Oliver Mintzlaff: "Für jeden gibt es mehr als einen Verein"

Der Berater und ehemalige Langstreckler der SSF Bonn spricht über seinen Klienten Ralf Rangnick, Söldnermentalität und Fehler der Leichtathletik.

Am Dienstag saß Oliver Mintzlaff im Mailänder San-Siro-Stadion auf der Tribüne. Er hatte seinen Klienten Ralf Rangnick begleitet und erlebte den Schalker 5:2-Triumph bei Inter live. Nach einigen Jahren beim Sportartikelhersteller Puma arbeitet der ehemalige Langstreckler der SSF Bonn nun als Berater und hat vor allem mit Fußballern zu tun. Die Leichtathletik beobachtet er jedoch nach wie vor genau - und sehr beunruhigt. Mit Mintzlaff sprachen Gert auf der Heide und Hansjürgen Melzer.

General-Anzeiger: Haben Sie am Dienstag als Berater von Schalke-Trainer Ralf Rangnick die Mintzlaff-Faust gemacht?

Oliver Mintzlaff: Ich bin auf jeden Fall emotional dabei. Das geht mir genauso mit den Bayern, wenn Mario Gomez aktiv ist, oder wenn beispielsweise unsere Spieler in Stuttgart oder Hoffenheim spielen. Ich identifiziere mich mit dem Trainer oder den Sportlern, die ich betreue. Es ist sonst schwierig, so einen Job zu machen.

GA: Kommt es häufiger vor, dass Sie Ralf Rangnick zu Spielen begleiten?

Mintzlaff: Ich bin schon mal bei dem einen oder anderen Spiel unterstützend vor Ort, gerade wenn es eine wichtige Partie mit einem hohen medialen Aufkommen ist.

GA: Wie häufig haben Sie zu einem Ralf Rangnick oder Mario Gomez Kontakt?

Mintzlaff: Täglich, zumindest telefonisch. Und ich versuche, mich mindestens einmal die Woche persönlich mit ihnen zu treffen.

GA: Als Mario Gomez vergangene Saison in einer Formkrise war, haben also auch Sie gelitten?

Mintzlaff: Ja klar. Da fiebert man natürlich mit, weil du auch an deinen Sportler glaubst und von seinen Fähigkeiten überzeugt bist. Im Fußball sind es immer totale Momentaufnahmen. Wenn Mario trifft, dann ist alles super. Trifft er nicht und macht nicht das entscheidende Tor, verschiebt sich die ganze Sichtweise schon wieder. Dadurch, dass sich Millionen von Menschen für diesen Sport interessieren und mitreden möchten, polarisiert er extrem.

GA: Wie baut man einen Mario Gomez in solchen Phasen auf?

Mintzlaff: Gerade ein Stürmer braucht Vertrauen und Spielpraxis. Natürlich spricht man viel mit seinem Spieler und versucht, ihm Rückhalt zu geben und ihn dadurch aufzubauen. Man muss dann auch das Gespräch mit den Vereinsverantwortlichen suchen. Am Ende stellt aber der Trainer auf.

GA: Das Trainerkarussell drehte sich zuletzt rasend schnell. Auch Sie und Rangnick haben da mitgemischt. Haben selbst die Trainer mittlerweile eine Söldnermentalität?

Mintzlaff: Da muss man den Einzelfall betrachten. Ich kann nur für Ralf Rangnick sprechen. Er war immerhin über vier Jahre in Hoffenheim. Es gibt auch weitere Fälle, wo eine bemerkenswerte Konstanz da ist. Ich finde toll, wie man in schwierigen Phasen in Bremen zu Thomas Schaaf steht. Am Ende ist das alles aber ein hochbezahlter Sport mit einem wahnsinnigen Leistungs- und Erwartungsdruck. Und als Trainer bist du in der Regel leider auch der Erste, der gehen muss.

GA: Wie wichtig ist Identifikation mit dem Verein für Trainer und Spieler?

Mintzlaff: Wenn sich ein Spieler oder Trainer für einen Klub entscheidet, sollte immer eine gewisse Identifikation vorhanden sein. Bei Ralf Rangnick war das jetzt bei Schalke absolut der Fall. Man muss sich aber davon lösen, dass es nur den einen Verein für den einen Trainer oder Spieler gibt. Dafür ist die Schnelllebigkeit im Fußball zu groß.

GA: Der Berater verdient an jedem Transfer mit, die Schnelllebigkeit kommt ihm also auch zugute. Wie, glauben Sie, ist das Image Ihres Berufsstandes?

Mintzlaff: Ich weiß nicht, wie viele hundert Berater es in Deutschland gibt. Da gibt es natürlich das eine oder andere schwarze Schaf, wie in jeder Branche. Unser Anspruch ist, dass wir für alle Beteiligten sauber arbeiten, schließlich wollen wir durch jede Tür nicht nur einmal gehen.

GA: Gibt es in der Branche aber nicht mehr schwarze als weiße Schafe?

Mintzlaff: Das kann ich nicht beurteilen. Es gibt aber diejenigen, die einfach nur Transfers abwickeln, und diejenigen, die wirklich ganzheitlich beraten - wie wir. Für uns steht die Entwicklung des Spielers im Vordergrund. Wir wollen gemeinsam einen langen Weg gehen. Transfers können notwendig sein, um den nächsten sportlichen Schritt zu machen. Uli Ferber hat noch nicht einen Transfer von einem Spieler gemacht, den er nicht schon seit der Jugend betreut - wie Mario Gomez, Alexander Hleb oder Serdar Tasci.

GA: Sie kritisieren seit Jahren den Deutschen Leichtathletik-Verband und haben ihm auch vorgeworfen, aus der erfolgreichen Heim-WM in Berlin kein Kapital geschlagen zu haben. Die EM in Barcelona war jedoch viel besser als erwartet. Haben Sie sich getäuscht?

Mintzlaff: Es gab mit Verena Sailer, Christian Reif und Carolin Nytra einige tolle Highlights, auch tolle Gesichter, die sich weiterentwickelt haben. Aber das sind Persönlichkeiten, die außer den Leichtathletik-Spezialisten trotzdem keiner kennt. Ich bleibe dabei, dass der Verband die Erfolge von Berlin überhaupt nicht umgesetzt hat. Der DLV hat seit der WM fünf Sponsoren verloren und nur einen hinzugewonnen. Das zeigt doch, dass das Interesse an der Sportart Leichtathletik auch aus Sicht der Sponsoren immer weiter nachlässt. Allein die Diskussion, ob die WM 2011 im TV übertragen wird, war ja schon eine Schreckensmeldung. Ich habe mir kürzlich die Deutschen Hallenmeisterschaften angeschaut. Eine Trauerveranstaltung. Du konntest dich während der Wettkämpfe problemlos unterhalten. Da war überhaupt keine Stimmung.

GA: Wo liegen die Fehler?

Mintzlaff: Der Verband sieht nicht, dass man zum Beispiel Veranstaltungen anders inszenieren muss. Es muss ein Event-Konzept her, bei dem man beispielsweise auf direkte Duelle setzt. Jede Sportart kämpft um eine Plattform, um Sponsoren zu gewinnen. Der Fußball ist in diesem Fall außen vor. Da versucht ein Unternehmen selbst in einer wirtschaftlich schlechten Zeit noch alles, um seine Business Plätze im Stadion zu behalten. Diese Attraktivität hat halt einfach nur der Fußball, und ein Großteil der anderen Sportarten muss da umdenken.

GA: Was macht der Verband falsch?

Mintzlaff: Der Umbruch hat nicht wirklich stattgefunden. Es gibt auch keine sichtbare Fehleranalyse. Das ganze Verbandswesen ist weit weg von der Realität. Der DLV muss sich so positionieren, dass die Menschen für diese Kernsportart begeistert werden. Bei der Sichtbarkeit im Fernsehen versinkt die Leichtathletik bald hinter Curling und Dart. So wird es dann natürlich auch immer schwieriger, die sicherlich vorhandenen Nachwuchstalente zu entdecken und letztendlich für die Leichtathletik und den Leistungssport zu gewinnen und zu fördern.

GA: In der Agentur arbeiten Sie auch für die Leichtathletik. Ist das ernsthaftes Marketing oder Hobby?

Mintzlaff: Mehr Hobby.

GA: Könnte man Ihre Klientin Sabrina Mockenhaupt groß herausbringen, wenn sie eine Olympiamedaille gewinnen würde?

Mintzlaff: Ja. Absolut.

GA: Warum ist sie zu Thomas Eickmann, bei dem Sie selbst früher trainierten, gewechselt?

Mintzlaff: Wir haben lange überlegt. Ich habe Thomas Eickmann, wenn er sich auf etwas einlässt, als tollen Menschen und sehr engagierten und erfolgreichen Trainer erlebt. Er hat aus meinem Talent, das beschränkt war, viel rausgeholt. Wir brauchten einen Trainer vor Ort, der sie motiviert und aufbaut, vor allem bei harten Einheiten. Sie muss ja viel allein trainieren, weil die Männer zum Teil gar nicht mitkommen, und da ist Thomas Eickmann der richtige Motivator.

GA: Wie machen die Post-Marathon-Organisatoren ihren Job?

Mintzlaff: Mittlerweile gut. Sie haben in den ersten Jahren versucht Spitzensportler zu holen. Denen sollte man aber nur bei den ganz großen Marathons eine Plattform bieten. Ob jemand in Bonn nun 2:13 oder 2:25 Stunden läuft, ist völlig irrelevant. Jeder Euro, der da ausgegeben wird, ist nicht zielführend. Man sollte auf die tolle Stadt und die tolle Strecke setzen.

Zur Person

Oliver Mintzlaff (35) wuchs in Königswinter auf und startete als Langstreckenläufer für die SSF Bonn und die LG Bonn-Troisdorf-Niederkassel. Nach dem BWL-Studium arbeitete er bei Puma, zuletzt als Verantwortlicher für das Sportmarketing. 2008 wechselte er zu Ferber Marketing. Dort kümmert er sich vor allem um Trainer Ralf Rangnick sowie prominente Fußballer wie Mario Gomez, Alexander Hleb oder Serdar Tasci. Seit einem Jahr ist er auch für das Management von Schlagersängerin Andrea Berg zuständig, die die Frau von Agenturchef Uli Ferber ist. Unter Vertrag hat die Agentur auch einige Leichtathleten wie Sabrina Mockenhaupt. Ab Sommer 2011 wird Mintzlaff für die Agentur Ferber von Bonn aus arbeiten, "in der schönsten Stadt Deutschlands", wie er sagt.