Nana Mouskouri: "Ich liebe es, stolz auf meine Heimat zu sein!"

Die 74-jährige Sängerin, die am Freitag nach Bonn kommt, über Bob Dylan, Udo Lindenberg und ihre letzte Tournee

Die markante Hornbrille, die langen schwarzen Haare und die glockenhelle Stimme sind die Erkennungszeichen von Nana Mouskouri. Am Freitag, 21. November, ist sie zu Gast bei Till Brönner in der Bundeskunsthalle (das Konzert ist ausverkauft).

Soeben ist ihre Autobiografie "Stimme der Sehnsucht" bei Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen. Im Gespräch mit Olaf Neumann blickt die 74-Jährige auf eine ereignisreiche Karriere zurück und schmiedet Zukunftspläne.

General-Anzeiger: Ihr "Weiße Rosen aus Athen" war 1961 ein Nummer-1-Hit in Deutschland. Wäre Ihre Weltkarriere ohne Deutschland anders verlaufen?

Nana Mouskouri: Ganz bestimmt. Gerade in Deutschland wurde mir klar, dass zwischen mir und dem Publikum eine besondere Kommunikation stattfindet. Zudem erfanden mein damaliger Produzent Ernst Verch und mein Orchesterchef Heinz Alisch für mich einen völlig neuen Stil mit deutschen, griechischen und europäischen Elementen.

GA: Als Kind waren Sie Zeuge von Grausamkeiten während der Invasion der Nazis in Griechenland. Mit welchen Gefühlen erlebten Sie das Nachkriegsdeutschland, in dem die Nazi-Ideologie nach der Kapitulation nicht wirklich verarbeitet, sondern oftmals nur verdrängt wurde?

Mouskouri: Meine Kindheit war vom zweiten Weltkrieg geprägt. Nach 1945 brach in Griechenland zu allem Unglück auch noch ein Bürgerkrieg aus, der für mich noch viel schrecklicher war als die Invasion. Natürlich hatte ich anfangs Angst, nach Deutschland zu kommen.

Aber der Wunsch, herauszufinden, was dort seit dem Krieg passiert war, war stärker. Ich sah, die Deutschen hatten auch gelitten. Sie waren plötzlich ein getrenntes Volk. Diese traurige Stimmung erinnerte mich an den Bürgerkrieg.

Außerdem waren nicht alle für die Verbrechen der Nazis verantwortlich. Zu meiner Überraschung kam ich beim deutschen Publikum sofort gut an. Diese Freundlichkeit gab mir ganz viel Sicherheit. Ich liebe es, stolz auf meine Heimat zu sein. Ich bin Nationalistin, aber in positiver Weise.

GA: Für Ihre Auftritte in der DDR wurden Sie auf unkonventionelle Weise bezahlt: Weil Devisen knapp waren, entlohnte man Sie in Naturalien.

Mouskouri: Die DDR konnte damals nur meine Musiker und Techniker bezahlen. Wir Künstler wurden speziell entlohnt. Ich bekam zum Beispiel ein Bösendorfer-Klavier.

Das war sehr schön. (lacht) Es steht immer noch hier in meinem Haus in Paris. Nicht nur ein gutes Instrument, sondern auch eine schöne Erinnerung. Die meisten Erinnerungsstücke stehen in Paris, einige in Genf und wenige in Athen.

GA: Haben Sie noch Kontakt zu Udo Lindenberg, mit dem Sie 1996 das Video zu "Nana M" aufnahmen?

Mouskouri: Udo ist ein guter Freund, auch wenn wir uns nicht sehr oft sehen. Meine erste deutsche Freundin war Caterina Valente, später lernte ich auch Peter Maffay, Nina Hagen, Herbert Grönemeyer, Fritz Rau und die Österreicher Peter Alexander und Udo Jürgens kennen.

Auch meine heutige Managerin, Elke Balzer, ist Deutsche. Meine Fans sind mir seit vielen Jahren treu, das ist wie eine Familie. Deutschland ist für mich Heimat.

GA: Sie haben von Anfang an sowohl für die einfachen Leute als auch für Staatsoberhäupter und Könige gesungen. Was war schwerer?

Mouskouri: Ich habe vor dem griechischen Staatspräsidenten Konstantinos Karamanlis gesungen, aber auch vor Robert und Edward Kennedy, Jackie Kennedy-Onassis, General de Gaulle, Jacques Chirac, Nicholas Sarkozy, Elisabeth II, Ludwig Erhardt und Helmut Schmidt.

Für mich gibt es keine sozialen Grenzen und sobald ich auf der Bühne stehe und singe, habe ich das Protokoll vergessen. Mein Respekt kennt keine Klassenunterschiede. Meine Musik war immer aufrichtig und ich habe sie nie jemandem aufgezwungen. Musik hat die Fähigkeit, Menschen zu zähmen.

Zur PersonNana Mouskouri wurde am 13. Oktober 1934 in Chania auf Kreta geboren. Sie war 15, als das Konservatorium in Athen sie aufnahm. Ihre Karriere begann 1958.

Seitdem hat sie über 1 500 Lieder in rund 20 Sprachen und Dialekten gesungen. 1960 heiratet sie ihren Gitarristen Giorgios Petsilas. Zwei Kinder werden 1968 und 1970 geboren. Nana Mouskouri lebt mit ihrem zweiten Ehemann und Produzenten André Chapelle in Genf und in Paris.

Laut International Federation Of The Phonographic Industry ist sie mit 250 Millionen verkauften Tonträgern die zweiterfolgreichste Sängerin der Welt - hinter Madonna und vor Maria Carey.

GA: Weltberühmt wurden Sie durch Ihre Amerikatourneen mit Harry Belafonte und Ihre Platten mit Quincy Jones, die in die Zeit der großen Rassenunruhen fielen. Wie viel haben Sie davon mitbekommen?

Mouskouri: Diese Zeit war sehr schwierig und gefährlich. Von Harry Belafonte und Quincy Jones habe ich unter anderem gelernt, wie man für die Menschenrechte kämpft. Auch Bob Dylans und Joan Baez' Engagement war ehrlich und aufrichtig.

GA: Bob Dylan bezeichnete Sie als eine seiner beiden Lieblingssängerin und schrieb für Sie "Every Grain Of Sand".

Mouskouri: Leonard Cohen brachte ihn Mitte der 70er mit zu meinem Konzert in Los Angeles. Er wusste damals gar nicht, dass ich seine Songs auf Deutsch und Französisch singe. Am nächsten Tag hatte Dylan ein Interview mit dem Rolling Stone-Magazine.

Darin nannte er mich seine Lieblingssängerin - neben der ägyptischen Diva Oum Kolthoum, was mir sehr schmeichelte. Später schickte er mir "Every Grain Of Sand". Auf meine Interpretation dieses bedeutungsvollen Liedes bin ich heute noch stolz.

GA: Über Aristoteles Onassis haben Sie Maria Callas kennen gelernt, die Ihnen wertvolle Tipps gab. Welche waren das?

Mouskouri: Maria Callas riet mir, ich solle lieber versuchen, eine sehr gute populäre Sängerin zu sein als eine mittelmäßige Opernsängerin.

GA: In diesem Sommer haben Sie Ihre allerletzte Welttournee beendet. Werden Sie jetzt überhaupt nicht mehr auftreten?

Mouskouri: Das Singen bedeutet mir immer noch sehr viel, nur möchte ich keine Tournee mehr machen. Ich habe genug Lebenszeit in Hotels und Flugzeugen verbracht. Aber einzelne Auftritte aus besonderem Anlass wird es immer wieder geben.

Von meinem Buch sind sogar koreanische und chinesische Übersetzungen erschienen. Aber die Welt hat sich sehr verändert und junge Künstler haben heute eine große Verantwortung.

GA: Sie haben fast 200 Alben mit 1 500 Songs herausgebracht. Haben Sie vor, noch einmal ein Plattenstudio zu betreten?

Mouskouri: Im Moment dreht sich bei mir alles um mein Buch. Nächstes Jahr werde ich mich hinsetzen und über neue Aktivitäten nachdenken.