Postchef Frank Appel: "Unsere Zusagen stehen"

Postchef Frank Appel über die Perspektiven am Standort Bonn, die Zukunft des Sponsorings, die Probleme in den USA und den möglichen Verkauf der Postbank - Trotz gestiegener Spritkosten sollen die Paketpreise für Privatkunden stabil bleiben

Bonn. Frank Appel wurde Mitte Februar Vorstandsvorsitzender der Deutschen Post AG. Wenige Tage zuvor war sein Vorgänger Klaus Zumwinkel wegen einer Steueraffäre zurückgetreten. Seitdem leitet der 47-Jährige den weltgrößten Logistikkonzern. Mit Appel sprachen Claudia Mahnke, Julian Stech und Andreas Tyrock.

GA: Die Deutsche Post ist als weltgrößter Logistikkonzern auf allen Kontinenten aktiv. Welche Rolle spielt für Sie die Zentrale in Bonn?

Appel: Bonn ist für uns sehr wichtig. Unsere Mitarbeiter fühlen sich hier in der Region sehr wohl, und ich persönlich mit meiner Familie auch. Es gibt wohl keine Stadt in Europa, die so schöne überall zugängliche Flussufer besitzt. In unserer Zentrale arbeiten zunehmend mehr Manager aus dem Ausland. Wenn die sich dann schon nach kurzer Zeit hier heimisch fühlen, tut das natürlich auch dem Unternehmen gut. Wir können wohl auch weiterhin die Beschäftigung hier in Bonn leicht erhöhen.

GA: Sehen Sie auch Schwachpunkte am Standort?

Appel: In Deutschland insgesamt haben wir erhebliche Nachteile, wenn wir ausländische Manager ins Land holen. Die Steuern sind sehr hoch, und wenn beispielsweise Familienangehörige mitkommen sollen, kann es Restriktionen und rechtliche Probleme geben. Das haben wir auch schon ganz konkret erlebt. Aus rein betriebswirtschaftlichen Gründen müsste ich die Postzentrale nach Amsterdam, Zürich oder Brüssel verlagern.

Da würden wir jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag sparen. Aber das machen wir natürlich nicht. Wenn es die finanziellen und rechtlichen Hürden nicht gäbe, hätte Deutschland sehr gute Chancen, Sitz der Europazentralen vieler internationaler Konzerne zu werden. Stattdessen ziehen sie ab. Wir tun uns damit keinen Gefallen.

GA: Die Post engagiert sich ja auch kulturell stark in Bonn. Sie sponsern das Beethovenfest und wollen sich am Bau eines Festspielhauses beteiligen. Machen Sie künftig in diesem Bereich noch mehr?

Appel: Unsere Zusagen stehen, und bei unserem Engagement wird es auch bleiben. Aber wir werden darüber hinaus keine großen Projekte machen. Das könnte ich unseren Tausenden Mitarbeitern an anderen Standorten schlecht vermitteln. Wo wir noch etwas tun werden, und zwar in Deutschland und weltweit, ist bei der Bildung. Nach dem Vorbild der "Teach First"-Idee in Großbritannien wollen wir zum Beispiel Schüler vor allem in Hauptschulen fördern. Das sind nicht vorrangig nur menschliche Motive.

Wir brauchen sie später als Mitarbeiter - beispielsweise in den Warenlagern und Logistikzentren. Wir stehen da auch nicht alleine. Die Wirtschaft insgesamt wird sich zukünftig wieder viel stärker sozial - wie einst Krupp und Thyssen - engagieren und jetzt bei der Bildungsförderung einsteigen, aus ganz eigennützigen Motiven: Wer die besseren Mitarbeiter hat, gewinnt im Wettbewerb.

GA: Das Geschäft bei der Post läuft derzeit recht ordentlich, mit einer Ausnahme: In den USA machen Sie Milliardenverluste. Ihren Sanierungsplänen werden dort vermutlich 8 000 Arbeitsplätze zum Opfer fallen. Inzwischen ist das auch Thema im US-Wahlkampf. Wie wollen Sie da heil herauskommen?

Appel: Für die betroffenen Mitarbeiter und deren Familien in den USA ist das schrecklich. Mich belastet diese Sache selbst auch sehr. Wir versuchen alles, um die Folgen abzumildern, und ich habe den Eindruck, dass dies auch von den Politikern in den USA verstanden wird. Denn was wäre die Alternative? Je länger wir warten, desto schlimmer wird doch die Situation und noch viel mehr Arbeitsplätze sind gefährdet.

GA: Es droht auch ein Kartellverfahren wegen der geplanten Kooperation mit UPS, die die Express-Sendungen in den USA für Sie transportieren soll...

Appel: Ich denke nicht, dass uns die Zusammenarbeit untersagt wird. Erstens transportiert Fedex auch für die US-Post, und zweitens bleiben UPS und wir ja Konkurrenten. Zu unserem Sanierungsplan gibt es keine Alternative.

GA: War der Einstieg in den USA vor Jahren ein Fehler?

Appel: Der Einstieg nicht, aber wir haben das falsch umgesetzt. Wir haben dort einen Billiganbieter gekauft und versucht, einen Premiumanbieter daraus zu machen. Das ist schiefgegangen.

GA: Ihre zweite Baustelle ist die Zukunft der Postbank. Wann verkünden Sie, dass Sie die Postbank nicht verkaufen?

Appel: Mir ist sehr wohl bewusst, dass die Mitarbeiter der Postbank Gewissheit haben wollen. Aber es wäre ein Fehler, wenn wir uns durch Nennung eines Termins unter Zeitdruck setzen würden. Bis zu einer Entscheidung wird es jedoch nicht mehr ewig dauern.

GA: Und wie fällt die aus?

Appel: Warum überlegen wir überhaupt, die Postbank zu verkaufen? Da gibt es zwei Argumente: Erstens gehört das Bankgeschäft nicht unbedingt zum Kerngeschäft eines Logistikkonzerns. Zweitens ist die Frage, wie wir auf Dauer all unsere stark wachsenden Geschäftsbereiche finanzieren.

Auch die Postbank braucht ja für die kontinuierliche Expansion Geld. Im Augenblick ist für eine ausländische Bank eigentlich der beste Zeitpunkt, in Deutschland zuzukaufen. Denn die Sparkassen und die deutschen Großbanken sind mit sich selbst beschäftigt. Das Problem ist, dass es wegen der Finanzkrise derzeit sehr wenige gibt, die sich die Postbank leisten können. Ich habe deshalb immer gesagt, dass wir die Postbank nicht verkaufen, wenn das Angebot nicht stimmt.

GA: An der Börse scheint man nicht mehr an einen Verkauf zu glauben. Der Kurs der Postbank ist kräftig gesunken.

APPEL: Das ist richtig, da sind jetzt sehr viele Spekulanten rausgegangen.

GA: Wie gut ist die Post insgesamt aufgestellt? Der Löwenanteil des Gewinns kommt immer noch aus dem deutschen Briefgeschäft.

Appel: Wenn man einmal die Sonderbelastungen herausnimmt, verdienen wir in allen Sparten gut. Es ist richtig, dass der Briefbereich das meiste Geld verdient, aber die anderen Geschäfte - Express, Logistik, Spedition und Postbank - sind Wachstumsfelder, die hervorragende Perspektiven haben.

Obwohl wir etwa in der Logistik der weltgrößte Anbieter sind, ist unser Anteil in dem zersplitterten Markt insgesamt klein. Da ist noch sehr viel zu holen. Wir legen in diesen Geschäften teilweise deutlich stärker zu als die Gesamtwirtschaft. Aber wie schon gesagt, das Wachstum muss auch ständig finanziert werden.

GA: Beim Briefgeschäft hat man den Eindruck, dass Sie auch davon profitieren, dass nach Einführung des Mindestlohns in der Branche der Wettbewerb praktisch tot ist.

Appel: Wir haben im Briefmarkt nach wie vor rund 700 Wettbewerber in Deutschland. Der Eindruck, der Wettbewerb sei schwach, entsteht vor allem deshalb, weil viele Kunden jetzt genauer hinschauen, wem sie langfristig ihr Geschäft anvertrauen.

GA: Bis 2011 sollen alle Postfilialen an Partner abgegeben werden. Ist es für Sie kein Problem, dass Sie dann hierzulande keinen Kontakt mehr zu Ihren Kunden haben?

Appel: Es ist doch so: Wo wir eine eigene Filiale aufgeben und das Geschäft an einen anderen Unternehmer übertragen, verbessern sich in der Regel Öffnungszeiten und Service. Ich sage das durchaus selbstkritisch und mit der Erfahrung von 15 Jahren bei diesem Konzept. Der kleine Unternehmer vor Ort hat ganz andere Möglichkeiten, auf die Wünsche seiner Kunden zu reagieren. Der direkte Kontakt zum Kunden geht uns dadurch nicht verloren.

GA: Inwieweit belasten die gestiegenen Energiekosten die Post? Werden Sie die Paketpreise erhöhen?

Appel: Im Frachtbereich haben wir einen Großteil der Mehrkosten an die Kunden weitergeben können. Bei den Privatkunden versuchen wir, die Belastungen intern aufzufangen. Preiserhöhungen sind derzeit nicht geplant.

Zur Person:

(js) Dass Frank Appel einmal in der Logistikbranche arbeiten würde, zeichnete sich erst spät ab. Der hochgewachsene Hamburger ist nämlich promovierter Neurobiologe. Weil ihm die Arbeit im Labor nicht zusagte, schlug Appel nach dem Chemiestudium einen völlig neuen Weg ein und ging zur Unternehmensberatung McKinsey. Sie gilt auch heute noch als Kaderschmiede für den Post-Vorstand. Der frühere Vorstandschef Klaus Zumwinkel, selbst viele Jahre bei McKinsey, holte Appel im Jahr 2000 zur Post.

Schon zwei Jahre später stieg Appel in den Vorstand auf, spätestens seit vergangenem Jahr wurde er als Nachfolger Zumwinkels gehandelt. Privat gilt Appel als unprätentiös. Der 47-Jährige lebt heute mit seiner Familie in Königswinter. Durchs Siebengebirge fährt er auch gerne mit dem Fahrrad.