Stefan Burchard: "Die Basis ist natürlich die Fitness"

04.08.2008 Tennisspieler über Gründe für seine Erfolge im Senioren-Tennis

Bonn. Der Europameister ist auch deutscher Meister. Stefan Burchard holte sich den Titel in der Klasse 45 bei den deutschen Tennis-Meisterschaften der Senioren in Bad Neuenahr. Vor dem Finale sprach Eric Graf mit Burchard.

General-Anzeiger: Wie fällt Ihr Fazit dieser Meisterschaften aus?

Stefan Burchard: Also ganz allgemein war das ein fantastisches Turnier. Zuschauerzuspruch und Atmosphäre - in Bad Neuenahr passt alles, und das sage ich nicht nur, weil ich Klubmitglied bin und zusammen mit Ralf Klotzbach den HTC trainiere. Schiedsrichter und Ballkinder bei allen Spielen gibt es nicht einmal bei Europameisterschaften. Hier ist wirklich alles hochprofessionell aufgezogen. Allerdings gibt es auch zwei Dinge, die man verbessern könnte.

GA: Und das wären?

Burchard: Die Einspielmöglichkeiten sind nicht optimal. Auf zwei oder drei Plätzen sollte es möglich sein, sich trotz der Flut der Spiele im gesamten Tagesverlauf auf sein Match vorzubereiten. Für mich persönlich ist das ja kein Problem - bis nach Grafschaft, wo ich auch trainiere und auf den Platz kann, sind es vielleicht zehn Minuten. Aber gerade den Leuten, die von weit her anreisen, stehen solche Möglichkeiten nicht zur Verfügung. Und dann ist das Setzsystem doch etwas unglücklich.

GA: Weil Sie als Europameister nur an Position zwei gesetzt wurden?

Burchard: Ich will das gar nicht an meiner Person festmachen. Die Mixtur aus Rangliste und Einstufung durch die Turnierleitung hat gerade in meiner Altersklasse dazu geführt, dass einige Spieler viel zu früh aufeinander getroffen sind. Eigentlich schade, so wurde es versäumt, noch spannendere Halbfinals zu haben. In Ottersweier, wo ich vor einigen Wochen ein großes Turnier gespielt habe, ist strikt nach der ITF-Rangliste gesetzt worden. Sicherlich stur und damit auch nicht immer glücklich, aber nachvollziehbar. Hier wird ein Manfred Jungnitsch, der unheimlich bekannt, aber fünf Jahre älter ist und in der Herren-45-Rangliste gar nicht vorne steht, trotzdem an eins gesetzt. Dass ihn Urrutia im Halbfinale ausgeschaltet hat, ist wirklich keine Überraschung.

GA: Apropos Überraschung. Vor dem Schritt zu den Senioren war der Zweitligaspieler Burchard allenfalls Insidern bekannt. Wie ist es zu erklären, dass Sie auf einmal eine solche Rolle in der nationalen und internationalen Spitze spielen?

Burchard: Am Anfang habe ich darüber selber gestaunt. Da gewinnst du plötzlich deutlich gegen Leute, die dich vor 20 Jahren so etwas von abgefackelt hätten. Ausschlaggebend dafür dürfte sein, dass ich immer bereit war, Veränderungen vorzunehmen, die Augen offen gehalten und mir Dinge abgeschaut habe. Früher kam mein zweiter Aufschlag nach links mit Slice, irgendwann habe ich angefangen, auf einen Kick-Aufschlag umzustellen. Durch den höheren Ball-Absprung kann ich viel mehr Druck ausüben. Die Basis ist aber natürlich die Fitness. Schnell war ich ja schon immer. Trotz Beruf und Familie ist es mir auch gelungen, meinen Stand zu halten. Statt zwei Stunden ins Fitnessstudio zu fahren, wofür ich überhaupt keine Zeit hätte, arbeite ich eine Viertel- oder eine halbe Stunde mit Gewichten, nachdem ich meine Tochter ins Bett gebracht habe.

GA: In den älteren Klassen gibt es viele Spieler, die seit zig Jahren nach Bad Neuenahr kommen. Ist es für Sie vorstellbar, auch noch in 15 oder 20 Jahren an den deutschen Senioren-Meisterschaften teilzunehmen?

Burchard: Im Moment ist es so, dass ich mich körperlich noch fit fühle. Aber auch heute gibt es schon Tage, an denen der Platz größer zu werden scheint. Da gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, wie das in 15 oder 20 Jahren sein wird. Ich habe den Eindruck, dass der große Einschnitt im Bereich des Übergangs von den Herren 50 zu den 55-ern kommt. Das Spieltempo scheint dann doch rapide nachzulassen. Es ist hoch interessant und schön anzusehen, wie zum Beispiel ein Match in der Klasse 70 abläuft - aber ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass ich mir in diesem Alter Tennis als Leistungssport noch antun muss. Vielleicht ab und zu ein Doppel aus Spaß, das reicht dann aber auch.

Zur Person

Stefan Burchard spielte in der 2. Tennis-Bundesliga für Rheinanlagen Koblenz und Waiblingen. Als Bundesligaspieler der Herren 30 des TV Nassau wurde er 2001 mit dem Team deutscher Meister. 2003 wurde er Vize-Europameister bei den Herren 40. Im Juni dieses Jahres gewann der Familienvater, der neben seiner Arbeit für den HTC Bad Neuenahr auch für die Tennisverbände Rheinland und Rheinland-Pfalz tätig ist sowie als Motivationscoach den Daviscup-Spieler Alexander Waske betreut, in Baden-Baden den EM-Titel bei den Herren 45.