Kommentar

Zur Diskussion um den Islam: Zu viel Misstrauen

In der Diskussion nach dem Anschlag von Paris geht es wieder einmal um das Verhältnis zwischen Islam und Gewalt. Islam-Apologeten beharren auf der These, die Gewalttat habe nichts mit ihrer Religion zu tun, während Islam-Gegner den angeblich eingebauten Gewalttrend der Muslime beklagen. Beide Seiten liegen falsch.

Nicht Religionen sind intolerant, gewalttätig oder machtgierig, sondern die Menschen, die diesen Religionen angehören. Im Falle des Christentums herrscht bei dieser Unterscheidung im Westen längst Konsens: Trotz blutgetränkter Geschichte kommt niemand auf die Idee, von einem Hang des Christentums zur Gewalt zu reden.

Genauso wenig ist "der Islam" verantwortlich für das, was militante Extremisten in seinem Namen an Verbrechen verüben. Wie aus der Bibel können aus dem Koran friedliche, aber auch kriegerische Botschaften und Aufträge herausgelesen werden. Welche dieser Botschaften befolgt werden, entscheiden die Menschen, und zwar oft genug auf der Basis von Machtstreben, wirtschaftlichen Interessen, persönlichen Erlebnissen oder anderen Faktoren.

Dennoch ist es kein Zufall, dass sich die Attentäter von Paris auf den Islam beriefen. "Charlie Hebdo" machte sich auch über andere Religionen lustig, aber nur Muslime reagierten mit Gewalt. Die tieferen Gründe dafür liegen in der historischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung der islamischen Welt. Muslimische Länder liegen auf vielen Gebieten weit zurück; der bestplatzierte muslimische Staat auf dem UN-Index für menschliche Entwicklung ist das öl- und gasreiche Sultanat Brunei - auf Platz 30. In einigen muslimischen Ländern wie dem Irak haben die Menschen viel Leid erleben müssen, auch durch westliche Interventionen. Islamisch begründeter Extremismus ist für Anhänger oft eine Art blutige Befreiungstheologie, ein Weg, um sich gegen empfundene Ungerechtigkeiten zu wehren.

Leider ist es viel schwieriger, sich mit den vielschichtigen Wurzeln des militanten Islamismus zu beschäftigen, als plakative Formulierungen zu wiederholen. Beide Seiten suchen ihr Heil in Abschottung und gegenseitigen Vorwürfen. Laut einer Bertelsmann-Umfrage empfinden 57 Prozent der Deutschen "den Islam" als Bedrohung. Die islamistische Presse in der Türkei vertritt derweil die These, der Anschlag von Paris sei eine Aktion westlicher Geheimdienste gewesen, um erhöhten Druck auf Muslime zu rechtfertigen.

Das Misstrauen auf beiden Seiten wird nur schwer abzubauen sein. Gemäßigte auf beiden Seiten können dennoch etwas dafür tun, die Konfrontation zu mildern. Westliche Gesellschaften sollten verinnerlichen, dass der Islam ebenso wenig militant ist wie das Christentum oder andere Religionen. Und die islamische Welt sollte jenen Stimmen Gehör schenken, die Selbstkritik und eine Diskussion über Fehlentwicklungen fordern.