Interview mit Carmen Thomas

Schalke 05 - Wie ein Versprecher zur Berühmtheit verhalf

Carmen Thomas im Gespräch mit GA-Sportchef Berthold Mertes.

Köln. Carmen Thomas liebt farbige Karomuster. Wie schon im Januar 1973: Das dpa-Archivbild zeigt sie am Schreibtisch in Mainz in Vorbereitung ihres ersten Auftritts als Moderatorin des Aktuellen Sportstudios. 30. Januar 2013: Die 66-Jährige, die ihre Popularität in erster Linie einem Versprecher verdankt, nimmt Platz in einem Kölner Hotelcafé, bereit zum 45-Minuten-Interview mit dem General-Anzeiger.

Zu Fehlern muss man stehen. Als Reporter einer Zeitung, in der schon einmal FC Werder Bremen geschrieben stand, darf ich diese Frage stellen: Wann waren Sie zuletzt bei Schalke 05 im Stadion?
Carmen Thomas (lacht): Ich bin nur ein einziges Mal da gewesen, eingeladen von Rudi Assauer. Das Stadion war rappelvoll, und ich wurde dann vom Stadionsprecher mit Rudi Assauer vor 65.000 Leuten interviewt. Das war irgendwie sehr rührend - auch weil so einen großen Live-Auftritt vor so vielen Menschen - die die Chemie verändert. Bemerkenswert: 3 Menschlein inmitten der Meute, so viele Leute gucken, und die plötzliche Stille in so einem riesigen Rund. Das ist ein Gänsehaut-Massenphänomen.

Seitdem können Sie auch nachfühlen, wie sich ein Fußball-Profi fühlt …
Thomas: Ja, auf jeden Fall besser.

Sie sind eine äußerst erfolgreiche Unternehmerin, auch Bestsellerautorin. Wie sehr nervt Sie denn die Frage nach Schalke 05, also nach ihrem berühmten Versprecher und wie oft haben Sie die Frage schätzungsweise in den letzten neununddreißigeinhalb Jahren gehört?
Thomas (schmunzelt): Millionenfach. Überall - bis in die entlegensten Ecken der Welt. Das ist ja sehr nützlich gewesen. Es hat mein Leben positiv verändert, weil diese „Bild“-Zeitungs-Legende damit verbunden ist, die 05 über 14 Tage nach dem Versprecher erst auf Seite 1 getitelt hat - auf Seite 2 ein kleiner scheinheiliger Kommentar, wie kleinlich das sei vom Sportstudio mich rauszusetzen, wovon nie die Rede war. Da habe ich gemerkt, wie viel machtvoller Print ist. Seitdem schreibe ich Bücher.

Aber das ist ja nicht alles …
Thomas:  Ich beschloss damals auch, Kommunikationsexpertin zu werden. Ich wollte endlich etwas Richtiges in der Tiefe können. Damals gab es ja keine Ausbildung für diesen Job. „Man hatte es oder man hatte es nicht“. Deshalb musste ich in berufsfremden Branchen zu Koryphäen auf der ganzen Welt gehen, um richtig zu lernen und tiefer zu verstehen, wie Kommunizieren und Kooperieren zuverlässig besser funktionieren.

[kein Linktext vorhanden]Das provoziert die Nachfrage, konnten sie es denn damals nicht?
 Thomas: Nein, professionell konnte ich es nicht wirklich. Ich war anfangs komplett abhängig davon, wie sehr ich mein Gegenüber leiden konnte oder nicht, wie der guckte oder nicht. Ich war immer ein Echo meiner Gesprächspartner. Wenn Sie professionell sind, sind Sie unabhängig von Ihrer Tagesform, unabhängig von Sympathie oder Antipathie, unabhängig von der Hierarchie, also egal, ob es der Papst oder ein Bettler ist, unabhängig von der Menge, egal, ob es eine Person, zehn oder Zehntausend sind und unabhängig von den Bedingungen vor Ort. Das ist professionell. Sie erbringen dann immer eine Mindestleistung. Und wenn alles gut und die Chemie noch schön ist, wird’s noch ein bisschen besser. Damals schrieb ich noch meine Fragen auf. Andere Ergebnisse entstehen jedoch bei Fragen, die sich aus tiefem Zuhören, aus dem Dahinterhören entwickeln lassen. Ich bringe Menschen in der Moderationsakademie und beim Coaching nun schon seit 30 Jahren bei, nicht zu fragen, was ich hören will, sondern zu lernen, zu hören, was das Gegenüber zu sagen hat, weil bei Interviews dadurch wirklich neue Informationen erwachsen.

Ihrem Versprecher verdanken sie ja die große Popularität, historisch aber ist das Datum 3. Februar 1973 wichtiger, weil sie an diesem Tag als erste Frau überhaupt eine Sportsendung im deutschen Fernsehen moderiert haben. Wie ist ihnen denn damals im zarten Alter von 26 Jahren dieser Durchbruch in eine noch viel fester gefügte Männerwelt gelungen?
Thomas: Das Thema Popularität hätte sicher schnell aufgehört, wenn nicht gleich im Anschluss gelungen wäre, 20 Jahre lang jede Woche drei Stunden lang die 18 Millionen Menschen in Nordrhein-Westfalen mit völlig neuen Methoden an den WDR zu binden. Diese erste Mitmach-Sendung im Rundfunk war ein überwältigender Erfolg. Und wenn jemand 1990 dank einer Radio-Regionalsendung bei Forbes unter den 100 einflussreichsten Frauen auf Platz 91 landet, dann fanden das damals noch weniger Leute ‚amusing’ als heute, wenn Frauen soviel Einfluss bekommen.

Nochmals: Wie haben Sie es denn so jung ins Sportstudio geschafft?
Thomas: Seit 1968 schon war ich politische Moderatorin und Reporterin. Ich hatte mir einen Namen als ausgewiesene Journalistin gemacht, packte viele Tabu-Themen an, drehte zum ersten Mal im Deutschen TV Dokumentationen über Selbstmord und Abtreibung, was damals nicht mal privat angesprochen werden durfte. Deshalb war das Gewese um das Sportstudio für mich damals eher komisch, dass es da so eine Riesen-Aufregung gab, nur weil ich ein paar Fußballer interviewte.

Sie sind häufig reduziert worden auf das Blondchen, das wie alle Frauen selbstverständlich keine Ahnung vom Fußball hat...Thomas: Daran sehen Sie, dass dieser Reduktion ein interessantes Muster zugrunde liegt. Immer, wenn Frauen zu einflussreich werden, dann gibt es solche Mechanismen, sie sich handlicher zu backen. Dass lässt sich bei den meisten Frauen in einflussreichen Positionen erleben.

Liegt es vielleicht an diesen Mechanismen, dass die Zahl der Frauen in der Sportberichterstattung im Fernsehen, aber nicht nur da, sondern generell im Sportjournalismus, so gering ist?
Thomas: Es ist ja völlig menschlich, dass Männer den Frauen wenn es um ein wichtiges Amt geht, doch lieber in den Mantel helfen. (lacht)

Konnte man das in ihrer Entwicklung auch ablesen?
Thomas: Klar. Es hat auch viel mit Neid zu tun. War für die anderen Kollegen doch nicht schön, dass denen da eine vor die Nase gesetzt wurde - und dann auch noch eine aus der politischen WDR-Redaktion - genauso wie der neue Chef.

Erzählen Sie noch mal von Ihren Anfängen!
Thomas: Das Sportstudio war von Anfang an vor allem Mittel zum Zweck, eine erfüllende und sinnhafte Aufgabe zu finden, eine die mich in der Tiefe interessierte. Dazu musste ich etwas tun, dass die Bosse, die solche Positionen zu vergeben hätten, meinen Namen kennten. Dazu war das Sportstudio ein Türöffner. Und das hat es auch in mehrfacher Weise getan. Nach der ersten Probesendung 1972 entstanden zwei Fraktionen. Die einen die sagten. „Die soll mal üben, bis sie SV Alsenborn nicht mehr wie ein Fremdwort ausspricht“. Die andere Fraktion sagte: „Lasst die das mal machen, die lernt das schon“. Ich war der Meinung der ersten Fraktion, weil ich eigentlich lieber etwas anderes machen wollte. Und dann bin ich zu Werner Höfer, dem WDR-TV-Direktor, der mich zum ZDF empfohlen hatte, und der sagte zu mir: „Frau Thomas, Sport !?! , dafür wollen Sie sich hergeben“. Der fand Sport unmöglich für eine politische Journalistin. Er war so wie Churchill verachtungsvoll gegenüber dem Sport. Und siehe da, am nächsten Tag kriegte ich einen Anruf und wurde Moderatorin des Tagesmagazins. Und das als erste Frau - das hat nie jemand so richtig berichtet, obwohl das eine echte Sensation war - die Vorläufersendung der Tagesthemen, allerdings „nur“ im Dritten.

Und dort bekam ich durch einen Zufall dann einen Job bei der BBC. Die sendeten nach mir aus demselben Studio eine Runde über die Ratifizierung der Ostverträge. Als einer ausfiel, bin ich da eingesprungen. Und das brachte mir einen Jahresvertrag bei der BBC ein. Das war mit 24 als erste Deutsche sensationell. Da dachte ich, erst mal probieren. Das mit dem Tagesmagazin gefiel mir nicht richtig. Denn auch das war für die Kollegen not amusing, von außen vom Direktor vor die Nase gesetzt zu werden. Und bei der BBC war erschreckend, dass es nach kurzer Zeit dauernd um das Thema Deutschland und seine Nazis ging: Das war zu dieser Zeit ja noch viel schlimmer als heute.

Als sie dann beim Aktuellen Sportstudio drängten und sagten: „Hopp oder Topp“, da machte ich die zweite Probesendung. Und dann haben sie mich gleich genommen.

Wer holte Sie?
Thomas: Kurt Meinecke als Chef des Sportstudios. Er war ein toller Typ, ein wunderbarer Mann. Ein ehemaliger Boxer, mit einer ganz lieben Seele hinter seiner Berliner Schnauze.

Dem entnehme ich, dass Sie das Sportstudio kalkuliert als Sprungbrett für ihre Karriere genutzt haben - von vorneherein...
Thomas:
Ich wollte eine Sendung mit Sinnhaftigkeit und Nutzen machen. Das Sportstudio war ein reines Sprungbrett dazu. Das sollte nicht mein Lebensziel sein.

Aber Sie haben nicht mit Absicht Schalke 05 gesagt, um dort mit einer guten Portion Publicity schnell wieder rauszukommen?

Thomas (lacht): Schalke kennen ja sogar Leute, die nicht wissen, dass Fußball mit einem Ball gespielt wird. Eigentlich war das 05 leicht nachvollziehbar. Ich habe einen Satz mit einer 5 gesagt. 5 Vereine spielten in der Totorunde. Das 5. und letzte Spiel im Parkstadion. Lauter Fünfen umgaben mich, es war meine 5. Sendung. Und dann hatte ich den Gegner „Standard Lüttich“ vergessen, musste auf den Zettel gucken, und da kam die 5 vom Satzanfang wieder.

Im Grunde war doch damals der Sportjournalist ein Traumberuf, oder? Erst recht im Fernsehen, was heute, zumindest für das Fernsehen, immer noch gilt. Trotz eines TV-Dschungels mit frei empfangbaren Sendern und Bezahl-Fernsehen.
Thomas: Diese Moderatoren-Position im Sportstudio war im Sportjournalismus das höchste, was man damals werden konnte. Das Aktuelle Sportstudio war ein absolut sensationell-modernes Format: Man konnte zum ersten Mal Kameras im Bild sehen. Man sah Publikum. Lauter so Dinge, die in anderen Sendungen völlig undenkbar waren. Und dann: Eineinhalb Stunden Live Sendung zur besten Samstagabend-Sendezeit, also das war unglaublich. Das war fast wie 6 Richtige im Lotto.

Leiden Sie denn so ein bisschen mit, wenn heutzutage das Sportstudio ja doch deutlich geringere Quoten hat, und um eine Stunde nach hinten verschoben ist?
Thomas: Es ist schade, dass es so viel an Bedeutung eingebüßt hat. Für massive Sportfans ist es sicher immer noch da. Aber das hat sich ja alles verändert. Die neuen Medien verändern ja die Wahrnehmung überall. Sie können sich ja heute gar nicht mehr vorstellen, wie das war, bei zwei Fernsehsendern für eine ganze Nation von 66 Millionen. Was das da noch alles für eine Bedeutsamkeit hatte. Sportschau und Sportstudio, sonst gab es ja praktisch nichts - außer dem fast noch bedeutsameren Hörfunk.

Wie konsumieren sie denn selbst heute Sport?
Thomas: Ganz wenig. Nur noch mal zufällig beim Reinzappen. Wie ich schon sagte: Ich habe das ja damals schon mit sehr gespaltenem Herzen gemacht.

Sehen Sie einen Unterschied in der Art und Weise, wie Frauen und Männer Sport oder insbesondere Fußball sehen? Mit welchen Augen?
Thomas: Frauen und Männer sehen nicht nur verschieden aus, sondern sie sind auch sehr verschieden. Und wenn beide Geschlechter anfangen würden, sich gezielter für ihre Andersheit zu schätzen, dann wären sie endlich bei Plato gelandet, der das schon so früh als Modell verbreitet hat: nämlich, dass Männer und Frauen wie zwei Hälften sind, die erst zusammen ein Ganzes ergeben - nicht nur im Bett, sondern auch sonst in der Wirklichkeit. Erst wenn Redaktionen und Vorstände erkennen würden, um was sich ihre Organisationen alles bringen, wenn die eine Hälfte fehlt, wären Tiefe und Mehrwert erreicht. Und wenn dann noch Methoden genutzt würden, um das Anderssein spontan auf würdevolle Weise zu integrieren (an denen forsche und arbeite ich schon seit 35 Jahren erfolgreich), dann entsteht erst etwas Neues und Anderes. Frauen können und tun eben ganz anders als Männer (vgl. Frau Merkel). Deshalb habe ich damals andere Themen ins Sportstudio gebracht und hatte wegen meiner leistungssportlichen Vergangenheit auch eine andere Haltung.

Was war Ihre Sportart?
Thomas: Trampolin und Kunstturnen. Da war ich auch relativ gut. Aber deshalb kannte ich dieses ganze Funktionärsunwesen aus der Nähe. Und deshalb habe ich auch diese Verächtlichkeit für diese Sportiven gehabt, die sich das Leben und die Knochen kaputt machten, nur um zwei Zentimeter weiter zu springen und in der Zeit, ja nicht einmal Geld dafür kriegten, sondern damit andere sich damit wichtig und Kohle machten.

Trotz Katrin Müller-Hohenstein seit vielen Jahren und Monica Lierhaus – Hängt die Realität bei den TV-Sendern der Entwicklung im Sport selbst nicht gnadenlos hinterher, was Integration und Gleichbehandlung der Frau angeht?
Thomas: Sie hängt gnadenlos hinterher. Die Normalität tritt ja erst ein, wenn sie nicht nur eine Paradiesvogel-Frau da haben, sondern in dem sie mehrere da haben, dass sie einfach gleich viel von jeder Sorte da haben, das wäre das Fruchtbarste und Fairste und im Sinne von Plato. Dann geht ja erst die echte Normalität los. Wenn Sie sich überlegen, dass die ARD 19 Jahre bis zu der überragenden Anne Will gebraucht hat. Das ist doch unglaublich.

Also die 19 Jahre von Ihrem Debüt 1973 bis zur ARD-Sportschau 1992 mit Anne Will. Eine lange Zeit, wohl wahr. Ein anderer, immer wiederkehrender Diskussionspunkt: Es gibt ja nicht wenige Leute, die sagen, gerade bei diesen Fieldreporterinnen ist die Optik entscheidender als die Fußball Kompetenz. Wie sehen Sie das?
Thomas: Ja, das ist ja das Drama. Da nehmen sie auch noch Frauen, vor denen sie dann Angst kriegen, weil die schön und gescheit und charmant und so was alles auf einmal sind. Welche Überforderung für die Frauen: Denn dann müssen sie auch noch fünf Sprachen, 20 IT-Programme können und mit 25 schon 100 Jahre selbst Fußball gespielt haben. Und dann kann man sie ordentlich ablehnen, weil das dann doch wieder zu viel ist. Und dann passieren diese Sachen zum Handlicher machen, z.B. Andrea Kaiser, diese ganz kluge und sehr sympathische Journalistin und Spielerfrau. Und dann kommen die Fußball-Kollegen an den Spielfeldrand, bevor sie berichtet und werfen sie mit einem Knutscher depotenzierend aus ihrer Rolle. Denn das gehört ja in Wahrheit nicht dahin. Eigentlich müssten sie sie siezen, damit da die nötige Distanz entsteht, meine ich wenigstens.

Ja stimmte das denn eher noch vor 40 Jahre diese These, dass die Optik wichtiger war - oder gilt sie heute umso mehr?
Thomas: Das stimmte damals auch. Also sie mussten gut aussehen, die Stimme war von viel größerer Bedeutung - sie wurden ja früher nach Stimme eingestellt. Heute ist das völlig Wurst geworden, gar kein Kriterium mehr. Früher war eine sympathische Stimme Voraussetzung.

Der Bezahlsender Sky geht ja mit einer Moderatorin und einer Reporterschar weiblicher Natur ins Rennen. In der 2. Bundesliga jewird am Wochenende ja erstmals ein komplettes Spiel von einer Frau moderiert.
Thomas: Habe ich gehört, freut mich sehr. 40 Jahre danach, ist schon irre, wie langsam die Mühlen mahlen.

Ist das denn vielleicht doch ein Vorbote, dass sich da jetzt grundlegend was ändert?
Thomas: Die machen das jetzt sicher genauso wie bei mir. Es waren ja mehr die sinkenden Einschaltquoten und nicht etwa eine feministische Antwort des Sportstudios auf die Entwicklungen der Zeit. Wichtig: das erste Sportstudio war ja vor der richtigen Frauenbewegung. Die fing gerade erst ganz vorsichtig in Deutschland an. Die Frauenbewegungsfrauen waren gegen mich, weil ich mich als Frau als Feigenblatt für die Männer hergäbe. Die normalen Frauen waren damals ganz stutenbissig erzogen, weil das Schicksal jeder Frau die Existenzgrundlage des Mannes war. Sie können sich das gar nicht vorstellen, wie die Machtverhältnisse damals in Deutschland waren. Sie konnten als (junge) Frau nicht in eine Kneipe, ja nicht mal langsam über die Straße gehen oder an der Straßenecke stehen bleiben ohne nicht für eine Prostituierte gehalten zu werden. Das ist nicht übertrieben. Und in der Zeit ist da plötzlich so’n Weib im Allerheiligsten.

Ich kann es nur erahnen, wenn ich die Generation meiner Eltern sehe, in der es so war, das meine Großmutter meinen Vater fragte: Muss denn deine Frau, also meine Mutter, arbeiten gehen?
Thomas: Tja, wozu hat die das denn nötig. Genau. Das ist der Stutenbiss, dass eben auch die Mutter der Schwiegertochter in den Rücken fiel. Typisch für diese Zeit. Und die Männer waren natürlich alle not amused, weil das ihre Bastion war, eine „weiberfreie Zone“, wo sie fachsimpeln konnten, und da nicht auch noch ein Weib dabei sein sollte. Eine Zuschrift drückte das etwas übertrieben aus: „Sie haben eine ganze Nation gegen sich“. Und tatsächlich fanden das zu Anfang nur ganz wenige gut. Das änderte sich erst langsam. Ab 1974 wurde vieles grundlegend anders.

Aber damals hat man sich von der Quote doch noch nicht so verrückt machen lassen, oder?
Thomas: Eigentlich gab es ja nur grobe Messungen. Aber die Chefs wussten, dass alle spürten, da wandelt sich was. Und dann gab es noch ein zweites Phänomen: Frauen dürfen immer in sehr wichtige Positionen, wenn der Schlagschatten eines männlichen Vorgängers den Männern selbst zu groß ist. So war ich Nachfolgerin von Wim Thoelke. Frau Christiansen durfte nach Hajo Friedrichs. Frau Maischberger hätte unverdient ja vielleicht auch nicht die Chance bekommen, wenn Männer nicht Bioleks Nachfolge gefürchtet hätten. Und Frau Merkel wäre nie Nachfolgerin geworden, wenn Kohl nicht so einen riesigen Schlagschatten gehabt hätte. Es gibt noch mehr Beispiele, an denen das Muster ablesbar ist: Immer dann, wenn ein bedeutender Mann weggeht, dann darf eine Frau ran. Dann kriegt die erstmal den Frust ab. Und wenn die sich dann verbrennt, dann kann Mann zur Tagesordnung übergehen.

Aber wir sind doch auf einem Weg der Normalisierung und Angleichung der Verhältnisse …
Thomas: Es ist so vieles besser. Aber ich bin mir nicht in der Tiefe sicher.

Eine anderes Thema: Sind Sportjournalisten unabhängig vom Geschlecht zu sehr Fan?
Thomas: Sportjournalismus ist ja in Wahrheit die schwierigste Sparte: Sie haben es mit lauter Expertinnen und Experten im Publikum zu tun, die in der Tiefe als Praktizierende Ahnung von ihrer Sportart haben - ganz anders als in Politik- oder Kultur-Redaktionen. Und sie sollen sich in möglichst allen Sportarten so gut auskennen wie die Spezis.

Im Grunde hat sich also doch nichts geändert …
Thomas: Es war spürbar, dass ich diese innere Distanz hatte. Frau und fachfremd aus der Politik und diese Unsicherheit, mit dieser Last, ungeliebt vor so vielen Millionen Menschen aufzutreten. Das war nicht leicht. Und dann habe ich damals auch noch patzige Fragen mit kritischem Journalismus verwechselt. Es gab ja Null Fortbildung oder Training damals.

Sie hatten den Unterschied zwischen Mann und Frau schon angedeutet. Sind vielleicht die Frauen die einfühlsameren Fragestellerinnen? Sind die Männer auf der anderen Seite die besseren Analytiker, die nüchterner ein Spiel beurteilen?
Thomas: Pauschal würde ich das nie so beantworten. Es gibt so ne Männer und so ne Frauen. Von jeder Sorte solche, die Sie gerade ansprechen. Es könnte sein, dass Frauen sich mehr herausnehmen dürfen, weil ihr Fall nicht so tief - sprich ihr Ansehen meist nicht so hoch - ist, das heißt die können frecher, nachhakender fragen, weil sie das auch charmanter einpacken können, und die Männer dann ja nicht sofort auf Wettbewerb gehen. Das tun sie mit Frauen nicht. Dafür haben junge Frauen den Nachteil, dass sie dieses flirtative Dauer-Verhalten aushalten müssen, was ja total lästig ist.

Welches ist das Motiv der weiblichen Besetzung einer Schlüsselrolle im Fernsehen: Qualität oder Quote?
Thomas: Meistens ist es dieses Kurzsichtige: die Quote. Denn: Wer nicht fühlen kann, muss messen. Das Wichtige ist, dass Menschen begreifen: es braucht zwei Jahre mit einer regelmäßigen Sender-Auftrittszeit, um neues Verhalten beim Publikum herzustellen. Die Geduld fehlt ja bis heute. „Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“ - Sprichwort aus Mali. Auch damals ging es natürlich um Quote, auch wenn die noch nicht genau gemessen werden konnte. Aber alleine schon eine weibliche Stimme im Sportstudio zu hören, war für die Leute damals schon eine Befremdung.

Bringen Sie noch mal die „alten Zeiten“ auf den Punkt.
Thomas: Ein Beispiel: Bis 1974 durfte im WDR keine Sprecherin die Nachrichten ansagen. Bis dahin war das Nachrichtenansagen im Radio für Frauen Tabu. Erst ab 1986 durfte die erste Frau das WDR-Mittagsmagazin moderieren, weil der damalige HF-Chef Frauen grundsätzlich für ungeeignet hielt.

Noch eines?
Thomas: Dagmar Berghoff hat das bei der Tagesschau auch abbekommen. Dass die da plötzlich was sagte, fanden zunächst mal so viele nach Herrn Köpke mit seiner sonoren Stimme - die ja direkt nach dem Papst kam - dramatisch und komplett ungewohnt.

Hat dieser Medien-Hype um den berühmten Versprecher es Ihnen in der späteren Laufbahn leichter gemacht oder diese eher erschwert?
Thomas: Es hat mir meine Arbeit sicher sehr erleichtert. Erstens bei „Hallo Ü-Wagen“: Das Publikum kam ja erstmal, um zu gucken: wie sieht die denn aus, die Schalke 05 gesagt hat. Die lange Pressekampagne sorgte für eine Dauerpräsenz in den Medien - ganze Zeitungsseiten schrieben sieben seriöse Zeitungen freiwillig 2005 nur wegen des Zahlenaufhängers 05 voll. 05 ist eine Karte beim Spiel Trivial Pursuit Und sehr hilfreich war mir das alles vor allem für meine Coachings. Wer mit so einer Pressekampagne so erfolgreich umgehen kann, hat damit eine Empfehlung für Menschen in Spitzenpositionen und im Kreuzfeuer. Das mache ich seit 1980 mit steigendem Vergnügen. Denn diese Arbeit ist so beglückend sinnhaft.

In puncto Krisenkommunikation …
Thomas: Ja, das heißt in der ersten Moderationsakademie für Medien und Wirtschaft, die ich vor 15 Jahren gründete lernen Menschen mit Methode, wie sich aus Dung Dünger machen lässt. Lernen können, schwierige Situationen zu meistern, und sie sogar zu nutzen. Erkennen, dass Fehler die wichtigste Quelle von Erfahrung sind und Fehler-Freundlichkeit einer der bedeutsamsten Schlüssel zur Innovation. Mir war das selbst hilfreich in meinem Leben. Und: Es wurde sehr früh klar, dass das Eis da ganz oben dünn ist, und dass Stabilität beim Tapfersein hilft. So habe ich schon ab 1976 aus dieser Situation vier Standbeine in meinem Leben entwickelt: Buchautorin mit bisher 14 Büchern, Top-Coach, Netzwerkgruppen-Expertin und Spezialistin für neue interaktive Veranstaltungs-Formen neben Print-, Hörfunk-, und Fernsehbein. Und all das fließt seit 15 Jahren in der Moderationsakademie zusammen.

Geriet der Emanzipationsprozess für Frauen im Fernsehen durch ihren Versprecher eher ins Stocken?
Thomas: Im Gegenteil. Danach ab 1974 ging die Frauenbewegung ja erst richtig los, dann erst änderten sich die Frauen. Zum Ende meiner Sportstudio-Zeit fing es an, dass Frauen viel solidarischer wurden.

Wie sehen Sie die Situation jetzt?
Thomas: Im Moment ist der Prozess wohl eher im Stocken. Die jungen Frauen wissen nicht mehr richtig, wovon die Rede ist, weil alles so viel selbstverständlicher ist. Sie schmeißen viel über Bord. Erkennen die „gläsernen Decken“ meist erst zu spät und glauben, den Kampf für gleiche Bezahlung alleine gebacken zu bekommen. Tja. Gepfiffen. Manchmal können Männer inzwischen sogar sensibler reagieren als manche Frauen, die Errungenes, den Wert dieser Themen und die Zerbrechlichkeit auf diesem Feld unterschätzen.

Zur Person
Carmen Thomas, geboren am 7. Mai 1946 in Düsseldorf, ist Journalistin und Kommunikationsexpertin. Nach dem Studium in Köln arbeitete sie ab 1968 für den WDR und moderierte am 3. Februar 1973 als erste Frau eine Sportsendung im deutschen Fernsehen: das Aktuelle Sportstudio. Der Versprecher "Schalke 05" am 21. Juli 1973 machte sie berühmt. 1974 erfand sie die interaktive Radio-Sendereihe Hallo Ü-Wagen,.2001 gründete die Bestsellerautorin die 1. ModerationsAkademie für Medien + Wirtschaft auf Schloss Ehreshoven in Engelskirchen bei Köln.