Kommentar

Putins Raketenankündigungen - Sprüche, nur Sprüche

Wladimir Putin versucht sich wieder als Angstmacher. "Dieses Jahr wird der Bestand unserer Atomstreitkräfte um mehr als 40 neue ballistische Interkontinentalraketen aufgefüllt", sagte der russische Präsident, "sie werden fähig sein, selbst technisch perfekteste Raketenabwehrsysteme zu überwinden."

Ein Versprechen, das im Westen als "atomares Säbelrassen", so Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg, ankam, zumindest als verbales Schrauben an der Rüstungsspirale. Zumal Putin nach einem Treffen mit dem finnischen Präsidenten Sauli Niinistö am Dienstagabend noch nachlegte. "Wenn jemand unsere Sicherheit bedroht, werden wir unsere Schlagkraft auf die Territorien richten, von denen die Drohung ausgeht."

Das klingt wie die Reaktion auf die Ankündigungen der USA, schwere Waffen in Osteuropa und neue FF-20-Düsenjäger in Europa zu stationieren. Da eskaliert scheinbar ein Schlagabtausch von Ankündigungen und Drohmaßnahmen wie in den heißesten Zeiten des Kalten Krieges.

Moskau-Experten aber zucken mit den Achseln und verweisen angesichts der klirrenden Erklärungen ihres Präsidenten auf einen Wahlkampfartikel Putins in der "Rossijskaja Gaseta" von 2012, in dem er bis 2022 den Bau 400 neuer ballistischer Atomraketen ankündigte.

"Wenn jetzt 40 davon in Betrieb genommen werden sollen, ist das absolut nichts Unerwartetes", sagt der Militärspezialist Viktor Litowkin. "Bekanntlich veraltet unser Atomarsenal. Ein Großteil der Satana- oder Topolraketen muss schlicht verschrottet werden." Ihr Austausch gegen neue Flugkörper gehe im Rahmen der gültigen Start-Atomwaffenabkommen vonstatten. Zudem ist die Fachwelt längst zackige Meldungen von demnächst in Massenproduktion gehender vaterländischer Kriegshöchsttechnologie gewohnt.

Die neuen Interkontinentalraketen, die Putin ankündigt, erinnern an die Attrappen der Atomraketen, die im Kalten Krieg bei den Paraden zur Oktoberrevolution den Westen einschüchtern sollten. Heutzutage würde man es PR nennen.

Und in Moskau betrachten viele Beobachter Putins kriegerische Sprüche als Bluff. Der wieder um 15 Prozent gestiegene Verteidigungshaushalt von umgerechnet 98 Milliarden Dollar drückt mit 20 Prozent des russischen Gesamtetats einerseits arg auf die Finanzen der kriselnden russischen Wirtschaft, macht andererseits aber kein Sechstel der 610 Milliarden Dollar aus, die allein die USA in ihr Militär stecken.

Schon warnen ironische Stimmen den Kreml davor, sich wieder auf jenes Wett- und Todrüsten einzulassen, dem vor einem Vierteljahrhundert schon die Sowjetunion zum Opfer fiel. "Wir sind wieder soweit, wir sind absolut bereit zu diesem neuen Rüstungswettlauf", kommentiert der liberale Radiosender "Echo Moskwy". Auf jeden Fall ist Putins kriegerische Macht weniger schrecklich als seine Sprüche.