BAP-Sänger Wolfgang Niedecken: Halb so wild

Das Haar ist grauer geworden, doch immer noch schulterlang. Der 60. Geburtstag habe für ihn keine große Bedeutung, sagt Wolfgang Niedecken. Dennoch hat der BAP-Sänger vorgearbeitet: Er beschenkt die Fans mit seiner Autobiographie "Für ’ne Moment“ und der neuen BAP-CD "Halv su wild“. Mit Niedecken sprach Hans-Peter Fuß.

Köln. Die BAP-Zentrale versteckt sich in einem Bürogebäude an der Kölner Feuerwache. Nur 150 Meter entfernt fahren die Autos „de Nord-Süd-Fahrt ropp un raff“, wie Wolfgang Niedecken 1984 auf dem „Salzjebäck“-Album sang. Tourplakate weisen den Weg die Treppe hoch, und schon begrüßt der BAP-Chef den Gast.

Das Haar ist grauer geworden, doch immer noch schulterlang. Der 60. Geburtstag habe für ihn keine große Bedeutung, sagt er. Dennoch hat der Sänger vorgearbeitet: Er beschenkt die Fans mit seiner Autobiographie "Für ’ne Moment“ und der neuen BAP-CD "Halv su wild“. Mit Niedecken sprach Hans-Peter Fuß.

General-Anzeiger: Herr Niedecken, haben Sie Bammel vor dem 30. März?

Wolfgang Niedecken: Natürlich ist es geiler, 20 zu sein. Aber es sind immer noch dieselben Augen, aus denen ich die Welt betrachte.

GA: Und was sehen diese Augen?

Niedecken: Ich bin mir bewusst, dass die Einschläge immer näher kommen. Früher war ich der Nachzügler in der Familie, jetzt bin ich das Oberhaupt des Clans.

GA: Macht Ihnen ein Konzert heute körperlich mehr zu schaffen als mit 30?

Niedecken: Ich springe nicht mehr so viel rum wie früher. Ich will in Würde altern. Ich bin ein erwachsener Mann mit einer Gitarre, der seine Lieder singt.

GA: Mick Jagger gibt mit 67 noch den Rotzjungen.

Niedecken: Er spielt seine Rolle mit perfekter Selbstironie.

GA: Wie feiern Sie den Geburtstag?

Niedecken: Am Morgen mit meinen Mädels zu Hause. Am Abend spiele ich mit BAP auf der MS RheinEnergie das neue Album. 700 Fans und Weggefährten werden dabei sein. Ich habe den Rhein schon als Junge abgöttisch geliebt. Als mir meine Mutter zum ersten Mal erlaubte, alleine über die Südbrücke zu den Poller Wiesen zu gehen, war dieses Vertrauen für mich bedeutender als die Erstkommunion.

GA: Wie groß ist der Stress zwischen Geburtstagsfeier, Buchvorstellung, CD-Präsentation und Proben für die neue Tour?

Niedecken: Wir erleben eine angenehme Phase. Freunde, die das neue Album schon gehört haben, sind begeistert. Sogar meinen Töchtern gefällt die Platte.

GA: Was erwartet den BAP-Fan auf "Halv su wild“?

Niedecken: Als ich das Album zum ersten Mal in der endgültigen Songreihenfolge hörte, fiel mir auf, dass es zu jedem Lied einen BAP-Klassiker gibt, der unbewusst Pate gestanden haben könnte. „Sinnflut“ für „Verjess Babylon“, „Waschsalon“ für „Karl-Heinz“ oder „Verdamp lang her“ für „Noh all dänne Johre“, auch wenn die alle von komplett anderen Themen handeln.

GA: Der Albumtitel lässt vermuten, dass Sie milder geworden sind. War alles „halv su wild“?

Niedecken: Auf der CD gibt es auch zornige Texte. Nein, ich bin nicht milder geworden, vielleicht etwas gelassener. Irgendwann hat man alle Situationen mal durchgemacht: Ohne Not greift man nicht zweimal in dasselbe Klo.

GA: Im Song „Chlodwigplatz“ blicken Sie auf Ihre Kindheit zurück. Sieht man Sie heute noch dort?

Niedecken: Klar. Dort kaufe ich ein und trinke schon mal ein Kölsch.

GA: „En Dreidüüvelsname“ erinnert textlich stark an „Sympathy for the Devil“ von den Stones. Haben Sie plagiiert?

Niedecken: Der Text basiert auf einer Klassenarbeit, die ich 1968 schreiben musste. Thema: Mein liebstes Gedicht. Da mir die Stones besser gefielen als Heine oder Schiller, habe ich eben über „Sympathy“ geschrieben. Jetzt habe ich diesen Aufsatz nochmal hervorgekramt und ihn aktualisiert.

GA: Auch dem FC widmen Sie als Dauergast in Müngersdorf einen Song: „Woröm dunn ich mir dat eijentlich an“. Ist die Zeit des Leidens vorbei?

Niedecken: Der FC geht mit einem jungen Trainer und einer jungen Mannschaft einen sehr guten Weg. Da ist wieder eine Mannschaft auf dem Platz.

GA: Sie haben Ihre Autobiographie Ihren Eltern gewidmet. Wie war Wolfgang Niedecken als Sohn?

Niedecken: Bis zum zehnten Lebensjahr war ich ein Papakind. Umso schwerer muss für ihn die Ablösungsphase gewesen sein. Mein Vater ist an mir verzweifelt. Als sparsamer Kaufmann hielt er nicht viel von meinen künstlerischen Ambitionen. Er war ein strammer Adenauer-Fan, da gab es heftige politische Diskussionen.

GA: Und die Mutter?

Niedecken: Sie hat mich bestärkt. Sie konnte gut zeichnen, wäre gerne Modezeichnerin geworden. Später hat sie immer unsere Mixe durchgehört. Wenn sie als echte Kölnerin meinen Gesang nicht verstand, waren wir gut beraten, das Stück neu abzumischen.

GA: Das Buch heißt „Für ‘ne Moment“. Welche Momente, welche Menschen bleiben nach 60 Jahren in Erinnerung?

Niedecken: Larry Rivers hat mich als Maler geprägt. Bei ihm in New York habe ich gelernt, dass sich alles als Material für ein Kunstwerk eignet. Ein trauriger Moment war der Tod Heinrich Bölls vor 25 Jahren.

GA: Ihre Autobiographie folgt nicht dem chronologischen Aufbau.

Niedecken: Es sollte kein Angeber-Buch werden – nach dem Motto „Von Erfolg zu Erfolg“. Es steht drin, was in sechs Jahrzehnten gelungen und was in die Hose gegangen ist. Ich packe nicht aus, ich heule mich nicht aus. Es sind Erinnerungen an 60 Jahre bewusstes Leben.

GA: Und an 35 Jahre BAP. Für viele Fans war der Ausstieg von Klaus „Major“ Heuser 1999 eine Zäsur. Wie sehen Sie die Trennung heute?

Niedecken: Der Major ist ein toller Gitarrist. Aber er wollte, dass BAP international ausgerichteten Radio-Pop spielt. Ich wollte beim Kölsch-Rock bleiben. Beide Positionen waren nicht zu vereinen. Ich bin ihm dankbar, dass er selbst gegangen ist. Ich hätte ihn nämlich nie rausgeschmissen.

GA: Was sind Ihre Lieblingsstücke aus 35 Jahren BAP-Geschichte?

Niedecken: „Bahnhofskino“ – die ideale Umsetzung eines Alptraumtextes. Dann „Amerika“ – eine wunderbare Komposition und ein Text, in dem alles stimmt. „Suwiesu“ – den Oscar für den besten Nebendarsteller erhält der Rhein. Und „Frankie un er“ – die Seele vom „Radio Pandora“-Album.

GA: Was ist schwieriger zu schreiben: ein 530 Seiten starkes Buch oder ein Drei-Minuten-Song?

Niedecken: Das Buch. Ich habe zwei Jahre daran gearbeitet.

GA: Bleibt noch Zeit zum Malen?

Niedecken: Ich habe das Album-Cover gestaltet. Für größere Projekte fehlt mir die Zeit.

GA: Sie haben Ihr Idol Bob Dylan mal kennengelernt. Wie ist der Meister privat?

Niedecken: Ein netter Herr. Freundlich, überhaupt nicht abweisend, wie er oft rüberkommt.

GA: Nervt es, ständig mit Dylan in Verbindung gebracht zu werden?

Niedecken: Es würde mich nerven, ständig mit Dieter Bohlen in Verbindung gebracht zu weden.

GA: Wann haben Sie Dylan zum ersten Mal gehört?

Niedecken: 1966 auf einem Schulfest in Rheinbach. Da lief „Like A Rolling Stone“. Der Song hat mir Türen in eine neue Musikwelt geöffnet.

GA: Ihre Top 5 der Dylan-Songs?

Niedecken: „Desolation Row“, „Man In The Long Black Coat“, „License To Kill“, „My Back Pages“, „When The Deal Goes Down“ – und weitere 50 Dylan-Lieblingslieder.

GA: Vor einem Jahr standen Sie in den Schlagzeilen, weil auch Sie in den sechziger Jahren von einem Pater im Rheinbacher Internat missbraucht worden waren.

Niedecken: Ich hatte darüber schon in den achtziger Jahren in den Liedern „Nie met Aljebra“ und „Domohls“ geschrieben. Aber in der Kohl-Ära haben die Medien noch anders funktioniert. Es wollte sich noch keiner mit der katholischen Kirche anlegen.

GA: Wie haben Ihre Eltern reagiert?

Niedecken: Mein Vater hat dafür gesorgt, dass der Pater versetzt wurde. Leider wurde ihm aber nicht generell der Umgang mit Jugendlichen verboten.

GA: Haben Sie auch schöne Erinnerungen an Rheinbach?

Niedecken: Natürlich. Dort fing alles an. Ich spielte Bass in unserer Band The Troop. In Rheinbach hatte ich meine erste Freundin, die Hille aus Ramershoven, aus der im Lied „Anna“ wurde. Heute ist sie Rechtsanwältin in Rheinbach.

GA: Gibt es BAP in zehn Jahren noch?

Niedecken: Gibt es eine Altersgrenze für Maler? Für Schriftsteller? Die nächsten zwei Jahre sind jedenfalls ausgebucht.

GA: Kann Musik die Welt verbessern?

Niedecken: Ein Musiker kann Themen setzen. Denken müssen die Leute schon selbst.

Zur Person
  • Geboren am 30. März 1951 in Köln, die Eltern Josef und Tinny führen ein Lebensmittelgeschäft am Severinstor
  • 1961 bis 1970 Internatszeit im Konvikt St. Albert in Rheinbach, spielt dort in den Schülerbands The Troop und Goin’ Sad
  • 1970 bis 1974 Studium der Malerei in Köln, Studienaufenthalt in New York
  • 1976 gründet er BAP, er tritt mit der Band und als Solosänger in Köln und Umgebung auf
  • 1979 erste BAP-Platte „BAP rockt andere kölsche Leeder“
  • 1981 erreicht das Album „Für usszeschnigge“ Platz 1 der deutschen Charts
  • 1982 spielt BAP bei der großen Anti-Nachrüstungs-Demo in Bonn, im Vorprogramm der Rolling Stones in Köln und bei der WDR-Rockpalast-Nacht
  • 1987 erstes Solo-Album „Schlagzeiten“
  • 1992 Mit-Initiator des „Arsch-huh-Konzerts“ gegen Rassismus in Köln
  • 1998 Bundesverdienstkreuz
  • 2004 Ausstellung seiner Arbeiten als bildender Künster in der Bundeskunsthalle Bonn
  • 2004 Sonderbotschafter der Aktion „Gemeinsam für Afrika“
  • 2011: „Halv su wild“ ist das 17. BAP-Album. Zehn Alben erreichten Platz 1 der Charts
  • Niedecken lebt mit Ehefrau Tina in Köln. Er hat zwei Söhne und zwei Töchter
Tour 2011

Sie führt durch 16 Städte. Am 27. und 28. Mai steigt ein BAP-Fest auf dem Roncalliplatz im Schatten der Domtürme. Am Freitag spielt Niedecken mit der WDR Big Band, am Samstag mit BAP. Am 25. August tritt BAP auf der Burg Nideggen in der Eifel auf