Kommentar

Gauck in Israel - Hervorragende Figur

Daran kann ein einzelner Staatsbesuch auch nichts ändern: Die Beziehungen zwischen Israel und Deutschland werden immer besonderen Charakter haben. Genau formuliert: einen besonders schwierigen Charakter. Die deutsche Verantwortung für das größte Verbrechen gegenüber der menschlichen Zivilisation ist unauslöschbar.

Aufmerksam beobachten die Israelis eine mögliche rechtsextremistische Renaissance auf deutschem Boden. Der zehnfache Mord deutscher Rechtsextremisten hat gerade in Israel Zweifel erzeugt, ob die deutschen Sicherheitsbehörden auf dem rechten Auge nicht blind seien. Antisemitische Zwischenfälle in Deutschland werden aufmerksam registriert - ebenso wie beispielsweise die massive Israel-Kritik, die sich hinter dem Grass-Gedicht "Was gesagt werden muss" verbirgt. Als die israelische Regierung die Keule des Einreise-verbots gegen den deutschen Nobelpreisträger schwang, bestätigte das die Erkenntnis, dass die bilateralen Beziehungen - vorsichtig formuliert - auf tönernen Füßen stehen. Zwischen Israel und Deutschland besteht nun einmal eine "Atmosphäre des herzlichen Misstrauens".

Vor diesem hochkomplexen Hintergrund wird etwas sehr deutlich: Bundespräsident Gauck macht bei seinem derzeitigen Israel-Besuch eine hervorragende Figur. Was beeindruckt, ist seine Befähigung als Instinktpolitiker. Im Slalom der politischen Fettnäpfchen, die in Israel auf jeden Gast warten, hatte Gauck bei beinahe jeder Gelegenheit das richtige Wort parat. Seine herzliche und persönlich-authentische Art lässt ihn in Tel Aviv auf viel Sympathie stoßen. Er bringt Kritik, wie zum Beispiel im Gespräch mit Ministerpräsident Netanjahu an der Siedlungspolitik, moderat im Ton, aber fest in der Sache vor. Die Beteiligten können sich anschließend noch gut in die Augen sehen. Seine wohl umstrittenste Äußerung, nach der er sich den Satz von Angela Merkel, Israels Existenzberechtigung sei Teil der deutschen Staatsräson, nicht vorbehaltlos zueigen machen wollte, berührte eher die nicht problemfreie Binnenbeziehung zur Kanzlerin als die Substanz der deutsch-israelischen Beziehungen. Merkel weiß genau, dass sie mit dieser Formulierung in der Pathos-Leiter arg hoch gegriffen hat. Sie wollte gegenüber dem Land eine deutsche Festigkeit signalisieren, die über 63 Jahre längst zu einer politischen Selbstverständlichkeit geworden ist.

Gaucks Botschaft ist klar: Wir dürfen als Freunde auch Kritik üben. Im übrigen war der Präsident nicht als politischer Solist aktiv, sondern plädierte ausdrücklich innerhalb der EU-Bandbreite für eine diplomatische Lösung im Konflikt mit dem Iran. Israel sieht sich von weiteren Problemstaaten - Stichwort Syrien - umzingelt. Dazu zählen auch die Palästinensergebiete. Gauck will sie am Donnerstag kennenlernen.