Timotheus Höttges: "Jeder Deutsche braucht einen DSL-Anschluss"

Telekom-Finanzchef über den Standort Bonn, das Festspielhaus und die Investitionen auf dem Land

Bonn. Timotheus Höttges ist seit knapp 100 Tagen Finanzvorstand der Deutschen Telekom. Mit ihm sprachen Claudia Mahnke, Julian Stech und Andreas Tyrock.

General-Anzeiger: Inwiefern ist der Weltkonzern Telekom ein Bonner Unternehmen?

Timotheus Höttges: Wir sind in Bonn ganz fest verankert. Seit 1995 haben wir die Zahl der Mitarbeiter hier praktisch verdreifacht. Aktuell beschäftigen wir rund 13 000 Menschen in der Region. Wir fühlen uns hier sehr wohl. Bonn hat viele Vorteile. Es ist kein Ballungsgebiet wie München, deshalb auch nicht so teuer, und die Schulen sind extrem gut. Für unser Management zählt auch die Internationalität und die Nähe zu den Flughäfen. Wir tun viel für die Stadt Bonn. Wir geben hier jährlich mehr als fünf Millionen Euro für Sport-, Kultur- und Jugendförderung aus. Das reicht von den Telekom Baskets bis zu Schulkooperationen.

GA: Wenn Sie hier leben, möchten Sie vielleicht auch bald ins Festspielhaus gehen. Wie stehen Sie zu dem Projekt?

Höttges: Beethoven ist ein Magnet. Er wird aber noch nicht so genutzt wie etwa Mozart oder Wagner. Deshalb es absolut logisch, ihn stärker in den Vordergrund zu stellen. Ich kann auch nachvollziehen, dass die Stadt ein neues Festspielhaus braucht. Da liegt es auf der Hand, dass dabei die Deutsche Telekom angesprochen wird. Wir haben aber im Vorstand noch keine Entscheidung für das Festspielhaus getroffen.

GA: Was fehlt denn dazu noch?

Höttges: Dazu brauchen wir erstens ein klares, nachhaltiges Kultur-Konzept. Da darf auch der sonstige Kulturbetrieb der Stadt nicht untergehen. Zweitens stellt sich die Frage nach der Finanzierung des laufenden Betriebes des Festspielhauses, das ja künftig eine viel breitere Öffentlichkeit erreichen muss. Und drittens geht es um die Finanzierung des Festspielhauses selbst, die sich in dem dafür veranschlagten Rahmen bewegen muss.

GA: Das klingt zurückhaltend...

Höttges: Das Projekt ist geplant worden, bevor die Wirtschaftskrise da war. Als Telekom-Vorstand brauchen wir klare Konzepte und verlässliche Rahmenbedingungen. Ich bitte um Verständnis, dass es uns vor allem um die Sicherung der Arbeitsplätze und des Unternehmens gehen muss.

GA: Ein klares Bekenntnis hört sich aber anders an...

Höttges: Das Projekt braucht nach meiner Einschätzung noch mehr Zeit zur Reife.

GA: Stichwort Krise: Hätten Sie sich für Ihren Einstieg als Finanzvorstand ein einfacheres wirtschaftliches Umfeld gewünscht?

Höttges: Das Umfeld kann man sich nicht aussuchen. Und als Finanzer ist herausfordernder, in schwierigen Zeiten zu arbeiten, da wird der Finanzer noch stärker zum Co-Piloten. Dass ich direkt in den ersten Tagen die Erwartungen für das Gesamtjahr anpassen musste, ist natürlich etwas, was sich kein Manager wünscht.

GA: Hatte Ihr Vorgänger Ihnen diese Aufgabe hinterlassen?

Höttges: Nein, das wurde erst mit meinem Amtsantritt absehbar. Nach den guten Ergebnissen im vergangenen Jahr von den Finanzzahlen über Marktanteilsgewinne bis hin zu den Serviceverbesserungen waren die Erwartungen an uns sehr hoch gesteckt. Bei der Vorlage der Jahreszahlen Ende Februar hatten wir nur den Januar vollständig vorliegen, der noch stark vom Weihnachtsgeschäft beeinflusst war. Erst der März war ein richtig schwacher Monat. Außerdem war die Vorschau für das Gesamtjahr schlechter. Solche Informationen muss ein Vorstand allen Marktteilnehmern dann auch sofort zugänglich machen.

GA: Haben Sie durch die Gewinnwarnung Vertrauen verspielt?

Höttges: Zunächst einmal: Wir reden hier über eine Anpassung der Prognose um zwei bis vier Prozent, das ist eine deutlich andere Situation als sie in vielen anderen Branchen aktuell herrscht. Richtig ist aber auch: Nachdem wir mehr als zwei Jahre unsere Ziele erreicht oder übererfüllt haben, haben wir jetzt Vertrauen eingebüßt, weil wir Ziele verfehlt haben. Doch die Rückgänge, die wir in einigen Bereichen verzeichnen, können wir nicht so ohne weiteres kompensieren. So haben wir auf Währungseffekte kaum Einfluss. Der polnische Zloty ist beispielsweise um 35 Prozent gesunken.

GA: Am deutschen Aktienmarkt steigen die Kurse kräftig. Aber die Telekom-Aktie ist abgetaucht, weniger wert als je zuvor. Wie erklären Sie das Ihren Aktionären?

Höttges: 2008 ist die Aktie der Deutschen Telekom zwölf Prozent besser gelaufen als der Dax und acht Prozent besser als alle anderen europäischen Telekommunikationswerte. Die Dividendenrendite lag bei rund neun Prozent - und dazu steuerfrei. Im Augenblick wechseln die Investoren von den antizyklischen Werten, wie der Telekommunikation, wieder stärker in die zyklischen Werte wie Stahl und Banken. Darunter leiden natürlich alle Telekommunikationswerte. Unsere Aufgabe ist es jetzt, das Vertrauen zurückzugewinnen.

GA: Auf welche Weise?

Höttges: Wir müssen daran arbeiten, dass wir auch für 2009 eine attraktive Dividende zahlen können. Außerdem müssen wir die Rückgänge in Großbritannien in den Griff bekommen und das Wachstum im US-Geschäft verbessern.

GA: Planen Sie eine höhere Dividende als 2008?

Höttges: Es ist noch zu früh, etwas über die Höhe zu sagen. Das Geld muss erst einmal verdient werden. In den vergangenen zwei Jahren haben wir mit 78 Cent eine sehr attraktive Dividende gezahlt. Wo bekommen Sie sonst eine Dividendenrendite von neun Prozent - steuerfrei? Und als Management stehen wir weiterhin für eine attraktive Dividendenpolitik.

GA: Sie und Vorstandschef René Obermann haben jetzt selbst mehrere zehntausend Telekom-Aktien gekauft. Geschah das freiwillig?

Höttges: Selbstverständlich. Ich finde es als Signal an die Kapitalmärkte wichtig, auch eigenes Geld in das Unternehmen zu investieren. Außerdem bin ich der Ansicht, dass der aktuelle Kurs der Telekom-Aktie die Substanz des Unternehmens nicht adäquat widerspiegelt.

GA: Warum gibt es nicht ein echtes Aktien-Rückkaufprogramm wie bei anderen Konzernen?

Höttges: Die Aktienrückkaufprogramme der Wettbewerber haben sich nicht als nachhaltig kursstimulierend herausgestellt. Wir sehen die Dividende als vorrangiges Mittel an, um den Aktionären eine attraktive Rendite zu bieten.

GA: Am Tag der Gewinnwarnung brach auch noch das Handynetz zusammen. Welche Konsequenzen haben Sie daraus gezogen?

Höttges: Für uns ist es sehr wichtig, unseren Kunden zu vermitteln, dass wir das beste Netz haben. Diese Stellung haben wir seit acht Jahren. Wir haben deshalb noch mehr Sicherungsleinen eingezogen, um so etwas für die Zukunft möglichst auszuschließen. Im Übrigen: Für die kostenlosen SMS am folgenden Sonntag haben wir sehr viel positive Resonanz bekommen.

GA: Wie geht es mit dem DSL-Ausbau auf dem Land weiter?

Höttges: Es ist klar, dass jeder Deutsche einen DSL-Anschluss braucht. Leider wird der Ausbau immer teurer, je weiter wir in ländliche Gebiete kommen. Das können wir alleine nicht leisten. Zumal die Regulierung falsche Signale setzt: Es kann nicht von uns erwartet werden, dass wir die Investitionen alleine tragen und die Wettbewerber dann zu niedrigen Preisen die Leitungen mieten.

GA: Sie halten sich also stärker zurück?

Höttges: Wir investieren auch in diesem Jahr wieder 200 Millionen Euro in die sogenannten weißen Flecken. Angesichts der jüngsten Regulierungsentscheidungen haben wir diese Investitionen allerdings um 100 Millionen Euro gekürzt. Denn es muss sich ja unter dem Strich auch für uns rechnen. Wir setzen zunehmend auf Kooperationen mit Kommunen.

GA: Ist das Ziel der Bundesregierung, bis Ende 2010 alle Deutschen mit schnellen Internet-Anschlüssen zu versorgen, überhaupt noch erreichbar?

Höttges: Das wird schwierig. Wir begrüßen, dass der Bund über das Konjunkturpaket II zusätzliche Mittel für den Infrastrukturausbau bereit stellt. Aber die niedrigeren Preise, die wir für die Mietleitungen vorgeschrieben bekommen, sind natürlich kontraproduktiv. Deshalb sehe ich die Pflicht zu Investitionen jetzt nicht nur bei uns sondern auch bei unseren Wettbewerbern. Es wird an ihnen hängen, ob das Ziel erreicht wird. Wir können nicht bei 50 Prozent Marktanteil 100 Prozent des Netzes ausbauen.

GA: Sie sind bald 100 Tage im Amt. Was wollen Sie eigentlich anders machen als Ihr Vorgänger?

Höttges: Erstens müssen wir unsere Ergebnisziele in einem wirtschaftlich schwierigen Umfeld erreichen. Zweitens arbeiten wir an einer wertorientierten Kapitalmarktstrategie. Drittens müssen wir den uneingeschränkten Zugang zu den Finanzmärkten erhalten. Hier sind wir sehr stark. Außerdem möchte ich das Risikomanagement verbessern. Dabei geht es darum, frühzeitig zu erkennen, wo Gefahren für das Unternehmen lauern. Außerdem werden wir fünftens unser Sparprogramm "Safe for Service" über 2010 hinaus weiterführen.

GA: Was bedeutet das für die Mitarbeiter?

Höttges: Größenordnungen für "Save for Service" können wir nicht nennen. Aber es geht nicht nur um Sparen: Die Stiftung Warentest und der TÜV bestätigen, dass wir heute einen deutlich besseren Service zu geringeren Kosten bieten. Das ist der richtige Weg.

GA: Bislang ging es um Einsparungen in Höhe von einer bis 1,3 Milliarden Euro pro Jahr.

Höttges: Das könnte die Größenordnung sein. Es geht nicht um eine Verschärfung der Gangart.

GA: Gilt das auch für den Stellenabbau?

Höttges: Wir werden weiter Einstellungen vornehmen, Mitarbeiter umqualifizieren und rationalisierungsbedingt auch Stellen abbauen, wo Tätigkeiten durch den technischen Fortschritt überflüssig werden. Die Telekommunikation durchlebt die schnellste und radikalste Revolution aller Zeiten. Wer hatte vor 15 Jahren Internet oder ein Handy? Die Telekom muss sich weiter offensiv dem Wandel stellen. Die Telekom ist ein im Kern gesundes Unternehmen und ist auf dem richtigen Pfad.

Zur Person

Timotheus Höttges, Jahrgang 1962, studierte in Köln Betriebswirtschaftslehre und trat 1989 in die Hamburger Unternehmensberatung Mummert und Partner ein. 1992 wechselte er zur Viag AG.

Höttges wurde am 30. Juni 2000 zum Geschäftsführer Finanzen und Controlling von T-Mobile Deutschland bestellt. Im April 2002 übernahm er den Vorsitz der Geschäftsführung. Ab 1. Januar 2003 war er zusätzlich im Vorstand der T-Mobile International AG & Co. KG für das Ressort "Sales and Service Operations" und die europäischen Ländergesellschaften verantwortlich.

Im Zuge der Neuausrichtung der Telekom durch Vorstandschef René Obermann wurde Höttges am 5. Dezember 2006 zum Vorstand Breitband/Festnetz (T-Com, inzwischen mit T-Online zu T-Home zusammengelegt) berufen. Seit März ist er als Nachfolger von Karl-Gerhard Eick Finanzvorstand der Telekom. Höttges ist verheiratet und hat zwei Kinder.