Kommentar

Nur ein Tropfen

Besser spät als nie, heißt es. Deshalb könnte man sagen: Die Stadt kann froh sein, dass sie überhaupt in den Genuss eines Beratungsangebots zum Thema extremistischer, sprich verfassungsfeindlicher Salafismus kommt.

Dass es also eine Stelle gibt, die Angehörige, Freunde, Lehrer berät, wenn sie bei jungen Menschen Anzeichen religiöser Radikalisierung bemerken.

Doch tatsächlich kommt dieses Angebot viel zu spät. Spätestens zu Beginn der Nullerjahre wurde publik, was für ein Radikalisierungsbeschleuniger allein die König-Fahad-Akademie und ihr Umfeld in Lannesdorf waren. Heutzutage ist das Kind vielfach in den Brunnen gefallen. Eine zweite Generation salafistischer Hetzprediger geht mit Hilfe des Internets noch erfolgreicher auf Menschenfang als ihre geistigen Väter. Der Salafismus ist ein bundesweites Phänomen geworden, Bonn ist Sicherheitsbehörden zufolge weiterhin die Salafistenhochburg.

Von daher sind die zwei Mitarbeiter des Präventionsangebots "Wegweiser" nicht zu beneiden. Zwar will die Stadt konkrete Zahlen nicht nennen, dennoch drängt sich der Eindruck auf, dass die beiden eine Herkulesaufgabe zu bewältigen haben. Das können sie nicht allein. Aber selbst eine zweite, zudem befristete Beratungsstelle des Bundes für Bonn ist nur ein weiterer Tropfen auf den heißen Stein.

Ergo kann die Stadt mit diesem Beratungsangebot, das sich zudem ausdrücklich nicht als Aussteigerprogramm versteht, dem Radikalisierungsphänomen kaum zu Leibe rücken. Dafür müssten Schulen, Elternhäuser und Moscheen wahrhaben wollen, welche Brisanz der muslimische Extremismus hat; und Bund und Land viel mehr Anti-Radikalisierungs- und Aussteiger-Programme anbieten als bislang und diese vor allem langfristig finanzieren.

Dabei fehlt es immer noch an wissenschaftlichen Grundlagen. Das Radikalisierungsphänomen ist kaum erforscht. So tun sich selbst Fachleute mit wirksamen Lösungsvorschlägen schwer.