Kommentar

Missbrauch in der katholischen Kirche - Angst und Scham

Es sollte so vorbildlich sein, die Erforschung des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche. Anderthalb Jahre, nachdem der Jesuiten-Pater Klaus Mertes über Missbrauchsfälle an seiner Schule berichtet und damit eine Lawine losgetreten hatte, waren Bestürzung und Erschütterung so groß, dass auch in der katholischen Geistlichkeit ein Wille zur Aufklärung herrschte.

Und nun die Kehrtwende. Es ist verständlich, dass sich ein renommierter Kriminologe in seiner Forschungsarbeit nicht einschränken lassen will, zumal ihm vertraglich weitgehend freie Hand zugesichert worden war. Wenn ein Auftraggeber nach einem Jahr kommt und die Rolle rückwärts verlangt, darf er sich nicht wundern, wenn der Auftragnehmer nun den Eklat öffentlich inszeniert.

Die Bischöfe haben vor ihrer eigenen Courage Angst bekommen. Kritiker unter den Priestern sprechen von "Generalverdacht", der durch flächendeckende Missbrauchs-Ermittlungen in allen Diözesen entstehe.

Aber Auslöser für einen solchen Verdacht sind nicht die Untersuchungen. Gerade die umfangreiche, über Jahrzehnte zurückschauende Aktenauswertung würde die Kirche und ihre Amtsträger weg vom Generalverdacht in das Stadium der Aufklärung führen.

Nur wenn die Kirche die Strukturen erkennt, die Missbrauch begünstigen - falsche Nähe, Abhängigkeit in Hierarchien, Heimlichkeit, Scham und Angst vor Stigmatisierung - , kann man auch dem Missbrauch vorbeugen. Das müssen auch die Bischöfe begreifen.