Kommentar

Völkermord - Deutsche Verstrickung

Berlin. Der Bundestag verabschiedet heute eine Erklärung, auf welche die Fraktionen von Union und SPD womöglich noch ziemlich stolz sind. In ihr hätte der schlichte Satz stehen können: "Der Völkermord an den Armeniern war ein Verbrechen, das wir verurteilen."

Stattdessen aber findet sich an entscheidender Stelle der Erklärung dieses verschwurbelte Satzungetüm: "Ihr Schicksal steht beispielhaft für die Geschichte von Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von denen das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gekennzeichnet ist."

In seiner Mischung aus Pathos und Ungenauigkeit ist das ein schlimmer Satz. Der Völkermord an den Armeniern steht keineswegs "beispielhaft" für irgendetwas anderes. Denn der vor hundert Jahren vom Regime der Jungtürken verübte planmäßige Genozid steht für nichts anderes - er steht für sich. Leid, Tod und Auslöschung sind keine Beispiele für andere Ereignisse: Der Tod ist singulär. Es steckt - gewollt oder ungewollt - eine Relativierung, ein Einebnen des Schreckens in eine Reihe vermeintlich ähnlicher Geschehen in diesem Satz.

Aber immerhin, die Abgeordneten sprechen jedenfalls deutlich von Völkermord. Die Bundesregierung tut sich da noch schwerer. Wenn heute in Armenien dem Geschehen von 1915 gedacht wird, ist Deutschland nicht durch den Bundespräsidenten vertreten, nicht durch die Kanzlerin, auch nicht durch den Außenminister.

Berlin will lieber eine gewisse Verwunderung in Eriwan hinnehmen als einen Konflikt mit der Türkei. Hierzulande nimmt man Rücksicht auf den Nato-Partner, will den strategisch immer wichtiger werdenden Bündnispartner nicht verärgern. Das ist beschämend, denn es verkennt die Debattenlage in der Türkei. Dort wird längst über den Umgang mit den Deportationen und Todesmärschen der Armenier kontrovers gesprochen und teilweise sehr heftig gestritten. Die Zurückhaltung der Bundesregierung ist also keineswegs eine Geste gegenüber der "türkischen Nation" und deren Gefühlen - was allein schon in dieser Angelegenheit unangebracht wäre. Es ist vielmehr eine einseitige Parteinahme zugunsten einer Position innerhalb der innertürkischen Debatte, und noch dazu die Parteinahme für die Haltung der hartgesottenen türkischen Chauvinisten.

Es mögen andere Motive als strategische Erwägungen für das deutsche Lavieren hinzukommen. Mancher Jurist im Auswärtigen Amt raunt von drohenden armenischen Wiedergutmachungsforderungen, was abwegig ist. Da zeigt sich ein wunder Punkt: Denn auch in eigener Sache gibt es da ein beharrliches Verschweigen. Die Türkei war deutscher Verbündeter im Ersten Weltkrieg. Das türkische Heer wurde von hohen deutschen Offizieren mehr als "beraten". Das Kaiserreich war kein neutraler Beobachter, sondern Mitwisser.

Cem Özdemir, der Grünen-Chef, hat die Bundesregierung aufgefordert, sich dafür zu entschuldigen, dass der Rechtsvorgänger "damals untätig geblieben ist". Das kann man so sehen oder auch nicht. Aber auch dieser Aspekt der deutschen Geschichte sollte aktiv aufgearbeitet werden. Andere Nationen sind mutiger. Gerade hat sich das österreichische Parlament klar geäußert. Deutschland sollte folgen.