Interview mit Heinz Suhr

"Die Grünen müssen wieder frecher werden"

Mann der ersten Stunde: Heinz Suhr.

Heinz Suhr, Fraktionsmann der ersten Stunde, spricht im GA-Interview über den Wandel der Grünen von 1983 bis 2013 und den Verlust von Kreativität in der Politik. Die Grünen sollten die Chancen der sozialen Netzwerke erkennen, sagt Heinz Suhr: "Was die Piraten können, können die Grünen längst."

Als Nachrücker für Joschka Fischer in der ersten Grünen-Bundestagsfraktion - sentimental, wenn Sie heute an die Anfänge zurückdenken?
Heinz Suhr: Nicht sentimental, aber wir waren damals agiler als viele Grüne heute. Mir fällt der abgestorbene Tannenzweig ein, den Marieluise Beck-Oberdorf, wie sie damals noch hieß, dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl überreicht hat. So etwas könnte heute nicht mehr passieren, weil ja alle wissen, dass der Wald am Absterben war und teilweise auch noch ist.

Die Fraktionssitzung der Grünen im Freien auf dem Bonner Tulpenfeld ist bis heute legendär. Warum die Aktion?
Suhr: Die Bundestagsverwaltung hatte es drei Monate nicht geschafft, uns Büros und einen Fraktionssaal zur Verfügung zu stellen. Die Beamten waren im Drei-Fraktionen-System von Union, SPD und FDP gefangen. Und dann waren plötzlich die Grünen da. Wir haben Freibier für die Journalisten ausgeschenkt und mit einer Fraktionssitzung im Freien gegen die Ungleichbehandlung protestiert. Danach hatten wir Büros und Fraktionssaal.

Die Grünen von 1983 und 2013. Was macht den Unterschied?
Suhr: Die Aktionen, die die Grünen ausgemacht haben, sind mittlerweile weg. Da werden Strompreise erhöht wie verrückt und kein Mensch demonstriert vor den Konzernzentralen von RWE, Eon, EnBW oder Vattenfall. Dabei ist offenkundig, dass die Stromverbraucher abgezockt werden, wo die Preise an der Strombörse doch fallen. Und trotzdem haben die Grünen auf dem Energiesektor eine sehr viel höhere Kompetenz als die anderen Parteien. Diesen Kompetenzvorsprung müssten die Grünen in Aktionen umsetzen.

Wo sind die wilden Grünen?
Suhr: Das frage ich mich manchmal auch. Was mir heute fehlt, sind eine gewisse Agilität und Kreativität, sagen wir ganz einfach: ein Hauch Piratenpartei. Trotzdem bin ich überzeugt, ohne die grüne Frauenvorkultur wäre Angela Merkel heute nicht Bundeskanzlerin. Aber bitte, die Grünen müssen sich auch fragen, wie lange sie sich einseitig weiter auf die SPD festlegen wollen.

Ein Aufruf zu Schwarz-Grün?
Suhr: Die Grünen müssen sich freimachen von ihren immer noch leicht dogmatischen Linien. Jede demokratische Partei muss im Prinzip mit jeder anderen demokratischen Partei koalitionsfähig sein. Das gilt auch für Union und Grüne. Wenn es für Rot-Grün nicht reicht, dann muss auch Schwarz-Grün möglich sein, bevor die anderen in einer großen Koalition regieren und den Atomausstieg verzögern. Die einen mit Kohle, die anderen mit merkantilen Mitteln.

Den Grünen fehlt ein Hauch von Piratenpartei?
Suhr: Die Grünen müssen einfach wieder frecher werden. Warum fährt die gesamte Grünen-Fraktion nicht einfach mal zur Europäischen Zentralbank und macht dort einen öffentlichen Sitzprotest mit anschließender Debatte über die Euro-Politik? Oder einen Betriebsausflug der Fraktion ins Londoner Bankenviertel? Man muss doch eine inhaltliche politische Qualität in diesen Hochfrequenzhandel bringen, sonst zermahlt der alle anderen fiskalpolitischen Ansätze. Die Grünen sind so angepasst, dass es manchmal schon zu viel ist.

Wie groß ist das Potenzial der Grünen?
Suhr: Ich war damals schon überzeugt: Wenn die Grünen auf den Ballast der K-Grüppler und der Hardcore-Feministinnen verzichten, dann sind sie die alternative Volkspartei, die zwischen 15 und 20 Prozent holen und in der Langzeitperspektive auch die SPD überholen kann. Die Grünen sind regierungsfähig. Wer das nicht glaubt, der soll sich das Land Baden-Württemberg und Winfried Kretschmann angucken. Die Grünen haben dort schließlich eine Bastion der Bürgerlichen gestürmt.

Was wünschen Sie der Grünen-Fraktion zum 30. Geburtstag?
Suhr: Die Grünen sollen kreativ sein. Sie müssen die Chance der neuen sozialen Netzwerke erkennen. Dass die Piratenpartei überhaupt so weit kommen konnte, ist eigentlich eine Schande für die Grünen. Aber was die Piraten können, können die Grünen längst. Sie müssen es nur machen.

Zur Person
Heinz Suhr war, bevor er 1985 für Joschka Fischer in den Bundestag nachrückte, Pressesprecher der ersten Grünen-Bundestagsfraktion. Nach dem Ausscheiden der westdeutschen Grünen 1990 aus dem Bundestag, betreute der langjährige Wahl-Bonner von 1990 bis 1994 die acht ostdeutschen Abgeordneten von Bündnis 90 als Pressesprecher.
Suhr trat in der Folge des Beschlusses des Grünen-Bundesparteitags für den Einsatz deutscher Kampfjets im Kosovo-Krieg und wegen des nach eigenen Angaben "cholerischen und autoritären Führungsstils" des damaligen Außenministers Joschka Fischer bei den Grünen aus. Heute lebt der 61-Jährige als Filmemacher und Autor im Allgäu. Derzeit arbeitet Suhr an dem Buch: "Darf Politik Spaß machen?" Den Grünen schrieb er bei der Geburtstagsfeier am ehemaligen Flughafen Tempelhof ins elektronische Stammbuch: "Trau' keinem über 30!"