Interview mit Ulrich Wegener

"Von Sicherheit konnte überhaupt keine Rede sein"

Ulrich Wegener.

MÜNCHEN. Ulrich Wegener hat das Olympia-Attentat von 1972 als Verbindungsoffizier des damaligen Bundesinnenministers Hans-Dietrich Genscher miterlebt. Danach gründete und leitete er die Antiterror-Einheit GSG 9. Der 83-Jährige lebt heute in der Nähe von Bonn.

Können Sie schildern, wie Sie den 5. und 6. September 1972 erlebt haben?
Ulrich Wegener: Ich erinnere mich noch hundertprozentig dran. Das waren ja für mich die schlimmsten Tage meiner Laufbahn - auf der einen Seite. Und auf der anderen der Beginn einer Erfolgsstory mit der GSG 9. Ich war vorher bei der NATO in Rom, und als ich in München ankam und die Sicherheitsmaßnahmen gesehen habe, habe ich gesagt: Das kann ja wohl nicht wahr sein. Von Sicherheit konnte überhaupt keine Rede sein: unbewaffnete Polizisten in blauen Freizeitanzügen im Olympischen Dorf, unzureichende Bezäunung. Ich habe dann auch schnell gemerkt, dass die von taktischer Planung keine Ahnung haben. Das war für mich als Offizier einfach unvorstellbar. Als man mir sagte, wegen der Olympischen Spiele 1936 dürfe man keine höheren Sicherheitsvorkehrungen haben, hielt ich das für eine Ausrede.

Diese Vorwürfe haben Sie auch damals schon erhoben...
Wegener: Ja, klar. Aber ich war ja nur ein kleiner Offizier im Stab von Minister Genscher, und ich hatte nicht den Einfluss, den ich vielleicht heute habe.

Nicht nur das Sicherheitssystem im Vorfeld, sondern auch der Einsatz selbst scheiterte schrecklich. Gab es überhaupt die Chance, die Geiselnahme unblutig zu beenden?
Wegener: Ja, es gab mit Sicherheit eine Chance, es hätte sie bei entsprechend ausgebildetem Personal gegeben. Da hätte man durchaus eine Möglichkeit gehabt, die Öffentlichkeit nicht zusehen zu lassen und zuzugreifen. Heute ist man immer schlauer, aber ich bin überzeugt davon, dass man nicht mit diesen Verlusten rechnen musste. Aber man hatte keine Ahnung von Taktik und entsprechend ist man vorgegangen.

Ein Polizeipsychologe hat das Szenario eines solchen Attentates im Vorfeld entworfen, es wurde dann als unwahrscheinlich verworfen...

Wegener: Ja, er schilderte den Hergang eines möglichen Überfalls, aber der wurde von der Führung der Münchner Polizei ad acta gelegt. Da hieß es, das brauche man nicht zu besprechen. Das kann ich überhaupt nicht verstehen. Wenn man sich vorbereitet, muss man auch derartige Abläufe durchspielen - auch, wenn die natürlich sehr schlimm sind. Es nützt ja nichts, die Augen zuzumachen.

Es soll damals schon eine mit der GSG 9 vergleichbare Truppe des Bundesnachrichtendienstes (BND) ganz in der Nähe gegeben haben...
Wegener: Das stimmt natürlich nicht. Es gab lediglich Pläne beim Bundesnachrichtendienst für eine Stay-Behind-Einheit. Aber die waren natürlich für den Kampf gegen den Terrorismus überhaupt nicht ausgebildet, das ist keine Frage. Und die Einheit war auch noch nicht so weit. Es war mehr eine Planung als alles andere.

Es gibt die Bilder, die jeder kennt und die gerade in diesem Jahr immer und immer wieder gezeigt werden. Was sind Ihre ganz persönlichen Bilder, die Sie nicht loslassen?
Wegener: Ich war ja mit Minister Genscher auf dem Tower von Fürstenfeldbruck und habe gesehen, wie die Hubschrauber in Flammen aufgingen. Das werde ich nie vergessen. Ich war übrigens am Montag in Fürstenfeldbruck - auf Einladung der Offiziersschule der Luftwaffe und habe es mir nochmal angesehen.

Seit dieser Zeit hat sich - auch dank der GSG 9 - viel verändert...
Wegener: Ja, Gott sei Dank...

Sehen Sie trotzdem auch heute noch Schwachstellen bei der Sicherheit von großen Ereignissen in Deutschland?
Wegener: Das ist heute natürlich eine ganz andere Planung und Vorbereitung, die Polizei hat viel gelernt in den letzten 40 Jahren - auch, mit Terrorismusvorkommnissen umzugehen. Und die Erfolge, die wir in der Terrorismusbekämpfung hatten, die sprechen ja auch für sich. Deutschland war zum Glück gefeit in den letzten Jahren. Es gab ja Fälle, in denen Terroristen etwas geplant haben, aber wir haben sie immer vorher erwischt.

Sie haben vom schlimmsten Tag Ihrer Laufbahn und dem Beginn der Erfolgsgeschichte der GSG 9 gesprochen...
Wegener: Natürlich war es der schlimmste Tag. Es war eins der schwerwiegendsten Sicherheitsereignisse in Deutschland überhaupt. Die Hilflosigkeit, zuzusehen und nichts tun zu können, war für mich am schlimmsten. Aber nach diesen Ereignissen habe ich mich sofort bereiterklärt, die neu gegründete Einheit GSG 9 zu übernehmen. Es hat mich sehr gefreut, weil ich etwas tun konnte. Ich habe mir immer gesagt, so etwas darf in Deutschland nie wieder passieren.