Künstliche Intelligenz

Wenn Androiden auf Menschen treffen

Bonn. Androiden gibt es längst nicht mehr nur in Büchern und Filmen. Sie bewegen sich unter uns, trampen durch Kanada oder Deutschland, plaudern mit der Kanzlerin oder gleichen Scarlett Johansson bis aufs Haar.

Androiden sind auch nur Menschen. Zumindest in vielerlei Hinsicht. Sie trampen auf eigene Faust durch Kanada wie Hitchbot, der im Juli 2014 zu seiner 6000 Kilometer langen Reise startete. Sie plaudern mit Kanzlerin Angela Merkel, wie die Androidin Sophia. Oder sollte hier aus emanzipatorischen Gründen besser die weibliche Form Gynoide nach dem griechischen Wort für Frau Anwendung finden, auch wenn diese bisher weniger gebräuchlich ist? Vielleicht nicht ganz unbedeutend für die glatzköpfige Schöne, der Saudi-Arabien am 25. Oktober 2017 seine Staatsbürgerschaft verlieh: Womit Sophia als erstes Maschinenwesen überhaupt eine Staatszugehörigkeit besitzt, also mehr als manche Menschen.

Stoff auch für Satiriker, die schnell die Falschnachricht im Netz verbreiteten, Sophia habe gegen die strengen Sittengesetze ihres Landes verstoßen, habe ihr bloßes Haupt unverschleiert gezeigt und sei dafür gesteinigt und enthauptet worden. Keine Falschnachricht ist dagegen, dass sich Wissenschaftler an der Fachhochschule Dortmund mit einem Problem beschäftigen, das in der Forschung vielsagend als "Kidnapped Robot Problem" bezeichnet wird. Dabei geht es darum, mobile Roboter wieder auf den rechten Weg zu führen, die ohne ihr Zutun an einen ihnen unbekannten Ort gebracht wurden. Also im weitesten Sinne um Navigation.

Damit Hitchbot nicht gekidnappt oder gestohlen wird, haben seine Erzeuger, die Kommunikationswissenschaftler Frauke Zeller und David Harris Smith, den reiselustigen Gesellen von vornherein aus einfachen Komponenten gebaut. Ein Tablet, ein Computerboard, Abschnitte von Schwimmnudeln als Gliedmaßen, Haushaltshandschuhe als Hände und Gummistiefel als Füße, fertig war der maschinelle Tramper, der sich selbst nicht fortbewegen konnte und deshalb auf menschliche Unterstützung angewiesen war. Nicht nur, was den fahrbaren Untersatz anging, sondern auch beim Laden seiner Akkus mit dem Zigarettenanzünder. Freundlichkeiten, die Hitchbot unter anderem dadurch zurückgab, dass er seine Fahrt auf seiner Webseite und in sozialen Medien dokumentierte.

Verblüffend lebensecht

Auf seiner ersten Reise kam Hitchbot, der über einen beweglichen Arm verfügte und sich mit seinen Mitreisenden unterhalten konnte, binnen drei Wochen mit Hilfe von 18 Mitfahrgelegenheiten an seinem Ziel auf Vancouver Island an. Ob das auf seinen Charme oder eher auf seine mediale Bekanntheit zurückzuführen war, steht in den Sternen. Sicher ist jedenfalls, dass seine Erfinder in ihrem sozialen Experiment Erkenntnisse darüber gewonnen haben, dass Roboter auf die Unterstützung durch Menschen bauen können. Zudem war es ihnen gelungen, die Diskussion über das Verhältnis der Gesellschaft zur Technik anzutreiben. Die positiven Erfahrungen ließen die Wissenschaftler neue Reisepläne für Hitchbot schmieden. Eine zweite Version des Roboters reiste 2015, begleitet von einem TV-Team der Sendung "Galileo", durch Deutschland, anschließend durch die Niederlande. Erst bei seinem vierten Roadtrip durch die USA zerstörten Unbekannte die Maschine in Philadelphia. Der Kommentar seiner kanadischen Erfinder: "Manchmal passieren guten Robotern schlechte Dinge."

Wie wir Menschen besser mit Robotern klar kommen, damit beschäftigt sich die Kommunikationswissenschaftlerin Martina Mara. "Wenn der Roboter hochgradig menschenähnlich aussieht, dann wirkt das oft unheimlich", erklärte sie in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung unlängst die Skepsis vieler Zeitgenossen, die zum Teil auch abhängig von kulturellen Prägungen sei. So seien beispielsweise Japaner unerschrockener und offener im Umgang mit Maschinenwesen als die Deutschen.

Wie der Entwickler Hiroshi Ishiguro, der in seinem Labor an der Universität von Osaka bereits einige Androiden geschaffen hat, die verblüffend lebensecht daher kommen. Sein Meisterstück ist ein nahezu perfektes Replikat seiner selbst. Sein Geminoid genannter maschineller Zwilling gleicht ihm bis in die Haarspitzen der dunklen Tolle. Gelegentlich benutzt der Professor seinen Doppelgänger auch, um seine Kurse zu übernehmen, seine Studenten zu verwirren oder Vortragsreisen ins Ausland zu übernehmen. Aber Ishiguro, der Kunst studierte, bevor er zur Robotik wechselte, hat sich nicht nur selbstverliebt ein Denkmal gesetzt, sondern experimentiert auch mit Androiden, die zwinkern, kokettieren, flirten, den Anschein erwecken, geliebt werden zu wollen. Genauso wie Menschen.

Bundesregierung lehnt Sexroboter ab

Und manche können sich als Objekt ihrer Begierde auch einen Computer vorstellen. Wie der Hongkong-Chinese Ricky Ma, der sich die Schauspielerin Scarlett Johansson nachbauen ließ. Für umgerechnet 43.000 Euro. Ungleich günstiger kommen dagegen die um 6000 Euro teuren Damen aus der Sexroboter-Schmiede des spanischen Elektroingenieurs Sergi Santos. Automatisierte Silikon-Gespielinnen, deren Schmollmünder und Brüste jedes Klischee übertreffen.

Selbst die Bundesregierung hat sich zu dem Thema bereits geäußert, wenn auch kaum erotisch aufgeladen. Sexroboter als medizinisches Therapiegerät auf Kassenrezept lehne sie ab, lautete die Antwort auf eine FDP-Anfrage. "Je nach Umfrage können zehn bis 40 Prozent aller Männer in Europa sich vorstellen, mit einem Roboter Sex zu haben", sagte Thomas Beschorner, Ethikprofessor an der Universität St. Gallen, dem Schweizer Fernsehen. Eine Gefahr für das älteste Gewerbe der Welt oder eher eine Frage des guten Geschmacks? Die Antwort steht noch aus. Willkommen in der neuen Welt.