Kommentar

Nazi-Raubkunst - Mehr Transparenz!

Es ist ein atemberaubender Kunstkrimi, der durch die Arbeit der Zollfahnder in einer zugemüllten Schwabinger Wohnung erste Konturen gewinnt. Wobei der schier unglaubliche Fund von rund 1500 Kunstwerken von Dürer bis Picasso nur eine Facette ist. Eine Sensation, ohne Frage.

Schon die in den Raum gestellte und überhaupt nicht belastbare Zahl von einer Milliarde Euro - das soll der Schatz wert sein, auf dem der Rentner Cornelius Gurlitt Jahrzehnte saß - sorgt für Schlagzeilen. Der ideelle und kunsthistorische Wert - schließlich handelt es sich hier um verschollen geglaubte Werke, die einst in deutschen Museen und Kunstsammlungen hingen - spielt im Strudel der Meldungen kaum eine Rolle. Aber das ist die wirkliche Sensation.

An die 10 000 Kunstwerke befinden sich noch auf der Liste der nicht wieder ermittelten Kunstwerke, die die Nazis einst als "entartet" in Museen, Sammlungen und Ateliers beschlagnahmten, 1937 in der Ausstellungstournee "Entartete Kunst" präsentierten, zerstörten oder verschwinden ließen. Was ist verbrannt, was verschwand in dunklen Kanälen, in Sammlungen wie der des früheren Museumsmanns und späteren Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, Vater von Cornelius?

Der Fall steckt voller Fragezeichen. Etwa: Wie ist es zu erklären, dass Cornelius Gurlitt, der vom gelegentlichen Verkauf aus seinem geerbten Raubkunstschatz lebte, damit nicht auffiel? Zumindest 300 der Arbeiten stammten wohl aus deutschen Museen, weitere wurden möglicherweise jüdischen Sammlern abgepresst. Viele dieser Werke sind im "Art Loss Register" der verlorenen und verschollenen Werke registriert. Und trotzdem konnte offenbar einiges in den Kunsthandel gelangen.

Wieder fällt ein schiefes Licht auf diese Zunft, die zum Teil zuletzt im Fall des Kunstfälschers Beltracchi hervorragende Komplizendienste geleistet hatte. Anzumerken ist, dass etwa das damals in Bedrängnis geratene Kölner Auktionshaus Lempertz diesmal beim Angebot eines Max-Beckmann-Bildes aus dem Gurlitt-Fundus alles richtig gemacht und vorbildlich gehandelt hat.

Eine merkwürdige Rolle spielen die mit dem Fall befassten Behörden, die die Beschlagnahme seit dem Frühjahr 2011 geheim hielten. Auch die Bundesregierung wusste seit Monaten von dem Fund. Das lange Zuwarten der Behörden mag der Gründlichkeit der Recherche geschuldet sein, für die zum Teil betagten Erben der bestohlenen Sammler ist es fatal. Warum hat man nicht 2011 alle in der Schwabinger Wohnung gefundenen und beschlagnahmten Werke sofort online veröffentlicht? Warum geschieht das jetzt immer noch nicht?

Den Nachfahren der damals Enteigneten, den jüdischen Familien, den Familien der als "entartet" verfemten Künstler ist man es schuldig, schleunigst für Transparenz zu sorgen.