Kommentar

Front National - Trugbild

Vor 43 Jahren hat Jean-Marie Le Pen den Front National mitbegründet, jetzt drängt ihn die eigene Tochter aus der Partei.

Zu unvereinbar wurden seine Provokationen mit der offiziellen Linie des FN und der Strategie der Banalisierung oder "Dediabolisierung", mit der ihn Marine Le Pen als dritte politische Kraft in Frankreich etablieren will. Dazu gehört ihre Drohung, jeden zu verklagen, der den FN als rechtsextrem bezeichnet.

Diente Jean-Marie Le Pen bislang als Anziehungspunkt für radikale Rechte, die es in der Partei nach wie vor gibt, und als Gegenbild, das Marine umso gemäßigter erscheinen ließ, so wurde er zunehmend zur Bürde. Den Mund lässt er sich weiterhin nicht verbieten, aber außerhalb der Partei richtet er weniger Schaden an - so war ihr Kalkül. Es dürfte aufgehen.

Der Ausschluss des 86-Jährigen bedeutet eine strategische, aber keine inhaltliche Zäsur für den FN. Denn das Bild einer modernen Alternative zu den übrigen Parteien, das Marine Le Pen zeichnet, ist ein Trugbild. Die Uneinigkeit zwischen Vater und Tochter betrifft nur die Präsentation, nicht das Programm, das sich in all den Jahrzehnten kaum geändert hat. Marine Le Pen zielt nicht mehr auf die Juden, aber macht stattdessen Migranten und Muslime zu Feindbildern.

Auch unter der dynamisch wirkenden Vorsitzenden bleibt der FN rückwärtsgewandt, antieuropäisch und ausländerfeindlich: Er träumt von einem Frankreich, in dem man mit dem Franc bezahlt, die Grenzen auch innerhalb Europas streng bewacht, Fremde systematisch stigmatisiert und Schwerverbrecher mit dem Tod bestraft.