Kommentar

Mitt Romney tritt gegen Obama an - Offene Flanken

Das Gute an der Entscheidung Rick Santorums, das Handtuch zu werfen, ist das damit verbundene Ende eines unter der Gürtellinie verlaufenden Ideen-Boxkampfs. Das Schlechte: Der Mann, der als Sieger in den Kampf gegen Amtsinhaber Barack Obama ziehen wird, hängt nach vielen Platzwunden aus dem republikanischen Vorwahl-Getöse bereits schwer in den Seilen.

Mitt Romney hat sich so weit auf die rechtspopulistische, religiös eingefärbte Außenbahn abdrängen lassen, dass der Rückmarsch in die wahlentscheidende Mitte beschwerlich wird; dorthin also, wo nicht die Bibel das Gesetz ist und man die Tea-Party-Rumpelstilzchen immer schon peinlich fand. Auch wenn der Ostküsten-Moderate für elastische Überzeugungen bekannt ist: die Neuerfindung, die ihm diesmal abverlangt wird, hat es in sich. Anstatt Augenmaß zu bewahren und Brücken zu schlagen, wenn seine Widersacher Santorum, Gingrich und Paul mit absurden Politik-Vorstößen übers Ziel hinausschossen, hat sich Romney bislang durch noch krudere Vorschläge hervorgetan.

Mit Hilfe von millionenschweren Negativ-Werbekampagnen im Fernsehen hat er zudem die Stilistik der hasserfüllten Auseinandersetzung geprägt - und seine finanziell durchweg unterbemittelten Konkurrenten nahezu demagogisch für unfähig erklärt. Pragmatische, nachvollziehbare Vorschläge für ein besseres Amerika kamen von ihm bislang nicht. So was bleibt hängen.

Wichtiger noch: Romney hat in der Vorwahl-Geisterbahn wichtige Wählergruppen mit radikalen Positionen (Abtreibung, Sozialleistungen, Einwanderung) verschreckt. Bei vielen Frauen, Vertretern der unteren Mittelklasse, bei Armen und Latinos ist der Multi-Millionär unten durch.

Sich bei diesen Gruppen neues Vertrauen zu erwerben, zwingt den unnahbaren Technokraten in einen schmerzhaften Spagat. Er muss Friedensangebote an verprellte Wählerschichten und das Sammelbecken der Unabhängigen formulieren und gleichzeitig das von der religiösen Rechten angefangene Trommelfeuer auf Errungenschaften einer liberal-modernen Gesellschaft beibehalten.

Romney hat in diesem Experiment viele offene Flanken. Mit seinem lächerlich geringen Einkommenssteuersatz, verborgenen Konten in Steueroasen und seinem Credo für Steuersenkungen, weniger Sozialstaat und einem von Regulierung befreiten Kapitalismus verkörpert Romney das, was Obama und die Demokraten in den Mittelpunkt rücken: die drastischer werdende Spaltung einer Gesellschaft, in der sich heute wenige Alleshaber und Abermillionen gegenüberstehen, die sich abstrampeln und gerade so eben über die Runden kommen.

Amerika startet in einen Gerechtigkeits-Wahlkampf mit europäischen Anklängen. Wer hätte das gedacht?