Kommentar

Kinderarmut: Besorgniserregend

Es ist schon frappierend. Da zeigt sich der Arbeitsmarkt in Deutschland äußerst robust. Die Anzahl der Arbeitslosen sinkt im Vergleich zum Vorjahr sogar um mehr als 200.000. Doch zugleich verfestigt sich die Armut im Land.

Das heißt: Die positiven Effekte auf dem Arbeitsmarkt kommen in einem großen Teil der Gesellschaft nicht an. Dass darunter Hunderttausende von Kindern leiden, ist der eigentliche Skandal dieser Entwicklung.

Da mag es nur ein schwacher Trost sein, dass die Anzahl der armen Kinder absolut gesehen gesunken ist. Ist ja klar, wenn im Zuge der demografischen Entwicklung in Deutschland weniger Kinder geboren werden. Aber die Armutsquote, die den Anteil von Kindern in Haushalten misst, die ihren Unterhalt durch Hartz-IV-Einkünfte bestreiten müssen, ist aufs ganze Land gesehen eben kaum gesunken.

Regional betrachtet fällt auf, dass es gerade im Osten Deutschlands einige Lichtblicke gibt. Eine um ein gutes Viertel gesunkene Armutsquote in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Thüringen - das ist schon was. Auf der anderen Seite steht die in der Tat besorgniserregende Entwicklung im Ruhrgebiet.

Wenn in einer Stadt wie Gelsenkirchen die Eltern von mehr als einem Drittel der Kinder von Hartz IV leben, wenn es in anderen Städten des Reviers Zuwachsraten von fast 50 Prozent gegenüber den Vergleichsdaten von vor fünf Jahren gibt, dann bergen diese Zahlen durchaus sozialen Sprengstoff. Nebenbei bemerkt: Der so oft als erfolgreich gerühmte Strukturwandel an Ruhr, Emscher und Lippe scheint doch nicht so gelungen zu sein, wenn jene, die an der Zukunft mit bauen sollen, in der Gegenwart außen vor bleiben.

Manche mögen über die Aktionen von sozial engagierten Menschen wie dem Kölner Pfarrer Franz Meurer milde lächeln, aber sie sind ungemein wichtig. Gerade die Kinder und Jugendlichen, die es zu Hause schwer haben, deren Eltern nicht mal eben ein neues Jugendzimmer kaufen können, sie fühlen sich ernst genommen, wenn sie eine Perspektive geboten bekommen und sich an Vorbildern wie den Jugendleitern orientieren können.

Auch in zahlreichen Sport- oder anderen Vereinen wird viel Positives geleistet, ebenso in den Kirchen. Darüber hinaus engagieren sich viele Lehrer in den Schulen über das normale Maß hinaus. Aber es gibt eben auch die gegenteilige Entwicklung. Kirchen ziehen sich aus immer mehr Bereichen zurück. Vereine fühlen weniger Unterstützung durch die Kommunen - und die Politik?

Sie setzt den Rotstift an, oft weil sie nicht anders kann, weil die Gesellschaft finanziell gesehen jahrzehntelang über ihre Verhältnisse gelebt hat. Jetzt muss es darum gehen, Prioritäten an den richtigen Stellen zu setzen. Die Bekämpfung der Kinderarmut gehört ganz sicher dazu.