GA-Interview

David Garrett: "Ich bin Perfektionist"

Er beherrscht die Pose des Popstars: David Garrett bei einem Konzert in Hamburg.

05.03.2013 Köln. Nach Rock und Pop kehrt Stargeiger David Garrett wieder einmal in sein eigentliches Metier zurück: die Klassik. Mit dem Orchester Festival Strings Lucerne spielt er in Köln und Düsseldorf das Violinkonzert von Johannes Brahms. Zudem geht er mit seinem neuen Album "Music" auf Tour und spielt unter anderem in Mönchengladbach. Über das Leben auf Tour, Cross-over und seinen Paganini-Film sprach Jan Crummenerl mit dem 33-jährigen Musiker.

Nach Ihrer "Rock Anthems"-Tour im vergangenen Jahr gehen Sie ab April wieder ganz klassisch aufs Konzertpodium. Warum gerade mit dem Brahms-Konzert?
David Garrett: Das Violinkonzert von Brahms ist eines der bedeutendsten, das einem Geiger zur Verfügung steht. Dazu kommt mein besonders intensives Verhältnis zur deutschen Musik. Deshalb habe ich mir nach dem Beethoven-Konzert das von Brahms ausgesucht. Ich bin da schon einige Wochen dran. Besonders spannend finde ich, dass es dabei nicht nur um Virtuosität geht. Als romantisches Konzert steckt die komplette Bandbreite an Emotionen drin - von subtil bis fast brutal. Das alles ausleben zu können, ist sehr reizvoll.

Brahms war von Hause aus Pianist. Konnte er denn überhaupt so virtuos für die Violine schreiben?
Garrett: Er hat sich von seinem Freund Joseph Joachim beraten lassen, der einer der großen Geiger seiner Zeit war. Auf die nachträglichen Einzeichnungen von Joachim gehe ich aber nicht ein. Bei diesem Konzert heißt es einfach: je originaler, desto besser.

Werden Sie das Brahms-Konzert auch auf CD aufnehmen?
Garrett: Ja. Ende des Jahres mache ich eine kleine Tournee durch Israel. Das Konzert mit Zubin Metha und dem Israel Philharmonic Orchestra wird dabei in Tel Aviv mitgeschnitten.

Wie oft sind Sie im Jahr unterwegs?
Garrett: Im Schnitt gebe ich 120 bis 150 Konzerte jährlich. Damit bin ich so sechs bis sieben Monate auf Tour. Dazu kommen noch die ganzen Promo-Termine und Fernsehauftritte.

Geht das nicht an die Substanz?
Garrett: Dieses Leben habe ich mir gewünscht, ich stecke drin und muss durch. Ich gebe ja schon seit meiner Kindheit Konzerte. Mein Körper und ich, wir kennen uns, und das mittlerweile sehr gut - wir wissen, was wir einander zumuten können. Ich versuche auch immer, mich mit Sport fit zu halten, aber das ist etwas schwierig, wenn man so wie ich dauernd unterwegs ist. Wenn ich täglich morgens übe, fange ich mit Tonleitern und Etüden an. Das ist dann für mich eine Art Meditation. Das ist sozusagen mein Yoga.

Bleibt bei all dem noch Zeit für ein Privatleben?
Garrett: Die meiste Zeit bin ich mit meinem Team zusammen. Nach einem Kommen und Gehen haben sich hier nun Leute gefunden, die sich gut verstehen. Das ist also nicht etwas rein Geschäftliches, sondern auch etwas sehr Familiäres.

Sie spielen nicht nur in Konzertsälen und Arenen. Demnächst sind Sie auch auf der Kinoleinwand zu sehen. Können Sie schon etwas darüber verraten?
Garrett: In vergangenen Jahr habe ich in der Titelrolle des Films "Paganini - Der Teufelsgeiger" von Bernard Rose vor der Kamera gestanden. Im Herbst soll der Film ins Kino kommen. Viel erzählen darf ich im Augenblick nicht, da sich der Film gerade in der Postproduktion befindet. Ich kann soviel verraten, dass es eine sehr reizvolle Rolle war. Paganini hat mit seiner Virtuosität sein Instrument erstmals salonfähig gemacht. Und um das im Film rüberzubringen, war das Visuelle besonders wichtig. Deshalb wurde kein Schauspieler als Paganini-Darsteller engagiert, sondern ein Musiker, der das Instrument beherrscht. Für diesen Film habe ich auch die Musik geschrieben. Der Geigenpart ist natürlich original von Paganini, aber die Orchester-Begleitung ist von mir neu gestaltet - nicht das bekannte "Humtata" seiner Konzerte. Paganini hat sich oft aus Zeitmangel die Begleitung von anderen schreiben lassen.

Eine ganz andere Art von "Teufelsgeiger" war Fritz Kreisler. Warum zählen Sie ihn zu Ihren Vorbildern?
Garrett: Kreisler war einer der letzten Musiker alter Schule. Er war nicht nur ein ausgezeichneter Solist und Interpret, er war auch Komponist und Arrangeur, ein internationaler Superstar, dem es darum ging, sein Publikum zu begeistern. Zudem hat er sich nie um Stilgrenzen geschert. Er war in der sogenannten ernsten Musik ebenso zu Hause wie in der leichten.

Dafür, dass Sie zwischen Klassik und Rockpop wechseln, werden Sie manchmal kritisiert. Stört Sie das?
Garrett: Nein. Hier werden künstlich Grenzen aufgebaut, die es früher so nicht gab. Das ist schade. Aber es gehört auch zur Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, das zu machen, was man machen möchte. Wichtig aber vor allem ist, dass man weiß, wo man steht. In diesem Sinne ist Crossover wie eine Urlaubsreise - von der man auch wieder heimkehrt.

Wohin geht Ihre nächste "Urlaubsreise"?
Garrett: Die beginnt im Mai. Nach "Rock Symphonies" bin ich dann mit meinem neuen Crossover-Album "Music" auf Tournee. Das soll ganz großes Kino für meine Fans werden mit Musik von Beethoven bis Michael Jackson - ich lebe eben in beiden Welten. Auch hier will ich noch keine Details verraten. Eines bleibt sich aber immer gleich: Egal was ich mache, ich bin Perfektionist.

Und wo liegt Ihre Heimat, in die Sie zurückkehren?
Garrett: In der Klassik.

David Garrett und das Orchester Festival Strings Lucerne spielen in NRW unter anderem das Violinkonzert D-Dur op. 77 von Johannes Brahms: 17. April in der Kölner Philharmonie sowie 26. April in der Tonhalle Düsseldorf. Beginn 20 Uhr. Beide Konzerte sind ausverkauft. Die "Music"-Show findet am 19. Juni im Hockeypark in Mönchengladbach statt. Karten hierfür ab 30 Euro (zuzüglich Gebühren) in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.

Zur Person
David Garrett wurde 1980 in Aachen geboren. Mit vier Jahren bekam er von seinen Eltern Georg P. Bongartz und Dove Garrett seine erste Geige geschenkt und wurde bald als Wunderkind gefeiert. Inzwischen begeistert der Künstler mit Hang zum Crossover ein Massenpublikum. Garrett spielt auf Geigen von Guagnini und Stradivari.