"Warum sollen wir in Panik verfallen?"

<b>Der Statistiker Gerd Bosbach</b> schaut auch auf die Vergangenheit.

<b>Der Statistiker Gerd Bosbach</b> schaut auch auf die Vergangenheit.

08.11.2006 Der Statistiker Gerd Bosbach rät zu Skepsis und Zurückhaltung bei weit in die Zukunft reichenden Bevölkerungsprognosen: "Es kann ganz anders kommen" - Viele Daten werden nach Ansicht des Professors dramatisiert

Köln. Mit dem Statistiker Gerd Bosbach, Professor am RheinAhr-Campus der Fachhochschule Koblenz, sprachen Kai Pfundt und Marcel Wolber.

General-Anzeiger: Deutschland gilt als Land mit einer der niedrigsten Geburtenraten in Europa. Richtig?

Gerd Bosbach. Wir haben eine niedrige Geburtenrate, das ist richtig. Aber bei weitem nicht die niedrigste. Nach den letzten Zahlen von 2004 hatten unter den 25 EU-Staaten zehn eine niedrigere Geburtenrate, ein oder zwei eine ähnliche, der Rest lag darüber. Wir liegen also bei der Geburtenrate in der unteren Hälfte, aber noch nicht einmal im unteren Drittel.

GA: Woher kommt denn die Botschaft vom Geburtenschlusslicht Deutschland?

Bosbach: Ich habe den Eindruck einer Kampagne. Im März hieß es, wir hätten die niedrigste Geburtenrate der Welt, beruhend auf einer Lüge des Berlin-Institutes für Bevölkerung und Entwicklung. Als dpa-Nachricht war sie dann auf fast allen Titelseiten. Ich habe mir die Daten beim Statistischen Bundesamt besorgt, die dpa-Meldung war völlig falsch. Ich habe daraufhin eine Richtigstellung geschrieben, dpa hat ihre Meldung als falsch zurück gezogen. Aber der generelle Eindruck hatte sich da schon verfestigt: Drama! Dass dieses Drama in dieser Form überhaupt nicht stattfindet, ist nicht mehr durchgedrungen.

GA: Es gibt aber mehr als eine Studie, die den Trend einer schrumpfenden und alternden Bevölkerung belegt.

Bosbach: Richtig. Entsprechende Veröffentlichungen gibt es im Zwei-Wochen-Rhythmus. Zum Beispiel Ende Juni. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, eine Einrichtung des Statistischen Bundesamtes, und die Robert-Bosch-Stiftung brachten eine Meldung, nach der die Deutschen angeblich den niedrigsten Kinderwunsch in ganz Europa haben.

Tatsächlich hatten die Autoren der Studie gerade einmal acht Länder inklusive Deutschland dargestellt. Von ganz Europa hätte also nicht die Rede sein dürfen, und die Zahl der Befragten war für diese weitreichende Schlussfolgerung viel zu gering. Auf diese Art und Weise bekommt man jedes Ergebnis hin. So geht das Schlag auf Schlag, eine dramatische Schlagzeile löst die nächste ab. Das bleibt haften.

GA: Aber wird sich die Altersstruktur nicht wirklich dramatisch verschlechtern?

Bosbach: Es ist anzunehmen, dass wir in Deutschland einen leichten Bevölkerungsrückgang erleben werden. Auch der Altersdurchschnitt wird steigen, das heißt, wir werden mehr Rentner haben. Erstaunlicherweise wird bei diesen Betrachtungen die Vergangenheit aber komplett ausgeblendet.

Seit wir brauchbare statistische Aufzeichnungen haben, ungefähr seit 1870, altert die Bevölkerung, und zwar rapide. Dass wir im vergangenen Jahrhundert eine enorme Alterung verkraftet haben, der Wohlstand aber trotzdem enorm zugenommen hat und die Sozialsysteme erheblich ausgebaut wurden, wird in den Katastrophenszenarien nicht berücksichtigt. Auch der Rückgang der Kinderzahl ist kein Phänomen der Gegenwart. Das beobachten die Statistiker ebenfalls seit 1870.

GA: Inwiefern hilft der Blick zurück weiter?

Bosbach: Ich habe einmal die Entwicklung zwischen 1960 und 2005 berechnet, also ein ähnlicher Zeitraum wie von heute bis 2050. In allen Beziehungen waren die Zahlen von dem, was zwischen 1960 und 2005 geleistet wurde und dem, was bis 2050 erwartet wird, identisch: Steigerung des Altenquotienten, Verringerung der Kinderzahl, Zunahme der Hochbetagten. Wir haben also in der Vergangenheit gemeistert, was uns in den kommenden Jahrzehnten erneut bevorsteht, und dabei unser Bruttoinlandsprodukt mehr als verdreifacht. Warum sollen wir nun mit Blick auf die Zukunft in Panik verfallen?

GA: Wie zuverlässig können Prognosen, die beispielsweise bis 2050 reichen, überhaupt sein?

Bosbach: Es handelt sich lediglich um Hochrechnungen auf der Basis aktueller Daten. Es wird so getan, als würden diese Hochrechnungen tatsächlich Wirklichkeit. Dabei müssen wir nur in die Vergangenheit blicken, um zu sehen, wie unberechenbar die Zukunft ist.

Alleine in den vergangenen fünf Jahrzehnten hatten wir sechs, sieben Brüche bei der Bevölkerungsentwicklung: von der Gastarbeiterzuwanderung bis zum Pillenknick, vom Trend zur Kleinfamilie bis zur Wiedervereinigung. Denken sie weiter zurück, haben zwei Weltkriege die Demographie maßgeblich geprägt. Solche Brüche sind nicht vorauszusehen, nicht planbar. Aber dass sie kommen, ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

GA: Also alles Kaffeesatzleserei?

Bosbach: Ich bin schon dafür zu berechnen, was auf Basis heutiger Daten in der Zukunft passieren würde. Aber wir müssen uns vor Augen führen, dass diese Berechnungen keinen Absolutheitsanspruch besitzen. Außerdem dürfen die verantwortlichen Statistiker keine logischen Böcke schießen.

GA: Zum Beispiel?

Bosbach: Beim Zuwachs des Lebensalters werden heutige Altersgrenzen 50 Jahre in die Zukunft projiziert: die Grenze für den Renteneintritt oder die Grenze, ab der alte Menschen als hochbetagt, also zunehmend krank und pflegebedürftig gelten. In dieser Logik heißt das bei einer zusätzlichen Lebenserwartung zwischen sechs und acht Jahren in 2050, dass diese Lebensjahre die Zeit altersbedingter Krankheiten und Gesundheitsbeeinträchtigungen verlängern - mit entsprechend höheren Gesundheitskosten.

Tatsächlich müsste auch die Grenze hochgesetzt werden, ab der jemand als hochbetagt gilt, von heute 80 Jahre auf 85 Jahre zum Beispiel. Die Rechnung für Pflege- und Krankheitskosten sieht dann ganz anders aus. Die Leute werden nicht nur älter, sie bleiben auch länger gesund.

GA: Wichtige Einflussfaktoren wie der medizinische Fortschritt oder die Produktivitätssteigerung bleiben also unberücksichtigt?

Bosbach: Genau. Es wird auch nicht berücksichtigt, dass die mittlere Generation nicht nur die Alten, sondern auch die Jungen ernähren muss. Die Kosten von Jugendlichen werden oft unterschätzt. Da sind nicht nur die Kosten in der Familie, sondern auch für Bildung, Gesundheit und die Kinderversorgung: ein Elternteil ist schließlich in der Regel damit beschäftigt und kann in dieser Zeit den Beruf nicht wahrnehmen. Bei einem Wiedereintritt müssen oft schlechtere Konditionen in Kauf genommen werden. Weniger Kinder bedeutet also auch weniger Kosten - in einer seriösen Zukunftsrechnung darf das nicht fehlen.

GA: Warum gibt es angesichts dieser Unzulänglichkeiten nicht einen Aufschrei unter den Statistikern, wenn die Zukunft wieder einmal schwarz gemalt wird?

Bosbach: Die Zunft der Demographen freut sich natürlich über die öffentliche Aufmerksamkeit, sie sonnen sich geradezu darin. Außerdem schwimmen die meisten in Deutschland gerne mit dem Strom. Wer, wie einige Kollegen und ich, gegen den herrschenden Mainstream argumentiert, wird oft ignoriert. Auch der Zugang zu Forschungsgeldern spielt eine Rolle.

GA: Autoren und Wissenschaftler wie Frank Schirrmacher und Meinhard Miegel, die eine ziemlich düstere Zukunft beschwören, liegen also daneben?

Bosbach: Meinhard Miegel hat sich vor 30 Jahren, was seine Ansichten angeht, festgelegt. Er kann jetzt nicht mehr zugeben, dass er seinerzeit zu kurz gedacht hat. Schirrmacher hat keine Ahnung von Fakten. Von den angeblichen Fakten, mit denen er argumentiert, kann ich auf Anhieb 50 Prozent als falsch darstellen. Die anderen 50 Prozent sind dubiose Zahlen, die er aus irgendwelchen Horrorrechnungen zusammengeklaubt hat. Ein Demograph wie Ernst Kistler, der in seinem Buch "Die "Methusalem-Lüge" ähnlich wie ich argumentiert, findet bei weitem nicht die Beachtung wie die Dramatisierer.

GA: Wie soll denn die Politik mit diesen langfristigen Prognosen umgehen? Finger weg?

Bosbach: Wir müssen uns mit diesen Daten durchaus beschäftigen. Wir müssen aber ihren Absolutheitsanspruch anzweifeln. Das Statistische Bundesamt hat 2003 neun sehr unterschiedliche Modellrechnungen für das Jahr 2050 vorgelegt. In der öffentlichen Diskussion hat nur ein Szenario ein Rolle gespielt. Wir müssen uns aber klar machen, dass es ganz anders kommen kann.

GA: Wenn Kindermangel und zunehmendes Alter als Zukunftsbedrohung überschätzt werden, wo liegen denn die wirklichen Probleme?

Bosbach: Auf dem Arbeitsmarkt. Tatsächlich werden wir Löcher in der Renten- oder Krankenversicherung haben. Aber nicht, weil wir immer kranker oder immer älter werden, sondern weil zu wenige Menschen Beiträge leisten. Wenn die Sozialsysteme zukunftssicher werden sollen, muss man sie umbauen, ihre Abhängigkeit von den Beitragszahlungen der Beschäftigten vermindern - durch eine Bürgerversicherung oder die Besteuerung von Kapitalgewinnen.

GA: Gibt es überhaupt relativ gesicherte Zukunftsannahmen?

Bosbach: Wir werden in der Zukunft weniger Menschen im mittleren Alter haben. Bei sinkender Arbeitslosigkeit verringert das bis 2030 aber noch nicht einmal die Anzahl der Versorger, also der Menschen, die über ihre beruflichen Einkünfte Familie und Gesellschaft finanzieren. Weiterhin bestimmen wir heute die Qualität der zukünftigen Versorger, sie sitzen nämlich bereits jetzt auf der Schulbank oder klopfen um einen Ausbildungsplatz an.

Eine gute Bildung und Ausbildung würde sie fit für ihre Zukunftsaufgaben machen. Aber gerade das sehe ich durch Politik und Wirtschaft nicht gewährleistet. Ein Beispiel: Die NRW-Landesregierung brüstet sich damit, 1 000 neue Lehrer eingestellt zu haben. Bei knapp 7 000 öffentlichen Schulen im Land ist das also ein Siebtel Lehrer pro Schule. So bekommt man die Bildungsprobleme nicht in den Griff. Und mit zu wenig Ausbildungsplätzen erzeugt sich die Wirtschaft ihren zukünftigen Facharbeitermangel gerade selber!