Interview mit Marcello Ienca

"Kommunikation über Gedanken ist irgendwann möglich"

Marcello Ienca.

Marcello Ienca.

Bonn. Der Bioethiker Marcello Ienca spricht im Gespräch über die Probleme bei der Fusion von Technik und Gehirn. Dabei geht es auch um das viel diskutierte Brainhacking.

Der nicht nur sprichwörtlich gute Draht der KI-Forschung zu unserem Gehirn birgt viele positive Möglichkeiten, aber auch Gefahren. Der Wissenschaftler Marcello Ienca untersucht die ethischen Probleme, die mit der Entwicklung von künstlicher Intelligenz einhergehen - zum Beispiel das derzeit viel diskutierte Brainhacking, dank dem es unter anderem für Dritte möglich ist, bis zu einem gewissen Grad in unsere Gedankenwelt einzutauchen. Mit dem Ethiker sprach Dennis Sennekamp.

Derzeit macht das Brainhacking Schlagzeilen - das Aufmotzen des menschlichen Gehirns durch und für Technik. Darunter fallen Implantate, die als Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine fungieren und mit denen sich Roboterarme bewegen lassen. Was ist aus ethischer Sicht die positive Seite dieser Entwicklung?

Marcello Ienca: Die Fortschritte in diesem Bereich der Neurowissenschaften eröffnen neue Felder auf dem klinischen Sektor. Ebenso ist es erfreulich, dass es eine große Gemeinschaft an unabhängigen Biotechnikern gibt, die auf eigene Faust zum Neurohacking forschen und ihre Ergebnisse der Allgemeinheit zur Verfügung stellen.

Und wo liegen die Gefahren?

Ienca: Bei der bösartigen Anwendung der Technik. So können die Daten über die Schnittstellen ja geschrieben und ausgelesen werden. Britischen Wissenschaftlern ist es so gelungen, aus den Informationen der Gehirnströme Geheimzahlen, wie die einer Kreditkarte, zu extrahieren und offenzulegen. Insgesamt besteht eine große Gefahr darin, dass die gehirnbezogenen Daten ungeschützt vom klinischen in den kommerziellen Sektor wandern.

Gibt es heute schon Beispiele für einen kommerziellen Nutzen?

Ienca: Ja, die gibt es. Im Internet kann man für um die 120 Dollar zum Beispiel Headsets kaufen, die versprechen, das Gehirn zu trainieren. Gekoppelt sind diese Headsets an Apps auf Smartphones. Diese Apps enthalten zum Beispiel Spiele und kognitive Aufgaben, bei denen bestimmte Hirnregionen angesprochen werden. Die Headsets lesen dann die entsprechenden Hirnströme aus und wählen Aufgaben zum Training. Was jedoch mit den gesammelten Daten zu den Hirnströmen passiert, ist nicht klar.

Zum Beispiel ist es bei einigen Apps möglich, sich mit dem eigenen Facebook-Profil anzumelden. Das US-Unternehmen arbeitet übrigens selbst an Interfaces, mit denen es möglich werden soll, Nachrichten direkt ins Smartphone zu denken, ohne dabei tippen zu müssen. Skandale aus jüngster Vergangenheit, wie dem Datenloch bei Cambridge Analytica, haben gezeigt, wie solche Informationen bei Facebook aufgehoben sind.

Was ist aus Ihrer Sicht mit einem Nutzen von Brainhacking für das Militär?

Ienca: Die Möglichkeiten des Brainhacking macht sich natürlich auch die militärische Forschung zunutze, um Soldaten in Zukunft leistungsfähiger zu machen. Anwendungsfelder wären das Steuern einer Drohne mit Gedanken oder nonverbale Kommunikation, die viel schwerer abzufangen wäre als das gesprochene Wort.

Denken Sie, dass es eines Tages möglich sein wird, auf diese Weise zu kommunizieren?

Ienca: Ein Teil der Antwort liegt bereits in Ihrer Frage: "eines Tages". Ich denke, dass eine Kommunikation über Gedanken tatsächlich irgendwann möglich sein wird, genau wie es möglich sein wird, den Mars zu besiedeln. Die Technik entwickelt sich schnell - wichtig ist aber der Zeitrahmen: So sind wir noch Jahre von solchen Fortschritten entfernt.