Kommentar

Zeichen aus Oslo

Allein in Indien müssen rund 60 Millionen Kinder unter zum Teil menschenverachtenden Bedingungen arbeiten. Die Zahl der Kinderarbeiter wird weltweit auf 168 Millionen geschätzt. Schon um diese ernüchternden Zahlen in Erinnerung zu rufen, war die Entscheidung des Komitees zur Verleihung des Friedensnobelpreises wichtig.

Tatsächlich dürfte es selten eine Entscheidung des Komitees gegeben haben, die - völlig zu Recht - auf ein so uneingeschränkt positives Echo gestoßen ist.

Die Verleihung an den 60-jährigen Inder Kailash Satyarthi und die 17-jährige Pakistanerin Malala Yousafzai beleuchtet, wie es in der Welt um die Menschenrechte steht - nämlich nicht gut. Wir Westeuropäer haben unsere Techniken zur Gewissensberuhigung. Oft bedarf das Gewissen gar keiner Beruhigung, weil es gar nicht aufgeregt wird. Dass wir bei unseren Einkaufstouren oft genug Waren mit nach Hause bringen, von denen wir nicht die geringste Ahnung haben, wo unter welchen Umständen sie gefertigt wurden, ist eine Tatsache. Wahr ist auch, dass wir es gar nicht so genau wissen wollen. Es lebt sich bequemer ohne das Wissen, wer dieses Hemd genäht, jenen Fußball gefertigt oder Teppich geknüpft hat.

Die Entscheidung der Osloer Jury lenkt den Blick darauf, dass die Globalisierung ihren Preis hat - den nicht wir in den reichen Wohlfahrtsstaaten zu zahlen haben. Weltweit muss der Kampf um Arbeitnehmerrechte, faire Produktionsbedingungen und die Würde der Beschäftigten wahrende ökonomische Rahmenbedingungen erst noch zu Ende ausgefochten werden. Für uns ist es heute selbstverständlich, dass der Markt Regeln braucht. Weltweit ist das keineswegs selbstverständlich. Daran erinnern die diesjährigen Träger des Friedensnobelpreises.

Uns kostet dieser Kampf fast nichts. Einen genaueren Blick auf Labels vielleicht, die Bereitschaft für gute Arbeit faire Preise zu zahlen. Dort, wo das Zentrum dieses Kampfes um Gerechtigkeit tobt, kostet er etwas mehr - Menschenleben. Als die heute 17-jährige Malala Yousafzai 14 Jahre alt war, haben Taliban einen gezielten Mordanschlag auf sie ausgeführt. Es war ihnen ein Dorn im Auge, dass Malala ihr Recht auf Bildung einforderte, für sich und alle Mädchen. Schüsse verletzten sie schwer am Kopf. Zum Schweigen haben sie dieses unfassbare Kind nicht gebracht.

Wie meilenweit entfernt ist dieser Glaube an die Veränderbarkeit der Zustände von der erbärmlichen Attitüde, die hierzulande in Form des dummfaulen Spruchs "Die da oben machen doch eh was sie wollen" daherkommt? Und wenn es nur die Erinnerung daran wäre, wie sehr es auf das Engagement jedes Einzelnen ankommt, und wie gering dabei das Risiko für uns Bürger der globalen Wohlstandsinseln doch ist - allein dafür wäre die Auswahl der Osloer Jury zu rühmen.

Die Wahl ist auch ein gezieltes Zeichen für Toleranz. Ein Hindu und eine Muslima aus zwei verfeindeten Ländern, die für dieselbe Sache kämpfen. Das dreht den Scheinwerfer natürlich auch auf die bedrückende Wucht, mit der die Terror-Truppen des IS einer ganzen Region ihr Wertesystem überstülpen wollen. Aber wir lassen den gebeutelten Kurden gerne den Vortritt. Auch ihrem Kampf gegen Intoleranz verleiht das Mädchen Malala ein Gesicht.