Kommentar

Tod von Günter Grass - Keiner mehr wie er

Wenn sich Politiker in Deutschland abfällig über Intellektuelle äußern, greifen sie gern auf Vergleiche aus dem Tierreich zurück. Von Ratten, Pinschern und Schmeißfliegen war in der Vergangenheit mitunter die Rede.

Auch die kritische Intelligenz lässt oft jede verbale Zurückhaltung fahren, wenn es darum geht, ihren Unwillen über einen Politiker zu artikulieren. Politikverachtung, hat der CDU-Politiker Norbert Blüm einmal festgestellt, hat in Deutschland eine lange Tradition, die sich darin gefällt, den Geist gegen die Macht auszuspielen.

Dabei wünschen sich manche Politiker Literaten als kritische Wegbegleiter. 1992, damals war sie noch Frauenministerin, beklagte Angela Merkel bei einer Diskussion im Bonner Adenauer-Haus den Mangel an "geistiger Begleitung aus den neuen Bundesländern" beim Prozess der deutschen Vereinigung. Die spätere Kanzlerin sah aber ein: "Wir können sie uns nicht backen, die Schriftsteller."

Der gestern verstorbene Günter Grass ist ohne politisches Engagement nicht vorstellbar. Er mischte sich ein, argumentierte und polemisierte, regte an und regte auf. Grass trommelte für Willy Brandts SPD und trat nach gegen Lieblingsgegner wie Springer-Verlag, Amtskirche und die ihm nicht immer gewogene Literaturkritik. "Haltet in Treue zu meinesgleichen, / denn ohne Autoren bliebe euch Wiederkäuern / nur dürre Wiese und Trockenfutter als Fraß", teilte er der Welt 2012 in einem Gedicht mit. Daraus sprach Selbstbewusstsein, wenn nicht Hybris. "Spiegel"-Herausgeber Rudolf Augstein empfand Grass als "mittelpunktsüchtig", und er hatte recht: Grass war Zentrum seines eigenen Universums.

Es ist weit und breit niemand zu sehen, der einem wie ihm nachfolgen könnte. Gewiss, Martin Walser ist nach wie vor für intellektuelle Aufreger gut; er ist aber auch schon 88. Der politische Betrieb erinnerte gestern respektvoll an den "engagierten Staatsbürger" (Bundestagspräsident Lammert) Günter Grass. Er habe "die Nachkriegsgeschichte Deutschlands mit seinem künstlerischen sowie seinem gesellschaftlichen und politischen Engagement wie nur wenige begleitet und geprägt", schrieb Kanzlerin Angela Merkel.

Zu Lebzeiten musste sich der Autor häufig ganz unfreundliche Bewertungen seines gesellschaftspolitischen Engagements gefallen lassen, bis hin zu "Nicht ganz dicht, aber ein Dichter" (Henryk M. Broder, 2012). Der Literaturchef und spätere Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Frank Schirrmacher vertrat 1992 eine plakative These: Je mehr sich Grass engagiert habe, desto schlechter habe er geschrieben. Politik, sollte das heißen, sei für die literarische Produktion nicht förderlich gewesen, im Gegenteil.

Schirrmachers Kollege Marcel Reich-Ranicki hatte nicht einmal Lust darauf, etwas über die Höhepunkte im politischen Leben des Autors Günter Grass zu erfahren. Zum 2013 veröffentlichten Briefwechsel zwischen Willy Brandt und Günter Grass schrieb Reich-Ranicki lapidar: "An die Zeit des Wahlkampfs erinnere ich mich gut, lesen möchte ich diesen Briefwechsel allerdings nicht."

Die Zeiten scheinen vorbei, als Intellektuelle ernsthaft Einfluss nehmen konnten (und wollten) auf politische Debatten und gesellschaftliche Entscheidungen, gewissermaßen als Gewissen der Nation. Émile Zola ("J'accuse") und sein Zeitungskommentar 1898 zur Dreyfus-Affäre in Frankreich waren das glänzende Vorbild für engagierte Literaten. Heinrich Böll in Deutschland und Jean-Paul Sartre in Frankreich füllten die Rolle im 20. Jahrhundert lange aus.

Günter Grass tat sich trotz aller Leidenschaft ungleich schwerer, denn die Öffentlichkeit war immer weniger bereit, sich von Autoren die Welt und die politischen Verhältnisse erklären zu lassen. Die Priesterherrschaft der Intellektuellen, vor der konservative Kreise sich lange gefürchtet hatten, war an ein Ende gekommen. Günter Grass war ihr letzter überlebensgroßer Repräsentant.