Kommentar

Sexueller Missbrauch: Nicht auf Augenhöhe

Der Fall des Erftstädter Pfarrers lässt die Alarmglocken läuten: Wir müssen unsere Kinder im Alltag konsequent vor sexueller Gewalt schützen. Und wenn Betroffene wie die Frau aus Erftstadt glaubhaft sexuelle Grenzverletzungen schildern können, müssen die Verantwortlichen sofort reagieren.

Auch wenn aus Verjährungsgründen strafrechtlich nichts mehr zu ahnden sein dürfte. Das Erzbistum Köln hat jedenfalls umgehend Fakten geschaffen. Es hat den beschuldigten Pfarrer für die Dauer des Verfahrens entpflichtet. Das ist gut so.

Bis vor fünf Jahren wäre eine derart konsequente Haltung der Kirchen oder ihrer Institutionen wohl kaum denkbar gewesen. Verharmlosung und Vertuschung herrschten vor, wenn Betroffene sich überhaupt einmal getraut hatten, ihrem Schmerz Luft zu machen. Wer sich meldete, wurde als Nestbeschmutzer beschimpft. In den Kirchen herrschte die Devise: Der Täter wird eben einfach versetzt, ohne dass sein Umfeld von den Beschuldigungen weiß - und er kann am neuen Ort gleich wieder übergriffig werden. Wer wollte sich überhaupt vorstellen, in welchem Ausmaß Erwachsene fähig waren und sind, Kinder zu missbrauchen?

Seit Bekanntwerden des Skandals in Berlin 2010 schaut man genauer hin in Kindertagesstätten und Schulen, in Kirchengemeinden und Sportvereinen. Und nicht zuletzt in Familien, in denen ja nach wie vor die meisten Täter zu finden sind. Schulen wie das Aloisiuskolleg (Ako) und das Collegium Josephinum in Bonn gaben Aufklärungsberichte in Auftrag.

Verjährungsfristen wurden verlängert und das Strafrecht verschärft. Einrichtungen wie das Ako arbeiteten Präventionskonzepte aus. Der Bund entsandte einen unabhängigen Beauftragten. Gerade erst debattierte der Bundestag über die Einrichtung einer unabhängigen Kommission zur systematischen Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs. Seit fünf Jahren ist das Thema kein Tabu mehr. Ein Befreiungsprozess ist in Gang gesetzt.

Und doch: Viele beklagen zu Recht, dass sich das Machtgefälle zwischen Opfern und "Täterorganisationen" bis heute fortsetzt. Es ist nicht hinzunehmen, dass auch nach fünf Jahren schmerzhafter Aufklärung vielerorts noch immer nicht auf Augenhöhe verhandelt wird. Die Höhe fairer Anerkennungszahlungen bleibt strittig. Auch bei jahrzehntelang nachgewiesenem Missbrauch wird in einigen Einrichtungen immer noch von Einzeltätern und nicht von systemischen Mängeln gesprochen. Kaum einer will etwas gesehen haben. Das ist der Skandal dieser Tage. Dabei geht es den Betroffenenverbänden längst nicht mehr um einzelne Beschuldigte, sondern um diejenigen, die für den Machtmissbrauch verantwortlich waren. Und damit haben sie recht. Solange "die Täter hinter den Tätern" nicht genannt und zur Rechenschaft gezogen werden, kann es keine Versöhnung geben.