Kommentar

Gewalt in Nordirland - Kummer und Neid

Wie brüchig der Frieden in Nordirland immer war, zeigt uns die rohe Wut der Menschen in diesen Tagen: Ganz dicht unter der Oberfläche sitzt sie in Belfast, jener Stadt, die sich doch so unbedingt neu erfinden, kantig und schick präsentieren will.

Die internationale Welt will es so, Belfast will es so. Wer hat sie schließlich nicht satt gehabt, diese Nachrichten vom ewigen Hin und Her der "Troubles", die Racheakte, die Fehden, die niemand außerhalb des Landes verstand?

Was nicht mehr sein sollte, konnte auch nicht sein - die anhaltenden, täglichen Spannungen zwischen Nachbarn, Schulkindern, Jobbewerbern haben Politiker in Nordirland und anderswo seit dem Friedensschluss 1998 ausgeblendet, kleingeredet.

Gebraucht wurden fürs Image gute, keine schlechten Nachrichten. Viel lässt sich jetzt ablesen an der eskalierenden Gewalt: Hier mischen Kinder mit, die dank trostloser Umstände lernen, zu verbitterten Veteranen des Nordirland-Konfliktes aufzuschauen, und Jugendliche, die sich seit langem von der Politik schlecht vertreten fühlen.

Und auch das: Wie schwer es ist für Bevölkerungsschichten, die sich Jahrzehnte auf dem Rücken anderer privilegiert fühlten, Stück für Stück die Insignien der alten Macht abzugeben - zum Beispiel die Flagge.

Die neuen Problemen in Nordirland sind ein Mosaik aus Kummer und Neid. Mit dem katholischen oder protestantischen Glauben, einst Ursache der Gewalt, haben sie kaum noch etwas zu tun. Der Verteilungskampf ist heute ein sozialer - und die Versöhnung eine Frage des Wohlstands geworden.