Kommentar zur US-Haltung in der Flüchtlingskrise

Hasenfüßig

Washington. Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren." Der in Bronze gegossene Satz steht auf dem Sockel der Freiheitsstatue in New York. Es ist die Essenz der erfolgreichsten Einwanderer-Nation der Welt.

Gerade deshalb befremdet, dass die USA in der Völkerwanderung, die Europa gerade an den Rand der Überforderung bringt, die Fackel der Freiheit auf Sparflamme gedimmt haben. Nicht mal 2000 Syrer fanden seit Beginn des Bürgerkrieges vor vier Jahren Obdach in den USA. Die Zahl muss Amerika die Schamesröte ins Gesicht treiben. Wie hatte der damalige Außenminister Colin Powell Präsident George W. Bush vor dem Irak-Abenteuer gesagt? "You break it, you own it" - Wer Scherben anrichtet, muss sie auch wegräumen.

Die Ausbreitung des Terror-Netzwerks Islamischer Staat gehört zu den Scherben jener Invasion, mit der Amerika 2003 dem Irak Demokratie und Frieden bringen wollte. Hybris und miserables Urteilsvermögen haben das Gegenteil befördert. Der Vulkan der konfessionellen Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten, Hauptverursacher der von Saudi-Arabien und Iran alimentierten Misere, ist seither in der gesamten Region permanent aktiv.

Präsident Barack Obama hat das Debakel geerbt. Und verschlimmert. Zynische Regionalmächte und seine zu lange praktizierte Nichteinmischungs-Doktrin begünstigen, dass in Damaskus noch immer ein Diktator amtieren darf, der sein Volk mit Fassbomben malträtiert und mit russischem Flankenschutz vorführt, was Obamas rote Linien sind: verschiebbare Gedankenstriche.

Umso mehr empört, wie das der militärischen Intervention überdrüssig gewordene Amerika auch als humanitäre Führungsmacht versagt. Europa ist bei der Suche nach von Menschlichkeit und Vernunft getriebenen Lösungen der Flüchtlingskrise auf sich gestellt. Obamas Ansage, das Kontingent für Syrien-Flüchtlinge auf 10 000 Menschen aufzustocken, ist gemessen an der Wucht des Exodus nur weiße Salbe. Nach dem Vietnam-Krieg bot Amerika einer Million "Boat-People" einen sicheren Hafen. Später wurden ebenso viele Kubaner aufgenommen und 300 000 russische Juden. Als Ende der 90er Jahre der Balkan brannte, wurden - wie 1956 nach dem Volksaufstand in Ungarn - Zehntausende aus dem Kosovo ausgeflogen. Und jetzt?

Angesichts von rund fünf Millionen geflohenen Syrern ist die Hasenfüßigkeit, mit der Amerika agiert, erschreckend. Obama muss der von Überfremdungsängsten geprägten Tonlage im vergifteten Wahlkampf um die Präsidentschaft 2016 entgegentreten. Amerika muss in der Krise endlich die Rolle übernehmen, die einer Weltmacht angemessen ist. Die unbürokratische Aufnahme einer stattlichen sechsstelligen Zahl von Flüchtlingen ist - als Geste, nicht als Problemlöser - das Gebot der Stunde.