Kommentar

Fall Edathy - Sein bester Zeuge

Der Fall ist tief. Auf dem Weg nach unten, auf der Abschiedstour aus der Politik, könnte der frühere SPD-Abgeordnete Sebastian Edathy womöglich noch einige langjährige politische Weggefährten mitnehmen (wollen). Edathy, der sich in wenigen Wochen vor Gericht wegen des Besitzes von Kinderpornografie verantworten soll, kämpft seinen letzten Kampf auf einer Bühne, die er jahrelang perfekt bespielt hat und deren Boden ihm unter den Füßen weggezogen worden ist. Selbstverschuldet.

Wenn der einstige SPD-Innenexperte, der zwei Untersuchungsausschüsse ("NSU" und "Gorleben") selbst geleitet hat, tatsächlich über Kinderporno-Ermittlungen gegen ihn gewarnt worden ist, wird dies womöglich ein nächster Fall für die Staatsanwaltschaft.

Wer wen zuerst informiert hat und wer am Ende in wessen Auftrag und in falsch verstandener Kollegialität oder Parteifreundschaft Edathy einen Wink gab, müssen dann Ermittler klären.

Es fällt auf: Der gefallene SPD-Politiker, der sich Hoffnungen auf einen exponierten Posten im Zuge der Großen Koalition gemacht hat, nennt ungeniert Namen. "Im Bilde" über seinen Fall waren demnach tragende Säulen der heutigen "GroKo": Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Fraktionschef Thomas Oppermann, Bundeslandwirtschaftsminister Hans-Peter Friedrich (CSU), der wegen eines vermutlich gut gemeinten Hinweises über Edathy an Gabriel schon vor Monaten seinen Posten geräumt hat.

Die alte Regel gilt auch hier: In der Berufspolitik gibt es keine Freundschaften, nur Zweckbeziehungen, die den eigenen Aufstieg und Machterhalt sichern und einen Fall, wie ihn beispielsweise Friedrich erlebt hat, verhindern sollen. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen den früheren Bundesinnenminister wegen des Verdachts des Verrats von Dienstgeheimnissen sind zwar längst wegen Geringfügigkeit eingestellt. Nur, was nützt es ihm?

Edathy kann es egal sein. Er ist tief unten angekommen. Wenn er alte Kollegen bei seinem Absturz mitreißen kann, bitte sehr. Edathy ist sein bester Zeuge. Er sagt, habe nichts mehr zu verlieren. Deswegen volle Wahrheit, seine Version. Doch was Edathy niemals auch noch so wortreich vom Tisch wischen kann: Pädophilie ist ein menschliches Verbrechen, ein besonders perfides, eine Störung, bei der Erwachsene sich an Wehrlosen vergehen. Pädophilie geht die gesamte Gesellschaft etwas an und es ist eben nicht, wie Edathy meint, Privatsache. Man glaubt es kaum!

Edathy hatte seinen Auftritt. Die Kinder und Jugendlichen, die in Nacktaufnahmen oder pornografischen Darstellungen ihre Haut zu Markte tragen müssen, haben dafür ihre Last fürs Leben. Sie können nicht Nein sagen, weil andere über sie bestimmen - auch ihre Kunden. Edathy weiß das. Diese Schuld wird er nicht mehr los, auch unabhängig vom Ausgang eines Gerichtsverfahrens.