekanntschaft für den Spieler meist tödlich endet, folgt keiner festgelegten Verhaltensweise. Ein bisschen wie ein aufgescheuchtes Huhn, kann es jederzeit und überall aus dem Nichts auftauchen. Dabei nimmt es auch kleinste Geräusche wahr und wählt immer wieder auch unorthodoxe Wege, mit denen der Mensch nicht rechnet. Das überaus intelligente Wesen kann den Spielspaß deutlich fördern, da die KI jedes Mal anders reagieren kann und somit keine Langeweile aufkommt. Unter Umständen wird so aber auch ein unbesiegbarer Kontrahent erschaffen, gegen den jede Taktik hinfällig ist.

Mit der KI in Videospielen ist es demnach wie in so vielen Feldern, in denen die Künstliche Intelligenz nach vorne drängt: Nutzen und Gefahren bewegen sich auf einem schmalen Grat. Die gute Nachricht für alle Zocker liefert wiederum Portal 2. KI kann nämlich nicht bloß Widersacher sein, sondern auch Partner. Im Spielverlauf schließt sich die KI Glados dem Spieler Chell an, gemeinsam machen sie nun Jagd auf die KI Wheatly. Ist der am Spielende besiegt, richtet Glados ein letztes Mal das Wort an Chell: "Die beste Lösung eines Problems ist meist die einfachste. (...) Dich zu töten ist schwer. (...) Du gewinnst. Bitte geh. Es war schön. Komm nicht zurück." Worte, die sich auf KI in Videospielen übertragen lassen. Ja, der menschliche Spieler braucht sie, aber ebenso muss er sie besiegen können. Dann können beide Protagonisten auch zukünftig den Spielemarkt bestimmen.