Interview mit Christian Bauckhage

So blickt ein KI-Forscher auf die Technologie der Zukunft

Der Bonner Professor Christian Bauckhage forscht am Fraunhofer KI-Institut an Künstlicher Intelligenz.

Der Bonner Professor Christian Bauckhage forscht am Fraunhofer KI-Institut an Künstlicher Intelligenz.

Bonn. Weltweit gibt es nur bis zu 20.000 KI-Experten. Der Bonner Professor Christian Bauckhage ist einer von ihnen. Wir haben mit ihm über lernende Maschinen, Cyberkriege und fehlende Risikofreude in Deutschland gesprochen.

Als Kind träumte der Bonner KI-Forscher Christian Bauckhage davon, Menschen mit Sehbehinderung mittels schlauer Technik zu helfen. Das brachte ihn schließlich zur Informatik. Heute arbeitet er in Sankt Augustin an lernenden Maschinen.

KI-Experten sind zurzeit sehr gefragt. Merken sie etwas davon?

Christian Bauckhage: Ich beschäftige mich seit 20 Jahren hauptberuflich mit dem Thema. 17 Jahre hat das im Grunde niemanden interessiert. Inzwischen kann ich mich vor Anfragen kaum retten. Politiker, Journalisten und die Industrie klopfen an meine Tür.

Wie erklären Sie sich das plötzliche Interesse an Ihrer Arbeit?

Bauckhage: Vor etwa acht Jahren hat es einen Quantensprung auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz gegeben. Seit 70 Jahren wird daran geforscht, aber echte Durchbrüche gibt es seit 2010. Grund dafür sind Unmengen an Daten, mit denen wir arbeiten können, günstige Hochleistungshardware und neue Ideen, um maschinelles Lernen besser zu machen. Das alles hat dazu geführt, dass Maschinen heute etwa Inhalte von Bildern erkennen, Sprache verstehen und Videos analysieren. Wir haben also enorme Fortschritte gemacht. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis das in der Öffentlichkeit angekommen ist, aber nun mit Wucht.

Warum sprechen wir von Künstlicher Intelligenz?

Bauckhage: Dieser Name bereitet uns nur Probleme und wir hätten das nicht so nennen dürfen. Es ist ein dusseliger Begriff, der zu falschen Vorstellungen führt. Intelligenz ist etwas, das wir uns gegenseitig zuschreiben, das entsteht im Auge des Betrachters. Einige Maschinen können Intelligenz aber sehr gut simulieren, indem sie verstehen, was wir sagen und uns den Weg zum Restaurant zeigen. Doch eigentlich trainieren wir Programme darauf, kognitive Fähigkeiten wie Sehen, Sprechen und Planen zu erlernen. Es wäre also besser, wir würden von Künstlicher Kognition sprechen.

Mit dem Begriff werden Sie wohl vorerst leben müssen. Welche Rolle spielt Deutschland bei KI?

Bauckhage: Deutschland ist hier traditionell sehr stark in der Forschung und gehört mit den USA, Israel, Großbritannien und China zu den Top fünf. Besonders gut ist die deutsche KI an der Schnittstelle zur Industrie, also in der Robotik, Logistik und Produktionsplanung. Allerdings gibt es auch eine Skepsis gegenüber neuen Technologien und eine fehlende Risikobereitschaft. Das bremst uns.

Sie forschen in Bonn. Welche Stellung kommt der Region zu?

Bauckhage: Bonn gehört zu den Hauptstandorten in Deutschland, an denen an KI gearbeitet wird. Informatik spielt hier seit den 1970er Jahren eine wichtige Rolle. Auch große Konzerne der IT-Industrie wie die Telekom spielen hierbei eine wichtige Rolle.

KI soll künftig Autos lenken, Kriege prognostizieren und sogar den Tod vorhersagen. Was kann sie leisten und was nicht?

Bauckhage: All das ist realistisch, wenn genügend Daten vorhanden sind. Mobile Geräte sammeln Unmengen an Gesundheitsdaten wie Blutdruck, Puls und Körpertemperatur. Wenn es sehr viele Daten dazu gibt und diese mit Sterbezeitpunkten korrelieren, können Maschinen das erkennen. Mediziner interpretieren in ihrem Berufsleben vielleicht Tausende Röntgenbilder. Eine Maschine können Sie mit Millionen Bildern füttern. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Maschine besser ist als der Mensch. Wo immer sich Prozesse wiederholen, wird KI zum Einsatz kommen. Was wir auf absehbare Zeit nicht sehen, sind Kreativität, Geistesblitze, Neues erschaffen. Wir wissen nicht, wie unser Gehirn das macht. Immer dann, wenn Ausnahmefälle auftreten, sind wir auf uns selbst gestellt.

Das klingt so, als würde KI uns viel Arbeit abnehmen – und viele Jobs kosten?

Bauckhage: Viele Tätigkeiten werden wegfallen. Das ist auch postiv, denn niemand füllt gerne Formulare aus. Wenn eine Maschine das macht, bleibt mehr Zeit für interessantere Aufgaben. Es werden aber auch Berufe wegfallen und neue entstehen. Letztendlich wird das ein Nullsummenspiel sein. Trotzdem müssen wir diese Sorgen ernst nehmen.Wir stehen als Menschheit grade vor einer Zeitenwende. Wir sind es seit Jahrtausenden gewohnt, dass uns zunächst Tiere und dann Dampfmaschinen und schließlich kompliziertere Maschinen körperliche Arbeit abnehmen. Und jetzt zu Beginn des 21. Jahrhunderts fängt es an, dass uns Maschinen geistige Arbeit abnehmen. Das ist neu, da weiß keiner, was da auf uns zukommt.

 

KI könnte künftig Kriege entscheiden. Haben Sie Sorge, dass ihre Arbeit dazu beiträgt, zu töten?

Bauckhage: Meine Arbeit wahrscheinlich nicht, aber die von anderen KI-Forschern möglicherweise schon. An der Stelle verstehe ich die Ängste. Dass wir die Entscheidung über Leben und Tod einer Maschine übertragen, das darf nicht passieren. Viel besorgniserregender finde ich allerdings den Einsatz von KI, die kritische Infrastruktur lahmlegt.

Ein Abstecher in die Science Fiction - Werden intelligente Maschinen mit Menschen künftig zusammenleben?

Bauckhage: Spannendes Thema! Kommende Generationen werden Dinge für selbstverständlich halten, die für uns noch unvorstellbar sind. Wer hätte gedacht, dass wir uns mal mit unseren Telefonen unterhalten? Zivilisation schreitet eben voran.

Das Thema weckt auch Ängste vor feindseligen Maschinen.

Bauckhage: Nach dem aktuellen Stand der Technologie halte ich das für unrealistisch. Unsere KI ist dafür ausgelegt, das Optimum zu suchen. Uns auszulöschen wäre für sie wohl nicht rentabel und Verschwendung von Ressourcen. Eher würde sie sich wohl in den Asteroidengürtel katapultieren. Dort findet sie alles, was sie braucht.

Welches Problem würden Sie KI am liebsten sofort für sich lösen lassen?

Bauckhage: Meine rund hundert E-Mails am Tag zu beantworten stünde auf der Wunschliste weit oben.