Studie zu Attacken in Deutschland Mehr Angriffe auf Flüchtlinge durch Hass-Postings auf Facebook

Wo viel Facebook genutzt wird, ist die Wahrscheinlichkeit von Verbrechen gegen Flüchtlinge erhöht. Grund könnten die Algorithmen des sozialen Netzwerkes sein.

Bonn. Dass in Facebook-Kommentarspalten oft Hass geschürt wird, ist kein Geheimnis. Zwei britische Forscher haben nun den Zusammenhang zwischen Facebook-Nutzung und Verbrechen gegen Flüchtlinge in Deutschland untersucht.

Je höher die Facebook-Nutzung in einer Region, desto wahrscheinlicher ist dort ein Angriff auf Flüchtlinge. Diese These haben nun Carlo Schwarz und Karsten Müller von der Universität Warwick im englischen Coventry bestätigt. Die beiden Wissenschaftler untersuchten 3335 flüchtlingsfeindliche Attacken in Deutschland und verschiedene lokale Variablen über einen Zeitraum von 111 Wochen zwischen 2015 und 2017. 

Anhand dieser lokalen Variablen sollten Zusammenhänge zu Attacken gefunden werden. Unter anderem wurden der Wohlstand, die Verkaufszahlen von Zeitungen und die Zahl der Flüchtlinge in der Region untersucht. Dabei fiel eine Variable besonders auf: die Nutzung des sozialen Netzwerks Facebook und die dort abgesetzten Hass-Postings. Die Wissenschaftler hatten dazu Postings auf der Facebook-Seite der AfD untersucht. Sowohl Beiträge der AfD als auch Posts von Usern auf der Pinnwand der AfD flossen in die Studie ein.

Konkret: Wenn die Pro-Kopf-Facebook-Nutzung auf der AfD-Seite um eine Standardabweichung über dem nationalen Durchschnitt lag, vermehrten sich Angriffe auf Flüchtlinge um 50 Prozent. Die beiden Forscher schätzen, dass ungefähr ein Zehntel der Fälle von flüchtlingsfeindlicher Gewalt in Deutschland auf diesen Effekt zurückzuführen ist. Würden auf der Seite der AfD weniger flüchtlingskritische Posts verfasst, könnte es 13 Prozent weniger Angriffe auf Flüchtlinge geben, so die beiden Wissenschaftler. Dies gelte sowohl für Beiträge der AfD als auch für die von anderen Usern auf der Seite der AfD. Sie arbeiteten heraus, dass eine überdurchschnittliche Nutzung des Internets allgemein nicht mit Gewalt gegen Flüchtlinge korreliert. Es handelt sich also um ein spezifisches Problem von Facebook.

Doch warum tritt bei Twitter, Snapchat oder anderen sozialen Netzwerken dieser Effekt nicht auf? Möglicher Hintergrund könnten die Algorithmen von Facebook sein. Diese zeigen Benutzern in erster Linie die Sachen an, die diese interessieren sollten. Dabei erzeugen Beiträge, die Furcht oder Wut hervorrufen, viel Interesse und werden deshalb auch oft angezeigt. Außerdem werden Beiträge, die die eigene Meinung stützen, vermehrt angezeigt: So entstehen die sogenannten Filterblasen, in denen es oftmals auch zu Radikalisierung kommt. Die Forscher verweisen dazu auf Studien von Cass Sunstein, der die Bedeutung von Filterblasen für Radikalisierungen erforscht hatte.

Die englischen Forscher haben auch die Gegenprobe gemacht und untersucht, wie sich die Situation ändert, wenn es Verbindungsprobleme mit dem Internet oder Störungen bei Facebook gibt. Das Ergebnis: Wenn in Gebieten mit einer ansonsten überdurchschnittlichen Facebook-Nutzung das Internet nicht verfügbar war, verringerte sich die Gewalt gegen Flüchtlinge deutlich.  Auch wenn Großereignisse wie die Fußball-EM oder die Wahl von Donald Trump viel Platz in den Medien einnahmen, konnte ein Rückgang der Gewalttaten beobachtet werden. Die Forscher vermuten, dass dann die Aufmerksamkeit von der Flüchtlingsthematik abgelenkt wird.

Beide Wissenschaftler verweisen auf das Dilemma, wie die Politik gleichzeitig das Recht auf freie Meinungsäußerung erhalten und gleichzeitig gegen Hass-Postings vorgehen kann. Hass-Postings könnten der Politik einen Vorwand für Zensur liefern. Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs, äußerte sich auf Twitter zu der Studie, man müsse diskutieren ob Facebook eine so große Gefahr für unsere Gesellschaft sei, dass es zerschlagen werden müsse. Facebook habe ein "toxisches Geschäftsmodell".

Im konkreten Fall könnte das Schließen der Pinnwand für Beiträge von anderen Facebook-Nutzern auf der Seite der AfD eine Abhilfe sein. Laut der Studie ist das bei den anderen deutschen Parteien bereits üblich. So könnten Hass-Postings verhindert werden und damit auch Straftaten gegen Flüchtlinge.

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