"Der erste Weltjugendtag mit zwei Päpsten"

Der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner über den Besuch von Benedikt XVI., die Begegnungen mit jungen Menschen, den Glauben in der Gesellschaft, die Ökumene und die Sparpläne der Erzdiözese

Köln. Der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner setzt große Erwartungen in den Weltjugendtag, der kommende Woche beginnt. "Die Jugend ist wie eine Herde ohne Hirt und ich muss sie an die Quellen führen", zitiert er im Interview des General-Anzeigers den verstorbenen Papst Johannes Paul II. Mit Meisner sprachen Bernd Eyermann, Frank Vallender und Joachim Westhoff.

General-Anzeiger: Noch acht Tage bis zum Weltjugendtag. Welche Erwartungen haben Sie persönlich an den Weltjugendtag?

Joachim Kardinal Meisner: Ich wünsche mir und bete seit Jahren darum, dass alle, die nach Köln, Bonn oder Düsseldorf kommen, glücklicher zurückkehren, als sie gekommen sind, und uns glücklicher zurücklassen, als wir sie empfangen haben.

GA: Was meinen Sie mit glücklicher?

Meisner: Sie sollen in diesen Tagen Gott inniger werden. Das überstrahlt dann unser ganzes Leben.

GA: Fiebern Sie dem Weltjugendtag entgegen?

Meisner: Ich habe lange genug darauf gewartet und bin voller Gelassenheit. Ich habe beschlossen, den Weltjugendtag zu genießen und nicht zu erleiden.

GA: Lange genug gewartet?

Meisner: Der Papst hat mich 1997 in Paris zum ersten Mal gefragt: Können wir 1999 nach Köln kommen? Ich habe tief durchgeatmet und gesagt: Heiliger Vater, kommen Sie. Dann wollte man jedoch lieber bis zur Jahrtausendwende warten, den Weltjugendtag 2000 in Rom feiern, aber 2002 zu uns kommen. Da man aber nicht schon wieder nach Europa gehen wollte, fand das Treffen in Toronto statt. Und im vorigen Jahr wollte ich nicht, weil der Weltjugendtag mit den Olympischen Spielen in Athen kollidiert hätte. Ich bin also schon acht Jahre in der Vorbereitung und habe viel gebetet und beten lassen, dass Gott den Menschen begegnet.

GA: Wird der Weltjugendtag denn mehr als ein Happening?

Meisner: Ich bin seit 1984 auf vielen Weltjugendtagen gewesen und habe festgestellt, dass das geistliche Rückgrat die Katechesen am Vormittag sind. Nach der Einführung durch Bischöfe stehen junge Leute auf und geben Zeugnis, was sie mit ihrem Glauben im Leben schon erfahren haben. Das dauert eine gute Stunde, danach ist Messe und anschließend Beichtgelegenheit. Es wird an keinem Ort oder zu keiner Zeit so viel gebeichtet wie bei den Weltjugendtagen.

GA: Erwarten Sie denn auch kritische Stimmen gegenüber der Kirche?

Meisner: Sie müssen wissen, es ist kein Seniorentreffen, sondern ein Jugendtreffen. Da braucht man die Drewermanns und Küngs und die von vorgestern nicht. Für die ist hier nichts vorgesehen, weil keinen Jugendlichen der alte Schmarrn interessiert, den die dauernd verzapfen. Aber es geht viel kritischer zu, nämlich in der Beichte. Und da bin ich kritisch mir gegenüber, nicht anderen gegenüber.

GA: Es ist also durchaus erwünscht, dass Jugendliche Kritik äußern?

Meisner: Natürlich und zwar vor Gott über sich selbst, über ihren Lebensstil.

GA: Ist das nicht ein bisschen lebensfremd?

Meisner: Ich mache immer wieder die interessante Erfahrung, dass viele junge Leute die Sehnsucht haben, über sich selbst hinauszukommen. Weil sie es nicht in Elternhaus oder Schule gelernt haben, versuchen sie diesen Überstieg mit Ersatzmitteln wie Sexus, Alkohol oder Drogen zu schaffen. Und dann empfinden sich diese jungen Leute als metaphysische Asylanten oder Obdachlose. Sie wollen endlich Boden unter den Füßen haben, und darin liegt der ungeheuere Aufbruch der Jugend zu Gott hin begründet. Der alte Papst hat das gut erkannt. Er hat gesagt: Die Jugend ist wie eine Herde ohne Hirt und ich muss sie an die Quellen führen, damit sie von den Zisternen wegkommen.

GA: Aber es ist doch Fakt, dass sich viele junge Menschen vom Glauben entfernen.

Meisner: Die ältere Generation stellt diese Jugend unter einen Generalverdacht nach dem Motto, die Mädchen haben alle ihre Pillendöschen dabei und die Jungen ihre Kondome. Damit will man den eigenen verluderten Lebensstil rechtfertigen. Die Jugend ist besser als wir. Daher sagt der neue Papst: Wer der Jugend weniger als Gott gibt, gibt ihr zu wenig. Das ist es, was die Anziehungskraft des Weltjugendtages ausmacht. Da bekommen die jungen Menschen nicht weniger.

GA: Glauben Sie nicht, dass Sie mit Ihren Vorstellungen zum Beispiel zur Sexualmoral auf Widerspruch bei den jungen Leuten stoßen?

Meisner: Ganz im Gegenteil. Sie sagen, hier sagt uns endlich mal einer, wie es anders geht. Das ist mehr verbreitet, als Sie das ahnen. Ich glaube, es wird von Köln aus ein positiver Ruck durch unsere Gesellschaft gehen, nicht nur in Deutschland und Europa sondern in der ganzen Welt.

GA: Was bedeutet es, dass Benedikt XVI. statt Johannes Paul II. kommt? Wird das den Weltjugendtag verändern?

Meisner: Der neue Papst garantiert einen Weltjugendtag ganz im Sinne seines Vorgängers.

GA: Sie haben einmal gesagt, sie wären sehr traurig gewesen, dass Johannes Paul nicht mehr kommen würde.

Meisner: Bei der Aufbahrung des alten Papstes in Rom hat mich das heulende Elend gepackt und ich sagte zu ihm: Heiliger Vater, Du machst Dich davon und mich armen Hund lässt Du mit der ganzen Last des Weltjugendtags zurück. Wie soll das weitergehen? Da bekam ich eine Erleuchtung, und er sagte zu mir: Du musst es doch wissen. Wenn ein Heiliger im Himmel ist, dann geht's doch erst richtig los. Ich mach Euch einen Weltjugendtag, wie es ihn noch nie gegeben hat.

GA: Wird der neue Papst auch neue Impulse geben?

Meisner: Es werden nicht viele neue Akzente kommen, aber er kommt als Benedikt XVI. mit seinem eigenen Charisma. Er wird die Jugend genau dort treffen, wo sie auf ein Wort des Lebens wartet. Er hat jüngst sehr beeindruckend die geistliche Einführung zur Missa Solemnis im Kölner Dom gehalten. Er hat auch gesagt, dass er beim Weltjugendtag gern bei einem Treffen mit Priesteramtskandidaten dabei wäre. Da habe ich bemerkt, das wird etwas Großes werden. Wir haben den ersten Weltjugendtag mit zwei Päpsten. Der eine von oben, der andere von unten. Das gibt mir auch die innere Sicherheit, dass jetzt nichts mehr schiefgehen kann.

GA: Wäre es nicht möglich gewesen, dass Benedikt sich mehr Zeit für die Bonner hätte nehmen können?

Meisner: Das ist kein Deutschland-Besuch. Der Papst ist der Hauptveranstalter. Er kommt zur gesamten Jugend der Welt, junge Leute aus 193 Ländern, so vielen wie nie zuvor. Deshalb ist das Protokoll das schmalste, das es gibt. Und weil der Bundespräsident zum Flughafen kommt, muss der Papst einen kurzen Gegenbesuch machen - in Bonn. Nach Düsseldorf kommt er gar nicht.

GA: Viele, vor allem junge Christen in der Erzdiözese Köln, engagieren sich in der Vorbereitung, etwa 3 500 in den so genannten Kernteams. Wie kann die Begeisterungsfähigkeit für den Glauben erhalten bleiben?

Meisner: Der Weltjugendtag muss weitergehen. Wir planen für nächstes Jahr in Bonn, Köln, Wuppertal und Düsseldorf Straßenmission mit jungen Leuten. Außerdem gibt es durch die Kernteamer, denen wir zugetraut haben, dass sie die Organisation in den Gemeinden übernehmen, überall wieder funktionierende Jugendgruppen.

GA: Der Weltjugendtag hat das Motto "Wir sind gekommen, um ihn anzubeten". Was bedeutet das?

Meisner: Wenn der Mensch auf den Knien vor Gott ist, dann zeigt er, dass er ein Gefühl für Maß hat und wo er hingehört in dieser Welt. Wenn man sich vor Gott nicht niederkniet, will man sich vor sich selber niederknien, und dann verbiegt man sich. Der Mensch fängt erst an, Mensch zu werden, wenn er vor Gott niederkniet. Dann wird er auch die Herrlichkeit Gottes sehen. Ich hoffe sehr, dass die Katecheten das rüberbringen.

GA: Der Weltjugendtag kostet viel Geld. Die deutschen Bistümer zahlen 26 Millionen Euro. Steht es den Bischöfen gut zu Gesicht, dass sie einerseits von ihren Pfarreien verlangen, den Gürtel enger zu schnallen, andererseits aber Millionen für den Weltjugendtag ausgeben?

Meisner: Ich bin überzeugt, dass das Geld bestens investiert ist und wir uns das etwas kosten lassen müssen. Ich bin auch zutiefst davon überzeugt, dass die Mutter Teresa von übermorgen und ähnliche Typen hier in Köln ihr Charisma und ihre Berufung erhalten. Mein polnischer Fahrer war am Samstag auf einer polnisch-italienischen Hochzeit. Das ist die Frucht des Weltjugendtages von Toronto.

GA: Können Sie denn nachvollziehen, wenn junge Eltern sagen, mein Kindergarten wird geschlossen, aber für den Weltjugendtag haben sie Geld?

Meisner: Natürlich, aber ich muss auch sagen, dass jedes katholische Kind im Erzbistum Köln garantiert einen Platz im katholischen Kindergarten bekommt - jedenfalls numerisch. Wir haben uns das mit dem Sparen gut überlegt, über ein Jahr lang alle Gremien mit einbezogen.

GA: Zieht sich die Kirche nicht zu sehr aus der gesellschaftspolitischen Verantwortung zurück?

Meisner: Nein. Wir haben in den letzten 30 Jahren 200 000 Gläubige verloren, weil wir immer weniger Kinder haben. Wir können nicht mehr alle kirchlichen Institutionen halten. Wir sind auch jetzt noch der stärkste Kindergartenträger in Nordrhein-Westfalen, aber wir müssen mit Augenmaß zurückfahren.

GA: Sparen Sie zu viel?

Meisner: Wir könnten noch fünf Jahre so weitermachen wie bisher, aber dann wäre Schluss. Wir arbeiten nicht mit dem Rücken an der Wand, wir haben noch Variationsmöglichkeiten. Überhaupt nicht sparen wollen wir an den Beträgen für die Dritte Welt und bei der Schwangerenberatung. Bei der Caritas sind es fünf statt 20 Prozent, dafür beim Generalvikariat 25 statt 20. Uns geht es noch besser als jeder anderen Diözese. Das sagen auch die Pfarrer. Wir haben keinen Grund zu klagen.

GA: Sollte Kardinal Lehmann bei der nächsten Wahl nicht mehr für das Amt des Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz kandidieren, könnten Sie sich vorstellen, sein Nachfolger zu werden?

Meisner: Selbst wenn ich einstimmig gewählt würde, ich würde die Wahl nicht annehmen. Ich bin fast 72 Jahre alt, habe die größte Diözese Deutschlands, sitze in fünf Gremien im Vatikan und habe viele weltkirchliche Verpflichtungen. Als Kardinal Lehmann Ende der 80er Jahre gewählt wurde, hat man gesagt, wir wollen einen Vorsitzenden haben, der nicht Kardinal ist und keine so große Diözese hat, damit er mehr Kraft zur Verfügung hat für das Amt des Vorsitzenden. Da wäre es lächerlich, wenn ich es jetzt machen würde.

GA: Wann ist die Zeit reif für ein gemeinsames Abendmahl mit den evangelischen Christen?

Meisner: Dafür muss die Kirche eins sein. Für uns ist ein evangelischer Geistlicher ein Prediger, aber kein Priester. Jesus hat die Eucharistie an die zwölf Jünger gebunden, also an die Priester. Und die Weitergabe des Priesteramtes in der so genannten Succession ist von Luther unterbrochen worden. Wenn also nicht die Frage des Amtes in den Kirchen geklärt ist, ist auch eine Kommuniongemeinschaft nicht möglich. Die Kommunion ist nicht das Reisebrot hin zur Einheit, sondern die Besiegelung der Einheit. Darin sind sich drei Viertel der Christen einig, nämlich die Katholiken und die Orthodoxen. Und das muss mit den Evangelischen Kirchen aufgearbeitet werden.

GA: Das ist für die Evangelische Kirche schwer nachzuvollziehen.

Meisner: Erst dieser Respekt macht uns ökumenefähig. Papst Benedikt XVI. spricht von einer geistlichen Ökumene, das heißt von einer Gebetsbewegung für die Einheit der Christenheit. Ich bin der Überzeugung, dass wir die Einheit der Kirche nicht selbst machen können. Sie kann uns nur geschenkt werden und Gott kennt Wege dahin, die wir nicht kennen.