Kommentar

Zum Anschlag und der Reaktion in Deutschland - Faktor Furcht

Der Anschlag in Paris verschärft die innenpolitische Debatte um Pegida. Nur auf den ersten Blick bestätigt der gezielte Mord die diffusen Bedrohungsgefühle, die eine der Wurzeln der Demonstrationsbewegung sind. Diese Ängste existieren nicht nur in den Köpfen politischer Extremisten.

Sie beschäftigen viele Menschen, die gar nicht in der Versuchung sind, gegen den Islam auf die Straße zu gehen. Wirksam sind sie dennoch; sie sind leicht mobilisierbar und nur schwer wieder zu kanalisieren. Angst ist immer auch irrational, das macht sie politisch so gefährlich. Gerade in dieser Situation ist es daher besonders wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren.

Deutschland ist bisher von vergleichbar schweren Anschlägen verschont geblieben. Das muss und wird vermutlich nicht so bleiben, denn auch unser Land engagiert sich militärisch im Irak. Panikmache wäre falsch. Wichtig ist dagegen, dass die Bundesregierung, dass die Politik die deutsche Gesellschaft auf den möglichen Ernstfall einstimmen. Deutschland fehlt bisher weitgehend die Erfahrung, dass internationale Konflikte auch im eigenen Land ausgetragen werden. Ein bisschen Einmischung in die Konflikte gibt es nicht. Das muss ehrlicher als bisher gesagt werden.

Für das weitere friedliche Zusammenleben in Deutschland lohnt es sich, rechtzeitig ein paar Dinge auseinanderzuhalten. Der Islam ist nicht per se böse. Terrorismus ist keine neue Erscheinung. Es gab ihn aus politischen und aus religiösen Gründen schon immer. Er darf kein Grund sein, eine ganze Religionsgemeinschaft oder Menschen einer bestimmten Herkunft zu stigmatisieren.

Deutschland ist immer gut damit gefahren, die Terroristen als Kriminelle zu betrachten und die Täter der Polizei und Justiz zu überlassen. Keine Weltanschauung, kein Glaube rechtfertigen Gewalt und Mord. Das gilt auch für den neuen Terrorismus. Dass die gesellschaftlichen Ursachen dieses Terrorismus gleichwohl Thema der öffentlichen Diskussion sein müssen, bleibt von hoher Bedeutung. Nur so lassen sich Ängste abbauen.

Deutschland tut sich hier sehr schwer. Aus historischer Erfahrung reagiert das Land beinahe allergisch auf jeden Versuch, Ausländerfeindlichkeit politisch zu instrumentalisieren. Das ist sicher gut so. Hinzu kommt ein hohes Harmoniebedürfnis in der Mitte der Gesellschaft, die es nur schwer erträgt, wenn sich an den Rändern die Extremisten sammeln. Solche Kontroversen muss eine freie Gesellschaft aushalten und am Ende im Sinne der Freiheit aller lösen.

Denn es gehört auch zur Wahrheit, dass das Zusammenleben in einer derart vielfältigen Gesellschaft wie der Deutschen gar nicht immer friedvoll sein kann. Der Anschlag schärft noch einmal den Blick für eine an sich alte Erkenntnis: Die Demokratie, die Meinungs- und Kunstfreiheit haben Feinde. Wenn sich die freie Gesellschaft behaupten will, dann muss sie diese Errungenschaften verteidigen.

Das ist nicht nur eine Aufgabe für die Polizei oder die Politik, sondern für jeden Bürger, und sie erfordert Mut. Wer sich einschüchtern lässt, hilft den Terroristen. Wer aus Angst den Radikalen auf den Leim geht, die einfache Lösungen für komplizierte Fragen haben, verschärft Spannungen. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber.