Bonns Beethovenhalle - einfach nur zum wegwerfen?

Landeskonservator Udo Mainzer sagt: "Die Wegwerfmentalität nimmt zu." Er will sich für den Erhalt der denkmalgeschützten Beethovenhalle einsetzen

Bonn. Dass Bonn ein Beethoven-Festspielhaus bekommen soll, dagegen hat Professor Udo Mainzer nichts einzuwenden. Dass dafür aber die denkmalgeschützte Beethovenhalle weichen muss - das will er nicht hinnehmen.

Als Landeskonservator des Rheinischen Amts für Denkmalpflege setzt er sich für den Erhalt der Halle ein. Die Stadt überlegt derzeit, welches Verfahren sie für den Abriss und den Bau des Festspielhauses einschlägt. Mit Udo Mainzer sprach Dominik Pieper.

General-Anzeiger: Herr Professor Mainzer, wann waren Sie zuletzt in der Beethovenhalle?

Udo Mainzer: Vor einem Jahr. Den Anlass weiß ich nicht mehr genau. Ich war sehr oft dort, bei Tagungen und bei Konzerten.

GA: Wie erleben Sie das Gebäude als Besucher?

Mainzer: Man merkt, dass die Beethovenhalle einen Unterhaltungsstau hat. Die Akustik ist nicht optimal, auch das ist unstrittig. Das hat aber etwas mit der Intention des Architekten zu tun. Die Beethovenhalle wurde eben nicht als Konzertsaal gebaut, sondern als Mehrzweckhalle. Wir hätten als Denkmalpfleger keine Bedenken, wenn man den Saal heutigen Standards anpasst und durch einen Umbau akustisch ertüchtigt. Das haben wir schon bei der Ausschreibung für die Festspielhaus-Pläne deutlich gemacht.

GA: Muss die gesamte Halle erhalten bleiben?

Mainzer: Auf jeden Fall das äußere Erscheinungsbild des Hallenkörpers, dazu das Foyer, das viele zeittypische Elemente beinhaltet. Erhaltenswert ist auch der Zugang mit den Wandmalereien von Joseph Fassbender. Er ist wie ein Prozessionsweg, der auf ein Kulturereignis vorbereitet.

GA: Dann muss Ihnen doch das Herz bluten, wenn die vier verbliebenen Architektenentwürfe den Abriss der Halle voraussetzen.

Mainzer: Ich bedauere es, dass kein Entwurf eine Chance hatte, der mit der Halle in Gänze oder in entscheidenden Teilen arbeitet. Die Pläne von Schuster und Schuster fand ich zum Beispiel sehr überzeugend: Da war die Halle gut integriert, und für den Altbau wurde die Nutzung als Musikschule vorgeschlagen.

GA: Mit den Entwürfen, die auf einen kompletten Neubau zielen, können Sie sich nicht anfreunden?

Mainzer:

Darüber zu befinden, ist nicht mein Job als Landeskonservator. Ich habe zusammen mit der unteren Denkmalbehörde - das ist pikanterweise die Stadt Bonn - ein geordnetes denkmalrechtliches Verfahren zu gewährleisten. Und dabei ist es meine Aufgabe, mich bis zum Letzten für den Erhalt dieses Denkmals einzusetzen.

Zur PersonGebürtig aus Thüringen, lebt Udo Mainzer seit den 50er Jahren im Rheinland. Seit 1979 leitet er als Landeskonservator das Rheinischen Amt für Denkmalpflege, das beim Landschaftsverband angesiedelt ist. In Denkmalfragen ist die Behörde nicht weisungsgebunden. Mainzer (63) ist Bonner Bürger und Professor für Kunstgeschichte und Denkmalpflege an der Uni Köln.

GA: Was werden Sie unternehmen?

Mainzer: Zunächst einmal muss die Stadt Bonn in ihrer Eigenschaft als Eigentümerin darlegen, warum sie die Beethovenhalle abreißen will. Schon für weit geringere Eingriffe müsste sie eine gute Begründung liefern. Es muss in jedem Fall erkennbar sein, was für ein Abwägungsprozess zu diesem Schritt geführt hat. Wie sich die Stadt äußern wird, weiß ich noch nicht. Man weiß ja noch nicht mal, welche Entwicklung die Pläne für das Festspielhaus nehmen. Allein wegen der Kosten.

GA: Welche Möglichkeiten bietet Ihnen denn das Gesetz, einen Abriss zu verhindern?

Mainzer: Wenn wir als Amt für Denkmalpflege unser Einverständnis verweigern, besteht die Möglichkeit, die obere Denkmalbehörde - die Bezirksregierung - einzuschalten. Als Ultima Ratio bliebe ein Entscheid des Landesbauministers, wie es ihn zum Beispiel beim Bau des Posttowers gegeben hat. Aber die Fälle, in denen es so weit kommt, sind auf einen Promillebereich beschränkt.

GA: Es passiert also nicht häufig, dass eine Kommune ein Denkmal so direkt in Frage stellt wie Bonn die Beethovenhalle?

Mainzer: Sehr selten. Bei der Mercatorhalle in Duisburg war es ähnlich. Da sprach sich der Minister am Ende für den Abbruch aus, so dass an dieser Stelle ein Spielkasino gebaut werden konnte. Was einige Abriss-Befürworter heute übrigens sehr bereuen.

GA: Den Bonnern könnte es später einmal ähnlich ergehen?

Mainzer: Man muss doch eines sehen: Bonn wäre heute nicht so bedeutend, wenn es nicht Bundeshauptstadt gewesen wäre. Was ist aus der Zeit geblieben? Der alte Plenarsaal und einige Botschaften sind weg, das Regierungsviertel verändert sich. Die Beethovenhalle ist einer der wenigen Bauten, die noch vom Selbstverständnis der Hauptstadt Bonn zeugen. Hinzu kommt: Die Lebensdauer neuer Objekte wird immer kürzer. Die Beethovenhalle ist 50 Jahre alt, der nächste Bau macht es vielleicht nur 20 Jahre, weil man dann wieder etwas Neues will. Ich stelle da eine zunehmende Wegwerfmentalität fest.

GA: Der Sie entgegenwirken wollen.

Mainzer: Natürlich. Ein Denkmal ist ein Denkmal, weil es mehrere Zeiterscheinungen und Geschmacksphasen überlebt hat. Gerade jüngere Denkmäler finden oft keine Anerkennung. Deshalb brauchen sie besonderen Schutz.

GA: An der Beethovenhalle werden aber weniger Äußerlichkeiten kritisiert, sondern Funktionalität und Akustik.

Mainzer: Wie gesagt: All das könnte man innerhalb der bestehenden Hülle verbessern. Bonn kann gerne ein Festspielhaus bekommen, aber nicht auf Kosten des Denkmals.