Kämpfe in Nahost gehen weiter

Tel Aviv/Gaza.  Der blutige Schlagabtausch in Nahost zwischen Israelis und Palästinensern im Gazastreifen nimmt kein Ende. Die Zahl der Toten stieg am fünften Tag der israelischen Militäroperation "Säule der Verteidigung" auf 55, Hunderte wurden bislang bei Raketen- und Luftangriffen verletzt.

Die israelische Armee bombardierte auch am Sonntag zahlreiche Ziele im Gazastreifen. Gleichzeitig gingen Bemühungen um eine Waffenruhe weiter: In Kairo traf ein israelischer Unterhändler zu Gesprächen über einen Waffenstillstand mit der in Gaza herrschenden Hamas ein.

Militante Palästinenser feuerten am Sonntag erneut eine Rakete auf die israelische Küstenmetropole Tel Aviv, die allerdings von der Raketenabwehr abgefangen werden konnte. In den Städten Aschkelon, Beerscheva und Sderot wurden mehrere Gebäude direkt von Raketen getroffen. Ein Feuerwehrmann erlitt schwere Kopfverletzungen.

Die radikal-islamische Hamas bekannte sich auch zu diesem Angriff auf Tel Aviv, das bereits den vierten Tag in Folge mit Raketen beschossen wurde. Es handele sich um eine "verbesserte" Kassam-Rakete des Typs M-75, die eine größere Reichweite habe, teilte Hamas mit. Seit Mittwoch hat Hamas nach eigenen Angaben etwa 900 Raketen auf Israel abgefeuert. In einem Vorort Tel Avivs wurde ein Auto von Raketentrümmern getroffen und ging in Flammen auf.

Die anhaltende Gewalt nährte Sorgen vor einer israelischen Bodenoffensive in dem Palästinensergebiet. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte am Sonntag: "Die Operation im Gazastreifen geht weiter und wir sind dazu bereit, sie noch bedeutend auszuweiten." Armeesprecher Joav Mordechai erklärte: "Solange im Süden keine Ruhe herrscht, gibt es keine Änderung unserer Pläne." Tausende von Reservisten würden auf einen möglichen Bodeneinsatz vorbereitet. Bis zu 75 000 Reservisten müssen mit einer Einberufung rechnen.

Im Bemühen um eine Waffenruhe kam am Sonntag der französische Außenminister Laurent Fabius zu Gesprächen nach Jerusalem. Nach Treffen mit der israelischen Führung wollte er zu dem Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas nach Ramallah reisen.

Am Montag wurde UN-Generalsekretär Ban Ki Moon in Kairo erwartet. Wie ein Sprecher des Außenministeriums in Kairo am Sonntag erklärte, will er mit Präsident Mohammed Mursi über das weitere Vorgehen Ägyptens im Nahostkonflikt sprechen. Über weitere Besuchsstationen Bans in Nahost lagen zunächst keine Angaben vor.

Seit Mittwoch sind nach Angaben des Hamas-Gesundheitsministeriums 52 Palästinenser getötet und etwa 540 verletzt worden. 22 der Toten seien Zivilisten - Kinder, Frauen und ältere Männer. Auch mehr als 70 Prozent der Verletzten seien Zivilisten. Am Sonntag seien bei neuen Angriffen im Gazastreifen drei Kinder und eine Frau getötet worden. Auf der israelischen Seite starben bisher drei Menschen.

Die israelische Armee teilte am Sonntag mit, in der Nacht seien ein Trainings- sowie ein Kommunikationszentrum der im Gazastreifen herrschenden Hamas getroffen worden. Auch das Büro des Al-Kuds-Fernsehens, das der im Gazastreifen herrschenden Hamas nahesteht, sei angegriffen worden. Dabei wurden nach Krankenhausangaben sechs palästinensische Journalisten verletzt - einer von ihnen habe ein Bein verloren.

Nach Angaben von Augenzeugen flohen am Samstag im Gazastreifen Tausende Menschen aus Furcht vor einer israelischen Bodenoffensive aus ihren Häusern und suchten weiter im Zentrum Zuflucht. Am frühen Morgen hatten israelische Kampfjets die Hamas-Regierungszentrale und andere wichtige Verwaltungsgebäude in Gaza-Stadt zerbombt.

Israel kann weiter auf die Unterstützung seines engen Verbündeten, der USA, bauen. Ein hochrangiger Sicherheitsberater von US-Präsident Barack Obama sagte, die Regierung Netanjahu habe die Entscheidung über eine mögliche Bodenoffensive im Gazastreifen selbst in der Hand: "Wir wollen dasselbe wie die Israelis", sagte Ben Rhodes während eines Flugs nach Asien zu Journalisten. "Und das ist ein Ende des Raketenbeschusses aus Gaza."

Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte während eines Telefonats mit Netanjahu das Recht Israels auf Selbstverteidigung und die Pflicht zum Schutz der israelischen Bevölkerung. "Sie war sich mit dem Premierminister einig, dass schnellstmöglich ein vollständiger Waffenstillstand erreicht werden müsse, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden", hieß es in einer Mitteilung von Vize-Regierungssprecher Georg Streiter.

Merkel telefonierte auch mit dem ägyptischen Präsidenten Mursi. Ihn ermunterte sie nach diesen Angaben, "seine wichtige Vermittlerrolle weiter auszuüben und die palästinensischen Gruppen zu einer umgehenden Einstellung der Angriffe auf Israel zu bewegen". Am Samstag hatte Mursi zudem in Kairo in getrennten Gesprächen mit dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und dem Emir von Katar Möglichkeiten zur Beendigung des Konflikts erörtert.

Die Arabische Liga kündigte einen Solidaritätsbesuch im Gaza-Streifen an. Die Liga kritisierte die israelischen Angriffe auf Gaza scharf und bezeichnete sie als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit".

Bundesaußenminister Guido Westerwelle warnte vor einer weiteren Eskalation der Gewalt in Nahost und mahnte die Araber, mäßigend auf die Hamas einzuwirken. "Die Lage in Gaza und Südisrael ist extrem gefährlich. Es droht eine Eskalationsspirale mit Folgen für die gesamte Region", sagte Westerwelle in einer am Sonntag vom Auswärtigen Amt verbreiteten Erklärung.

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