Joachim Bärenz: "Ein unbeschreibliches Gefühl!"

Der Pianist begleitet seit fast vierzig Jahren cineastische Klassiker am Klavier - Die Bonner Stummfilmtage reizen ihn ganz besonders, wegen Atmosphäre und hoher Qualität der Filme

Joachim Bärenz arbeitet als Pianist bei den Internationalen Stummfilmtagen in Bonn. Am Freitag begleitet er den schwedischen Historienfilm "Die Feuerprobe" von Victor Sjöström (22.30 Uhr), am Samstag die Literaturverfilmung "Der geheime Kurier" nach Stendhals "Rot und Schwarz" (21 Uhr). Mit Joachim Bärenz sprach Ulrich Klinkertz.

General-Anzeiger: Wie sind Sie Stummfilmpianist geworden?

Joachim Bärenz: Eigentlich eher durch Zufall. 1969 hatte ich als Musikstudent an der Frankfurter Uni einen Aushang gesehen. Da wurde ein Pianist als Stummfilmbegleiter gesucht. Ich hatte das zwar noch nie gemacht, hatte mich aber immer schon neben der Musik auch für Film interessiert und ohne groß zu überlegen, hab ich mich gemeldet. Im Grunde war es so wie Schwimmen lernen, indem man einfach ins Wasser springt.

GA: Und der Sprung ins Wasser blieb kein Einzelfall.

Bärenz: Mir kam dann Anfang der 70er Jahre die Entwicklung der kommunalen Kino Szene deutschlandweit zu Gute. Das Kommunale Kino in Frankfurt hatte regelmäßig Stummfilme im Programm, die ich begleitete. Von dort aus bin ich an andere Kinos weiter empfohlen worden. Ich kam zu den Filmfestspielen nach Berlin und über das Goethe-Institut ins Ausland. Ich habe schon in Neuseeland, Korea und Brasilien Stummfilme begleitet.

GA: Welchen Stellenwert haben die Internationalen Stummfilmtage Bonn und was macht ihren besonderen Reiz aus?

Bärenz: Reizend ist das Ambiente. Der schöne Arkadenhof und die Freiluftsituation. Toll ist auch, dass ich hier so viel Kollegen treffe. Bonn ist mittlerweile das größte Stummfilmfestival im deutschen Sprachraum. Das betrifft die Zuschauerzahl, die Festivallänge und vor allem auch die Qualität der Filme. Wobei ich nicht nur die inhaltliche Qualität meine. Bonn versucht ja immer auch das beste verfügbare Material zu bekommen.

Manchmal sieht es ja auf der Leinwand so aus, als wäre der Film gerade erst gedreht worden. Aber am besten, das ist die Stimmung hier, die ist unvergleichlich. Wenn du, wie am Samstag zum Harold-Lloyd-Film "Safety Last" vor fast 2 000 Leuten spielst, und du trotzdem eine Stecknadel fallen hören kannst, wenn du spürst, dass du soviel Leute in deinen Bann ziehst, dann ist das ein unbeschreibliches Gefühl.

GA: Was erwartet den Zuschauer konkret bei den Filmen am Wochenende begleiten?

Bärenz: Bei "Der geheime Kurier" setze ich auf die Zeit um 1820 und auf Frankreich. Bei der "Feuerprobe" werde ich mich wahrscheinlich mehr von den Landschaftsaufnahmen inspirieren lassen, die sind bei dem Regisseur Sjöström ja immer wichtig. Aber ich muss mir den Film noch angucken. Auf jeden Fall werd' ich natürlich viel nordischer spielen.

Zur Person

Joachim Bärenz war maßgeblich an der Renaissance des Stummfilms seit den 70er Jahren beteiligt. Er gilt als brillanter Improvisator, bearbeitet aber auch Originalkompositionen und setzt zeitgenössische Motivkompilationen ein. Seit 1984 ist Bärenz Pianist der Tanzabteilung der Folkwang Hochschule. Für seine Verdienste um die Stummfilmvertonung erhielt er 2003 den Preis der Filmkritik.